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Wieder mehr lokale Fertigung?

»Historische Chance für Europa«

EMS Forum
Das erste Live-Forum seit Pandemiebeginn: CEOs und Manager von EMS-Firmen trafen sich auf Einladung der Markt&Technik zur Diskussionsrunde.
© WEKA FACHMEDIEN

Wird das pandemiebedingte Lieferketten-Chaos eine Abkehr von der Billigproduktion in Fernost auslösen? "Die Kunden sind diskussionsbereit", sagen die Teilnehmer beim EMS-Forum der Markt&Technik, das erstmals seit Beginn der Corona-Pandemie wieder live stattfand.

"Die Pandemie und ihre Auswirkungen bringt uns in Europa die historische Chance, dass der billige Einkaufspreis nicht mehr das Hauptkriterium ist", fasst Andreas Schneider, Geschäftsleiter von BMK, zusammen. 

Schlagworte wie „Best-Cost Country“, „Total-Cost-of-Ownership-Betrachtung“ prägen seit vielen Jahren die Diskussion um Fertigungsstandorte. Zum Teil arbeitete der Einkauf bei großen OEMs mit Quotenregelungen, nach der ein bestimmter Anteil in Fernost bzw. in einer Billigregion gefertigt werden musste, um Budgetvorgaben zu erfüllen. Doch durch die Effekte der Pandemie auf die Lieferketten scheint bei einigen Kunden die Schmerzgrenze erreicht: »Wenn ich meinen Markt nicht bedienen kann, weil ich meine Ware nicht aus Asien herausbekomme, dann ist man auch mal bereit, einen Euro mehr zu bezahlen und den Fertiger nebenan zu haben«, berichtet Schneider. Auch Carsten Ellermeier, CEO der Prettl Electronics Group, stellt fest, dass aufgrund der Verfügbarkeitssituation die Local-Content-Diskussion, das heißt der Weg von Produktionsaufträgen zurück nach Europa, derzeit verstärkt aus der deutschen bzw. europäischen Brille betrachtet wird. »Wir haben aktuell viele Local-Content-Anfragen auf dem Tisch – und diese auch gewinnen können«, berichtet Ellermeier. »Die Kunden gehen in eine offene Diskussion, wie sie ihren Wertschöpfungsanteil in Europa erhöhen können, und sind sogar bereit, in die Preisdiskussion einzusteigen. Es gibt Industriezweige, die den Boom im letzten Jahr nicht umsetzen konnten, weil die Produktion nicht hinterhergekommen ist.«

Ein Produktionsstandort in der Nähe kann dem Kunden viele Vorteile bieten, wie Gerd Ohl, Geschäftsführer von Limtronik, erklärt: »Der Kunde weiß, dass er sich hier auf seinen Dienstleister verlassen kann. Wir bieten viel Flexibilität und bringen auch mal die Leiterplatte persönlich vorbei, wenn es eng wird. Das ist unseren Kunden etwas wert und da findet ein Umdenken statt.«

Das größte Problem derzeit sieht Arthur Rönisch, Geschäftsführer von Turck duotec, in den fehlenden Logistik-Kapazitäten. Die bringen nicht nur die Komponenten-Lieferkette zum Zerreißen, sondern es bleiben auch Baugruppen bis hin zu industriellen Subsystemen und Geräten, die in Asien gefertigt werden, hängen. »Bis vor Kurzem war es noch möglich, Material über Luftfracht von China nach Europa zu bringen. Jetzt läuft alles nur noch über den Seeweg, denn Luftfracht ist komplett überbucht, weil pandemiebedingt weniger Flugzeuge fliegen«, gibt Rönisch zu bedenken. Dadurch müssen zwei bis drei – oder auch mehr – Wochen zusätzlich für den Transportweg von Asien nach Europa eingeplant werden. Wenn vor Ort gefertigt wird, passiert das nicht.

Allerdings, so ist sich die Runde weitgehend einig, geht es bei der Forderung nach mehr lokaler Fertigung um die Produktion für den lokalen Bedarf – auch als „Local for Local“ bezeichnet. Das heißt, dass Subsysteme und Baugruppen, die in Deutschland und Europa endverbaut werden, idealerweise auch hier gefertigt werden. Analog sollten – oder müssen je nach landesspezifischen Vorgaben – Produkte für Märkte auf anderen Kontinenten auch dort produziert werden. Etwa in China und zum Teil auch in den USA ist dies sowieso durch entsprechende Schutzregeln für den örtlichen Bedarf so vorgeschrieben. In Europa gibt es bis dato aber keine vergleichbaren Vorschriften.

Bremst Komponentenbeschaffung die Vorteile aus?

Berechtigte Sorge äußert Andreas Schneider darüber, dass der schwierige Beschaffungsmarkt für Komponenten die offensichtlichen Vorzüge der lokalen Produktion zunichte machen oder zumindest einschränken könnte: »Weil die Supply Chain uns momentan nicht die Flexibilität bietet, die wir gerne hätten. Wenn ich meine Bedarfe 18 Monate im Voraus planen muss, dann kann man auch acht Wochen Transportzeit einplanen.«

Es wäre allerdings illusorisch, würde man erwarten, dass künftig eine Lieferkette zu 100 Prozent in Europa umsetzbar wäre. »Dieser Realität müssen wir uns stellen«, meint Michael Velmeden, Geschäftsführer von cms electronics. Dennoch gelte es, Marktkonzentrationen auf dem Bauteilemarkt künftig zu verhindern, auch mithilfe politischer Instrumente, wie Fördergelder für den Ausbau von Arbeitsplätzen innerhalb Europas: »Wir müssen vor Ort neue Quellen aufbauen, um die Lieferketten aufrecht zu erhalten. Im Halbleitersegment ist die EU bestrebt, entsprechende Vorhaben aufzusetzen«, so Rönisch. Entscheidend sei dabei nicht, dass in Europa die modernsten Halbleiterfabriken entstünden, denn, so Rönisch, »eine topmoderne Halbleiter-Fertigung würde ja hier den Bedarf gar nicht abbilden, denn wir produzieren allesamt keine Mobiltelefone in Europa.«

Auch Carsten Ellermeier sieht regionale Abhängigkeiten bei speziellen Materialgruppen und Zulieferteilen kritisch. Als Beispiele nennt er die Wickelgüterfertigung in Tunesien und das Packaging in Malaysia. Von einem Tag auf den anderen ändern lässt sich das nicht. Aber einige auch kurzfristig umsetzbare Schritte zu mehr Unabhängigkeit in der Zulieferkette sind Ellermeier zufolge durchaus möglich. Die Diskussion mit seinen Kunden führt Prettl Electronics daher nicht nur über die Wertschöpfung klassischer Elektronik-Komponenten, sondern auch über Kunststoffgehäuse, Aluminium-Druckguss, Stanzbiegeteile, zeichnungsgebundene Teile etc. »Auch dabei gibt es schon einen Local-Content-Trend.« Weitere Aspekte zum Thema EMS lesen Sie im Trend Guide EMS, der am 29. September erscheint.

Die vollständige Ausgabe 37/2021 können Sie als E-Paper hier lesen.

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