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Interview mit Dr. R. Ploss, Infineon

Innovationen, auch digitale, sind kein Selbstzweck

08. Februar 2021, 09:37 Uhr   |  Joachim Kroll

Innovationen, auch digitale, sind kein Selbstzweck
© Werner Bartsch/Infineon

Dr. Reinhard Ploss ist CEO von Infineon und Keynote-Sprecher der embedded world Conference 2021 DIGITAL.

Infineon-CEO Dr. Reinhard Ploss, Keynote-Sprecher der embedded world Conference 2021 DIGITAL, erläutert, wie sein Unternehmen auf heutige Krisen reagiert und in solchen Zeiten Innovationen vorantreibt. Zudem erläutert er, welche Herausforderungen sich hinsichtlich KI und Quantencomputing stellen.

Herr Dr. Ploss, wie wirkt sich die Corona-Krise auf die Innovation bei Infineon aus? Haben Forscher und Entwickler jetzt endlich Zeit, in Ruhe zu arbeiten? Oder erschwert der schwierigere Austausch über Telefon- und Videocalls die Arbeit?

Dr. Reinhard Ploss: Die letzten Monate haben sicherlich bewiesen, dass wir auch unter diesen besonderen Umständen innovativ bleiben können und kreative Problemlösungen finden. Es war schon erstaunlich zu sehen, wie Infineon im Frühjahr quasi über Nacht auf den Remote-Modus umgestellt und das auch für die weitere Zeit der Corona-Pandemie geschafft hat. Da kam uns sicherlich zugute, dass wir als globales Unternehmen schon vor Corona digital gedacht und gearbeitet haben. Ein Vorteil ist sogar, dass man sich eher mal digital trifft, weil man nicht reisen muss. Es wurde allerdings auch deutlich, dass es Themen gibt, für die sich ein persönliches Treffen besser eignet. In Zukunft werden wir hier einen hybriden Ansatz fahren.

Stichwort Krisen: Auch wenn Corona überstanden ist, wird uns die Klimakrise weiterhin begleiten. Beim CO2- und Energiesparen spricht man von sogenannten Rebound-Effekten. Was man durch Technologie-Fortschritte an Energie einspart, wird durch mehr Komfort, größere Fahrzeuge etc. wieder kompensiert. Gibt es diese Gefahr nicht auch in der Elektronik-Industrie?

Dr. Ploss: Der Klimawandel ist zweifellos eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Er wird uns nach der Pandemie weiterhin beschäftigen. Wir können und müssen ihm mit Energieeffizienz und zuverlässiger Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen begegnen. Infineon ermöglicht mit seinen Halbleitern die Erzeugung regenerativer Energien, höhere Wirkungsgrade und effizientes Energiemanagement in bestehenden Systemen sowie darüber hinaus die Entwicklung neuer, innovativer Konzepte, die den CO2-Ausstoß verringern. Technische Lösungen werden eine essenzielle Rolle spielen, um dem Klimawandel entgegenzuwirken und den Menschen ein lebenswertes Leben zu bieten. Es gilt, alle Potenziale zu nutzen, auch wenn dies zusätzliche Investitionen bedeutet. So hat Infineon sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 beim eigenen CO2-Fußabdrucks neutral zu werden.

Mit welchen Maßnahmen wollen Sie das erreichen? 

Dr. Ploss: Die Digitalisierung spielt dabei eine große Rolle. Der Energieverbrauch digitaler Meetings ist deutlich geringer im Vergleich zu Reisen. Und sie funktionieren gut, zum Teil sogar besser als konventionelle Meetings. In manchen Anwendungen ist die Gefahr eines Rebound-Effekts durch die Digitalisierung eine Herausforderung. Der Energiebedarf für künstliche Intelligenz ist heute enorm. Deshalb ist es unbedingt notwendig, Prozessor- und Software-Konzepte zu entwickeln, die energieeffizienter sind. Wir tragen zum Beispiel mit effizienteren Stromversorgungen auf Basis neuer Materialen wie Galliumnitrid oder Siliziumkarbid, die einen höheren Wirkungsgrad bieten, dazu bei.

Dass die Digitalisierung wesentlich bei der Senkung unserer CO2-Emissionen hilft, hat der Verband Bitkom erst noch im November 2020 in einer Studie herausgearbeitet: Wenn sich Deutschland für den beschleunigten Einsatz digitaler Lösungen entscheidet, kann es damit bereits die Hälfte der Reduktion des Kohlenstoffdioxidausstoßes schaffen, zu der sich die Bundesrepublik bis 2030 verpflichtet hat. Aber selbstverständlich müssen wir Innovationen immer kritisch daraufhin prüfen, ob sie unser Leben wirklich besser machen. Innovationen, auch digitale, sind kein Selbstzweck, sondern müssen uns Menschen Nutzen bringen.

Man hört oft, dass die großen amerikanischen Cloud-Provider einen uneinholbaren Vorsprung hätten; und bei KI wären Amerikaner und Chinesen auch schon viel weiter. Da könne Europa kaum noch aufholen. Sehen Sie das auch so?

Dr. Ploss: Europa muss ganz sicher aufpassen, im technologischen Wettstreit nicht zwischen den USA und China zerrieben zu werden. Es ist wichtig, eigene Stärke und Souveränität zu entwickeln. Nur dann können wir im Digitalen Regelungen erreichen, die den europäischen Werten entsprechen. Ganz wesentlich auch: Unsere eigene digitale Kompetenz ist die Voraussetzung dafür, dass wir in Europa wettbewerbsfähig bleiben. Das betrifft alle Ebenen und Bereiche. Die Verwaltung muss digitaler werden, genauso unsere Bildung. Hier hat die Pandemie einen ermutigenden Schub der Modernisierung gebracht.

Unsere Wirtschaft, unsere Industrie braucht ebenfalls mehr Digitalisierung und Verständnis für digitale Systeme. Eine technologisch so hoch entwickelte Region wie Europa kann es sich nicht leisten, nur auf die Leistungen anderer zu setzen. Wenn wir langfristig erfolgreich bleiben wollen, müssen wir die ganze Wertschöpfungskette verstehen – und wenn wir sie für uns nutzen wollen, dann müssen wir sie beherrschen und kontrollieren können. Dazu gehören selbstverständlich Datenplattformen. Wir müssen es schaffen, unsere Werte und die gesellschaftlichen sowie wirtschaftlichen Chancen in der digitalen Welt zusammenzubringen. Wenn es uns gelingt, beides zu verbinden, hat Europa eine fantastische Chance. 

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1. Innovationen, auch digitale, sind kein Selbstzweck
2. Europa und die Digitalisierung
3. Herausforderungen bei KI und Quantencomputing

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