Leerer Arbeitsmarkt

Weltweiter Wettbewerb um Elektroingenieure - was tun?

14. Februar 2022, 0:00 Uhr | Corinne Schindlbeck
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Renate Schuh-Eder, Schuh-Eder Consulting. »Es macht einfach keinen Sinn, einen Top-Teamleiter für Einkauf Elektronik in München für unter 100.000 Euro zu suchen.«
© Markt&Technik

Deutschlands kann den Bedarf an Elektroingenieuren aus eigener Kraft nicht mehr stemmen. Handwerkliche Fehler beim Recruiting tun daher doppelt weh. Unternehmen müssen neue Talentstrategien entwerfen, angefangen beim Gehalt bis hin zur Homeoffice-Strategie.

Laut einer neuen, umfangreichen Arbeitsmarktstudie des VDE, welche Markt&Technik exklusiv vorliegt, kann die Industrie den jährlich steigenden Fachkräftebedarf immer weniger decken. Der VDE schlägt Alarm. Autor ist der langjährige Arbeitsmarktexperte des VDE, Dr. Michael Schanz, Referent für Ingenieurstudium und -Beruf.
Seine Bestandsaufnahme bereitet Sorgen. Zum einen beginnen immer weniger das Studium, zum anderen sind weiterhin riesige »Schwundquoten«, also Abgänge, im Studium zu beklagen. All das führt zu einer gewaltigen und – kaum vorstellbar zu deckenden – Lücke von knapp 11.000 Elektroingenieuren jährlich, wie der VDE in seiner neuen Studie ausführlich darstellt, zu beziehen unter shop.vde.com. Die in den kommenden Jahren noch weiterwachse.

Diese Anzahl fertiger Elektroingenieure muss aus dem Ausland rekrutiert werden, um die Lücke in Deutschland zu schließen. Sie errechnet sich aus dem Gesamtbedarf (Ersatzbedarf durch in die Rente ausscheidende Ingenieure plus Zusatzbedarf durch das unternehmerische Wachstum) minus der von den Unis und Hochschulen auf den Arbeitsmarkt eintretenden Absolventen. Letztere werden aber trotz der hervorragenden Arbeitsmarktchancen immer weniger; das Fach E-Technik hat laut Dr. Michael Schanz ein Imageproblem. Ganz im Gegensatz übrigens zur Informatik, das zuletzt wieder ein sattes Studienanfänger-Plus zu verkünden hatte. Doch das eine Fach gegen das andere auszuspielen helfe ja nicht, sagt Schanz, »wir brauchen ja beide dringend!«.

Grafik VDE 1
Der VDE registriert eine klaffende und weiter wachsende Lücke zwischen Bedarf und Angebot an Elektroingenieuren.
© VDE
Prognose Ersatzbedarf
Die Erstsemesterzahlen Elektrotechnik steigen nicht wie erhofft, sondern gehen zurück – an den Hochschulen für angewandte Wissenschaften (FHs) liegen sie wieder auf dem Niveau von vor zwölf Jahren.
© VDE

Bereits im Jahr 2020 verzeichnete das Fach Elektrotechnik ein Rekordminus von 14,5 Prozent, befeuert durch Corona, dadurch bedingt fehlende z. B. chinesische Studienanfänger sowie einen fehlenden Abiturjahrgang im bevölkerungsreichen Bundesland Niedersachsen durch den Wechsel von G8 auf G9. Dass die Zahlen sich zuletzt aber nicht wieder erholten, sondern stattdessen erneut um 4,3 Prozent einbrachen, besorgt den Arbeitsmarktexperten, zumal die Informatik um satte 6,4 Prozent wachsen konnte. Einen demografischen Effekt schließt Studienautor Schanz aus, Schuld sei vielmehr die nachlassende Beliebtheit des Studiengangs Elektronik und Informationstechnik. Die Anfängerzahlen sind innerhalb von neun Jahren um 35 Prozent eingebrochen, die des Maschinenbaus übrigens um 38 Prozent.

Der Zusatzbedarf der Industrie liegt bei etwa 6200 Elektroingenieuren jährlich. Alleine IuK-Dienstleister, deren Geschäft die Digitalisierung ist, benötigen jedes Jahr 1820 E-Ingenieure zusätzlich, Energieversorger 1460 pro Jahr, der Maschinenbau (Stichwort Industrie 4.0) 1140 und der Fahrzeugbau 1080 Elektroingenieure pro Jahr. Von den Unis kommen aber nicht mal genug, um den Ersatzbedarf durch Ruheständler zu decken, der im Übrigen gut prognostizierbar sei, schreibt der Studienautor: Ab 2022 würden ca. 13.200 Elektroingenieure pro Jahr in den Ruhestand gehen und müssten ersetzt werden – 32 Prozent mehr als noch vor sechs Jahren. Hier schlage die Demografie voll zu, so Schanz.


  1. Weltweiter Wettbewerb um Elektroingenieure - was tun?
  2. Die Chancen, den Hunger nach Elektroingenieuren einfach im Ausland stillen zu können, sind eher gering
  3. Der Großteil der Branche gehört »tendenziell nicht zu den 100 beliebtesten Unternehmen«

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