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5-Jahres-Plan für die Mikroelektronik

China: große Chance - und große Gefahr?


Fortsetzung des Artikels von Teil 3

Expertenmeinung: China wird den Markt nicht aufrollen!

Jochen Siebert, Managing Director von JSC Automotive, ist ein Experte für den chinesischen Markt, hat lange dort gelebt und gearbeitet. Wie beurteilt er die Erfolgschancen von China? Kurzum: verhalten.
Seine Meinung erläutert er am Beispiel der Automobilindustrie. »Trotz auch hier hoch gesteckter Zielvorgaben sind heute weder die OEMs noch die Tier-Ones aus China erfolgreich. Natürlich beziehen ausländische OEMs Teile von chinesischen Tier-Ones, doch das sind einfache Komponenten wie Sonnenblenden, aber keine komplexe Elektronik«, so Siebert.

Auch die Solarindustrie dient seiner Meinung nach als Beispiel dafür, dass trotz massiver Investitionen der Erfolg ausbleibt. Siebert: »In China wurden damals insgesamt zwölf Unternehmen in den verschiedenen Regionen aufgebaut, die alle die Führung übernehmen wollten. Schlussendlich hat dies zu enormen Überkapazitäten geführt, so dass heute die Kapazitätsauslastung im Durchschnitt bei 20 Prozent liegt, also weit entfernt von den 60 Prozent, um den Breakeven zu erreichen.« Und nachdem die einzelnen Regionen nach dem Erreichen von Wachstumszielen beurteilt würden, werde weiterhin Geld in diese Firmen gepumpt, obwohl sie de facto eigentlich längst pleite wären. Die 5-Jahres-Pläne sind aus Sieberts Sicht auch aus einem anderen Grund zum Scheitern verurteilt: Auch wenn die Zentralregierung die Ziele vorgibt, die Einzelmaßnahmen müssen auf lokaler Ebene umgesetzt werden. Und hier herrscht die Meinung: »Peking ist weit weg. Es gibt über 6000 Einheiten, die selbst entscheiden, wie sie Pläne umsetzen, und da macht jeder, was er will. Hinzu kommt, dass das Land auch mit einer hohen Korruption zu kämpfen hat«, erklärt Siebert weiter.

Kamen laut Siebert schon 2012 erste Zweifel am chinesischen Wachstum auf, seien mittlerweile die meisten Analysten überzeugt, dass das mit dem Wachstum nicht so weitergehen kann. Siebert: »Seit 2012 wird nur noch Wachstum mithilfe staatlicher Investitionen erreicht, die Produktivität hat nachgelassen. Heute liegt die Produktivität von China bei 12% des US-amerikanischen Wertes – selbst Mexiko liegt höher.«

Neue Kredite werden vielfach nur genutzt, um alte Kredite zu bezahlen, wobei die Staatsunternehmen noch den Vorteil hätten, überhaupt Kredite zu erhalten, denn Banken sind Staatsbanken, die die Gelder ihren Staatsunternehmen zuschieben. »Wenn Privatunternehmen überhaupt Kredit bekommen, haben sie die Chance, ein großes Unternehmen zu werden. Dann aber werden sie meistens verstaatlicht«, so Siebert weiter. So eine Vorgehensweise könne funktionieren, solange die Wirtschaft wächst, aber sie wächst nur nominal und nicht real. Siebert: »Und das nominale Wachstum ist geringer als das Zinsniveau. Es wird kaum investiert, um die Produktivität zu erhöhen.«

Ein weiteres Problem in China besteht seiner Meinung nach in der hohen Verschuldung. Siebert ist sogar der Meinung, das sei eines der größten Probleme. »Nur auf die Zentralregierung bezogen, sehen die Zahlen gar nicht so schlecht aus, denn hier liegt die Verschuldung bei 40% des Bruttosozialprodukts. Die Zentralregierung muss aber auch für die Schulden der Lokalregierungen geradestehen. Und wenn man diese Verschuldung dazurechnet, dann kommt China auf eine Rate von über 300% zum BIP.« Und als letzten Punkt verweist Siebert auf die große Kluft zwischen arm und reich, die in den letzten Jahren sogar noch größer geworden sei, und das beherberge viel sozialen Sprengstoff.

Seine Zweifel an China gehen aber viel weiter: Er glaubt nicht, dass China überhaupt in der Lage ist, ein modernes und reiches Land zu werden, sondern erwartet, dass China in der so genannten mittleren Einkommensfalle (middle income trap) hängen bleibt. Die mittlere Einkommensfalle bedeutet, dass auf ein rasantes Wachstum der Wirtschaft und Gehälter ein deutlich verlangsamter Prozess folgt, weil die Produktivität bei weitem nicht in derselben Geschwindigkeit mitgestiegen ist, wodurch Wettbewerbsfähigkeit und Exportkraft wieder abnehmen. Siebert: »Das liegt u.a. daran, dass das Land zu wenig investiert hat.« Angesichts der Milliarden, die das Land investiert, klingt das absurd, aber aus Sieberts Sicht ist zu wenig in die Ausbildung geflossen, der Großteil der Investitionen ging in den Aufbau der Infrastruktur. Die Folge: Die Ausbildung ist nicht gut. Und damit meint Siebert nicht nur die Universitäten. Seiner Meinung nach beginnt das schon im Kindergarten. Siebert: »Deshalb ist auch die Masse an Studenten, die jedes Jahr Chinas Universtäten verlassen, nicht sonderlich hilfreich, um die Probleme von China zu lösen.« Siebert abschließend: »China ist weder hochentwickelt noch reich, und ich glaube auch nicht, dass China ein modernes Land werden kann.«


  1. China: große Chance - und große Gefahr?
  2. IDM, fabless Unternehmen oder Foundry?
  3. Die Politik ist gefordert: Europa, aufgepasst!
  4. Expertenmeinung: China wird den Markt nicht aufrollen!

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