Voll ausgelastete Auftragsbücher, beschleunigte Programme, Milliardeninvestitionen: Die Verteidigungsindustrie steht vor einem historischen Hochlauf. Gefragt sind Spezialisten für Software, Systeme und Sicherheit. Wer hier einsteigen will, trifft auf einen Boom - und hohe Hürden.
Die Verteidigungsindustrie boomt: die Auftragsbücher sind voll, Programme werden hochgezogen, Kapazitäten ausgebaut. »Die Industrie muss in kürzester Zeit hochfahren – das zieht enorm viel Personal«, erklärt Personalberater Tim Zychacek, Geschäftsführer von Mission:Hire und offizieller Karrierepartner der Enforce Tac in diesem Jahr.
Zumal es sich nicht um einen gewöhnlichen Aufschwung, sondern um einen strukturellen Umbau handelt, wie Branchenkollege Nicholas Minkner von 8R Partners betont. Mehr Geld, mehr Programme, mehr Tempo – was früher ein Projektgeschäft war, steht nun vor industriellem Hochlauf.
Dafür gesucht werden Tausende Ingenieurinnen und Ingenieure, berichten Personalberater aus der Branche unisono. Doch wer glaubt, es handele sich um einen einfachen Wechsel von einer Branche in die nächste, verkennt die besonderen Spielregeln, die hier gelten. »Aufbruch« war auf der Enforce Tac ihr prägender Eindruck, berichtet Personalberaterin Eva Brückner, Geschäftsführerin von Heinrich & Coll. »Überall derselbe Tenor: Wir wachsen, wir suchen dringend Personal.« Brückners Gesprächen zufolge planen Unternehmen inzwischen in neuen Dimensionen: Einstellungen werden vorgezogen, Teams massiv ausgebaut. Wachstumsraten von 20 Prozent und mehr sind keine Ausnahme. »Fast jedes Unternehmen in der Branche ist auf der Suche«, bestätigt Tim Zychacek.
Am Interesse mangelt es nicht, die Zahl der Bewerbungen steigt, auch von Quereinsteigern. Doch viele Kandidaten passen nicht. Der Grund: Die Anforderungen sind spezifisch – und steigen weiter. Minkner erklärt das Paradox: »Es fehlt nicht primär an Budget oder Aufträgen, sondern an Menschen, die komplexe Systeme entwickeln, integrieren und in die Produktion überführen können.« Gefragt sind keine Generalisten, sondern erfahrene Spezialisten. Und genau die sind rar, genauso wie in anderen Tech-Sektoren, in denen Systeme zunehmend softwarebasiert entwickelt, vernetzt und weiterentwickelt werden.
Wie auch in der Verteidigung: »Software Defined Defence« war das Schlagwort auf der Enforce Tac. »Gelebte Realität«, bestätigt Zychacek. Der Bedarf verschiebt sich entsprechend: Embedded-Entwicklung, Systems Engineering, Cybersecurity, KI. Minkner sieht hier einen klaren Trend zu »Software, Datenfusion und vernetzten Systemen«. Nur: Solche Profile sind eben auch in anderen Branchen gefragt. »Der Wettbewerb ist hart«, sagt Minkner. Defense konkurriert direkt mit Automotive, Luftfahrt und Tech.
Und da sind dann noch die speziellen Anforderungen, die die Branche stellt. Trotz des Booms bleibt der Markt schwer zugänglich, und Sicherheitsüberprüfungen verlängern Prozesse auf Monate. »Drei bis neun Monate sind keine Seltenheit«, sagt Zychacek. Gleichzeitig schränken sie den Kandidatenpool erheblich ein.
Hinzu kommt die Kultur. »Die Branche ist nach wie vor sehr geschlossen«, beschreibt Brückner. Netzwerke spielen eine große Rolle, Quereinsteiger haben es schwer, das wurde ihr so auch auf der Messe gespiegelt. Und selbst wenn ein Vertrag unterschrieben ist, dauert es oft, bis neue Mitarbeitende voll einsatzfähig sind.
Warum sich das Image dreht
Trotz all dieser Hürden gewinnt die Branche an Attraktivität, nicht nur für Wechselwillige. »Das Denken hat sich verschoben«, beobachtet Brückner. Viele Ingenieurinnen und Ingenieure sähen ihre Arbeit heute im Kontext von Sicherheit und gesellschaftlicher Verantwortung. Auch Zychacek nimmt diesen Imagewandel wahr: Immer mehr Nachwuchskräfte können sich eine Karriere in der Verteidigungsindustrie vorstellen.
Dazu kommen handfeste Argumente: langfristige, spannende Projekte, stabile Finanzierung, hohe technologische Tiefe. »Der Sektor vereint technologische Relevanz, Investitionsdynamik und gesellschaftliche Bedeutung«, wirbt Minkner.
Doch der Einstieg gelingt nicht jedem. Gefragt sind nicht nur fachliche Qualifikationen, sondern auch spezifische Fähigkeiten: Systemdenken, Erfahrung in sicherheitskritischen Umgebungen und am liebsten mit militärischem Hintergrund, strukturiertes Arbeiten unter regulatorischen Bedingungen. Zychacek übersetzt: Neben Technik zählen Zuverlässigkeit, Diskretion und die Bereitschaft, sich mit den Werten der Branche zu identifizieren. Und was im Ernstfall droht, nordet Branchenkennerin Brückner sehr nüchtern ein und entthront das Ideal eines »cleanen Kriegs« trotz modernster Waffensysteme: »Was echter Krieg bedeutet: viel Leid, Tod, Dreck – und die Unterschreitung jeglicher moralischer Vorstellung«. Mehr zum Thema lesen Sie in unserem Schwerpunkt ab Seite 34 des E-Paper.