US-Angriff auf Huawei Gefahr für die globale IC-Industrie?

Mit den Verschärfungen der Exportbestimmungen vom 15. Mai haben die USA vor allem Huawei einen Schlag versetzt. Denn jetzt müssen Foundries wie TSMC um eine Lizenz nachfragen, wenn sie Chips für Huawei produzieren wollen.

Bisher hat die Huawei-Tochter HiSilicon die High-End-Chips für Smartphones und die Telekommunikationsinfrastruktur entwickelt und TSMC hat sie mithilfe ihrer fortschrittlichsten Prozesstechniken gefertigt. Auf diese Weise konnte Huawei die eigenen Geräte vom Wettbewerb differenzieren und in schneller Folge neue Gerätegenerationen wie Smartphones auf den Markt bringen – eine Strategie, die Huawei bisher sehr erfolgreich betrieben hat. Entsprechend den neuen Regulierungen der USA dürfen nun aber Foundries, die amerikanische Maschinen für die Chipfertigung und amerikanische EDA-Werkzeuge verwenden, die so produzierten ICs nicht mehr an Huawei liefern, solange sie nicht eine entsprechende Lizenz erhalten. Das aber wäre sehr unwahrscheinlich.

Denn US-Handelsminister Wilbur Ross hatte ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die USA diese Maßnahmen ergriffen haben, um die Schlupflöcher zu schießen, die Huawei erlaubt hatten, die aus dem vergangenen Jahr stammenden Exportbeschränkungen der USA zu umgehen. Der Umsatz von Huawei war im vergangenen Jahr um 19 Prozent auf 123 Mrd. Dollar gewachsen.

Weil die EDA-Werkzeuge und die Maschinen zu einem großen Teil von amerikanischen Firmen hergestellt werden, heißt dies in der Realität, dass Huawei keine Chips mehr produzieren lassen könnte, die in den neusten Prozesstechniken hergestellt werden. Das würde die eigene Wettbewerbsposition entscheidend schwächen. In einer drei Tage nach der amerikanischen Entscheidung von 15. Mai angesetzten Pressekonferenz erklärte Huawei, das Unternehmen sei in seiner Existenz bedroht.

China reagierte sofort und droht nach dem Motto „Keine Chips für Huawei? Keine Flugzeuge von Boeing!“ damit, umgekehrt keine Produkte mehr von amerikanischen Firmen kaufen zu wollen. Vor allem will China noch entschlossener als bisher schon eine eigene Chipindustrie aufbauen.

TSMC befindet sich nun in einer Zwickmühle. Das Unternehmen will weder die amerikanischen Kunden – der größte ist Apple – noch die chinesischen – HiSilicon ist mittlerweile der zweitgrößte – verlieren. TSMC hat zunächst beschlossen, keine neuen Chips mehr an Huawei zu liefern und den amerikanischen Vorschriften zu entsprechen. Genauso hat interessanterweise auch die chinesische Foundry SMIC reagiert. TSMC will nun sogar für 12 Mrd. Dollar eine Fab in Arizona in den USA bauen, wohl um den USA entgegenzukommen. Doch ist die Fab mit einer Kapazität von 20.000 Wafern pro Monat überraschend klein. Sie soll 2024 den Betrieb aufnehmen. Bis dahin kann noch viel passieren. Zur Erinnerung: Foxconn hatte mit viel Tam Tam den Bau eines Werkes in den USA in Angriff genommen, das Projekt verlief allerdings im Sande.

In einer Zwickmühle befinden sich nun aber auch viele weitere IC-Hersteller weltweit, einschließlich der amerikanischen. Sie wollen sich von einem aufstrebenden Markt sicherlich nicht zurückziehen und werden nach Mitteln und Wegen suchen. Es könnte aber auch der Zerfall des globalen IC-Marktes drohen; die Lieferketten könnten kräftiger durcheinandergerüttelt werden, als dies das Corona-Virus bisher geschafft hat.

Huawei und die Zulieferer dürften sich nun überlegen, welche Wege es gibt, die neuen Bestimmungen zu umgehen. Dass es solche Wege geben könnte, ist auch der amerikanischen Regierung bewusst; es war schon die Rede davon, dass die Bestimmungen neuerlich verschärft werden könnten. Doch dürfte es auch für die USA schwierig sein, die komplexen globalen Lieferketten in der Halbleiterindustrie zu überwachen. Auch die amerikanischen EDA-, Maschinen- und IC-Hersteller dürften sich überlegen, wie sie von dem aufstrebenden chinesischen Markt doch profitieren könnten. Die Frage, ob die Verschärfungen und die Entkopplung der amerikanischen und chinesischen Halbleitermärkte der US-Industrie mehr schaden als nutzen, bleibt vorerst offen.