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Interview mit Holger Frölich

»Wir müssen weiterhin global denken«

Holger Frölich
Holger Frölich ist Geschäftsführer bei F&S Elektronik Systeme.
© F&S Elektronik Systeme

Allokationen, der Wegfall von Messen sowie zunehmend komplexe Bauteile – das alles hält die Elektronik-Branche in Atem. Gerade im Embedded-Bereich ist es schwer, sich am Markt zu differenzieren. Wie F&S Elektronik Systeme das gelingt, erklärt Geschäftsführer Holger Frölich exklusiv im M&T-Interview.

Holger Frölich, Jahrgang 1966, studierte technische Informatik in Esslingen. 1994 gründete er mit seinem Gechäftspartner die Frölich & Scholz GbR, die 1996 in die heutige F&S Elektronik Systeme umfirmiert wurde. Seit 2015 ist er alleiniger Geschäftsführer des Unternehmens.

Markt&Technik: Herr Frölich, welchen Herausforderungen sieht sich F&S Elektronik derzeit gegenüber?

Holger Frölich: Herausfordernd ist zum Beispiel die zunehmende Komplexität der eingesetzten CPUs: So wandern immer mehr Funktionsblöcke in die Verarbeitungseinheiten, um zum Beispiel Kamerasignale auszuwerten oder neuronale Netze zu verarbeiten. Hiermit einher geht ein wachsender Anteil, den die Software einnimmt – und damit die Herausforderung, qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Es gibt viele Software-Ingenieure, die Apps programmieren oder mit Datenbanken arbeiten möchten. Jedoch gibt es wenige Software-Spezialisten, die eine Verbindung von Software und Hardware herstellen können. Einerseits fehlt ihnen oft das nötige Wissen, andererseits oftmals der Wille, sich das Wissen anzueignen. Wir müssen häufig vorhandenen Code analysieren und in ihm Fehler finden – ein sehr langwieriger Prozess.

Daneben gibt es die Herausforderung der Allokation. Einerseits entwickeln wir bei F&S Elektronik Software und Hardware selbst, andererseits fertigen wir unsere Produkte ebenfalls selbst. Aus dem Grund beschäftigt uns das Beschaffen der Bauteile für unsere Boards im Moment sehr. Lieferzeiten und Preise steigen – mittlerweile sind Lieferzeiten von bis zu einem Jahr an der Tagesordnung, ganz zu schweigen von den Preisen. Es ist schwer, unseren Kunden das zu kommunizieren – sie müssen ebenfalls gut planen und uns rechtzeitig einbinden.

Sehen Sie Low Code als Chance, die Mitarbeitersituation zu lösen?

Bei unseren Produkten nicht. Gut kann ich mir Low Code für das Programmieren von Apps vorstellen. Bei uns geht es eher darum, ein BSP eines Herstellers auf unser Produkt anzupassen. Es geht eher um das Anpassen einzelner Code-Zeilen und Ergänzungen als darum, neuen Code zu schreiben. Hierfür halte ich das Entwickeln mit Low Code nicht zielführend.

Sie haben die Herausforderungen mit Lieferketten bereits angesprochen. Gibt es Pläne, Lieferketten in Zukunft sicherer und nachhaltiger zu gestalten?

Nachhaltigkeit und Verschiebung der Lieferketten sind Begriffe, die Experten derzeit sehr gerne verwenden. Allerdings muss man sehen, dass die Elektronik-Industrie sehr global aufgestellt ist. Derzeit wird viel über Wafer, CPUs sowie RAMs und deren Herstellung sowie Verfügbarkeit gesprochen. Gerade Wafer-Fabriken in Europa aufzubauen ist ein großes Thema. Jedoch sehen wir ebenso Knappheiten: Zum Beispiel bei Verpackungsmaterialien oder Bonding-Drähten – die komplette Wertschöpfungskette ist global ausgerichtet und steht unter Druck.

Zudem werden in Europa bereits Chips produziert, nicht unbedingt DRAM oder Flash, jedoch spezielle CPUs. Beispielsweise produziert Bosch in Reutlingen spezielle Sensorik-Chips – über ganz Europa gesehen gibt es noch weitere Werke. Natürlich ist es sinnvoll, die nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit sich Firmen wie TSMC oder Intel ansiedeln. So ist es möglich, eine bessere globale Verteilung zu erreichen. Im Grunde wird es jedoch immer eine globale Lieferkette bleiben, wir verkaufen unsere Produkte ja ebenfalls global.

Sie sehen also keine Chance auf eine europäische Lieferkette?

Nein, das kann ich mir wirklich nur schwer vorstellen. Hierfür sind zu viele Komponenten betroffen: von Silizium über Gehäuse bis hin zum Widerstand. Trotzdem müssen wir sehen, dass wir Zugriff auf die Komponenten haben und uns nicht abhängen lassen. Ich denke, man muss außerdem zwischen Asien im Allgemeinen und China im Speziellen unterscheiden. Ich würde es als Problem sehen, wenn die komplette Chip-Produktion in China läge – so ist es jedoch nicht. Mit Korea, Taiwan oder den USA können wir ebenfalls gut zusammenarbeiten.

Ist Second Sourcing ein wichtiger Baustein für Ihr Unternehmen?

Ja, absolut. Second Sourcing ist allgemein ein Punkt, weshalb Kunden auf individuelle Boards setzen – sie wollen unabhängig von einzelnen Komponenten sein. Aktuell haben wir große Probleme im Beschaffen einzelner Bauteile. Somit denken wir darüber nach, beispielsweise ein Redesign eines Boards anzubieten: So können wir dem Kunden ein gleichwertiges Produkt bereitstellen. In dem Zuge achten wir bereits bei der Auswahl unserer Bauteile auf Second Source.

Ein Beispiel: Wir qualifizieren immer gleichzeitig DRAM- oder Flash-Speicher mehrerer Hersteller. So sind wir beim Beschaffen flexibel. Denkt man jedoch beispielsweise an die CPU, sind wir im Arm-Bereich nahezu auf eine Single Source angewiesen. Begründet liegt das in den spezifischen Eigenschaften einer CPU. Benötigt ein Kunde eine bestimmte Fähigkeit einer CPU, ist es schwer, ein vergleichbares Produkt zu finden.

Bei CPUs gibt es jedoch inzwischen eine sehr große Auswahl – hilft Ihnen das?

Ich sehe bei CPUs – gerade im Arm- und Applikationsprozessorbereich – keine allzu große Auswahl, hier konzentriert sich der Markt auf einige wenige Hersteller. NXP hat eine sehr dominierende Stellung im Markt, Texas Instruments ist etwas zurückgefallen. Andere Hersteller wie STMicroelectronics versuchen den Markt zu erschließen, bieten jedoch noch kein großes Produktportfolio an. Zudem ist Renesas zunehmend eine Alternative, jedoch meist noch im Automotive-Sektor.

Da wir gerade über CPUs sprechen: Wie sehen Sie der möglichen Übernahme von Arm durch Nvidia entgegen?

Zunächst möchte ich betonen, dass ich die in letzter Zeit sehr häufig auftretenden Übernahmen durch große Konzerne sehr kritisch sehe. Man sollte kleine Firmen ebenso fördern, oft entstehen in kleinen Unternehmen die besten Ideen.

Ich finde es bedauerlich, dass ein »Verwender« der Technik die ganze Technik aufkauft. Das fördert ein Misstrauen bei Kunden – zum Beispiel taucht die Frage auf, ob sie noch Zugriff auf die neueste Technik haben. Ich könnte mir vorstellen, dass die Übernahme eine Verlagerung von Arm auf RISC-V mit sich bringt. Zum Glück ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Ich denke, es wäre besser, Arm bliebe unabhängig.

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