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China: große Chance - und große Gefahr?


Fortsetzung des Artikels von Teil 1

IDM, fabless Unternehmen oder Foundry?

»Versuchen Sie mal,  in China Software zu verkaufen. Software hat dort keinen Wert, denn die kann man  kopieren.«
Günther Elsner, Renesas Electronics: »Versuchen Sie mal, in China Software zu verkaufen. Software hat dort keinen Wert, denn die kann man kopieren.«
© Renesas Electronics
 »Chinas Strategie besteht darin, sich durch Zukäufe Know-how anzueignen, Fuß zu fassen und dann weiter zu wachsen.  China will nicht nur seinen eigenen Halbleiterbedarf decken, sondern ein wichtiger Player am weltweiten Markt werden.«
Norbert Siedhoff, Microchip Technology: »Chinas Strategie besteht darin, sich durch Zukäufe Know-how anzueignen, Fuß zu fassen und dann weiter zu wachsen. China will nicht nur seinen eigenen Halbleiterbedarf decken, sondern ein wichtiger Player am weltweiten Markt werden.«
© Microchip Technology

Es stellt sich natürlich grundsätzlich die Frage, wie eine Region im Halbleitermarkt überhaupt Fuß fassen kann. In Europa beispielsweise wurde schon viel darüber diskutiert, ob eine europäische Foundry, die den weltweiten Halbleitermarkt bedient, nicht des Rätsels Lösung wäre, denn dann könnte Europa wieder Anschluss bei den fortschrittlichsten CMOS-Prozessen finden. Weyer hält diese Vorgehensweise auch für China als gangbares Modell und fügt hinzu: »Das wäre für uns als Halbleiterhersteller nicht schlecht, weil es dann noch einen Konkurrenten zu TSMC und GlobalFoundries gäbe«, so Weyer.

China verfügt mit SMIC schon über ein Foundry-Unternehmen, das bislang allerdings nicht in der vordersten Reihe mitspielt. Doch Drews ist der Überzeugung, dass sich das ändern wird. Auch GlobalFoundries hätten lernen müssen, dass es alles andere als einfach ist, aus einer IDM-Fab eine Foundry-Fab zu machen. Drews: »Das macht SMIC auch durch. Aber SMIC hat einen langen Atem und den Rückenwind seitens der Regierung.« Und der könnte sicherlich helfen, wenn Drews mit seiner Annahme Recht hat: Wenn ausländische Unternehmen ihre Produkte auf dem chinesischen Markt platzieren wollen, wird ihnen nahelegt, sich diese Produkte von SMIC fertigen zu lassen. »Damit wird SMIC mittel- bis langfristig sicherlich ein sehr erfolgreiches Unternehmen am weltweiten Foundry-Markt sein«, so Drews.

Die Halbleiterfertigung ist aber nur die halbe Miete, weshalb Claudio Valesani, Group Vice President, Head of EMEA Central Europe Sales Unit von STMicroelectronics, darauf verweist, dass es in China schon heute viele kleinere Design-Häuser gibt. Er spricht von 600 bis 700 fabless Herstellern. Könnte aus einem davon ein zweites Qualcomm entstehen? Elsner bezweifelt das, denn bislang werde mindestens die Hälfte des chinesischen Halbleiterimports nicht in China entschieden, sondern in Europa oder Amerika, und »solange die Entscheidungen außerhalb getroffen werden, hat China nicht den direkten Zugriff auf den Markt.«

Andere Länder, andere Sitten

Dass in China die Uhren anders ticken, ist bekannt. Ein Teil der Unterschiede spricht dafür, dass China jeden Markt aufrollen kann, ein Teil macht es eher unwahrscheinlich. Zu den ersteren gehört sicherlich die Tatsache, dass es in China überhaupt nicht ehrrührig ist, Ideen zu kopieren. Weyer: »In China findest du alles, was kopiert werden kann. Es gibt ganze Kaufhäuser, in denen nur gefakte Artikel angeboten werden.«

Siedhoff warnt in diesem Zusammenhang abermals davor, China zu unterschätzen: »China kommt in der Anzahl der Patentanmeldungen direkt hinter den USA, und das auch mit hoher Qualität. Wer so viele Patente anmeldet, kann nicht alles nur geklaut haben. Wenn China in die Halbleitertechnologie investiert, dann hat das Land schon etwas mehr vor. In der Vergangenheit gab es Initiativen, die Marktführerschaft bei der weißen Ware, im Maschinenbau und der Telekommunikation übernehmen zu wollen. Sie haben es mehr oder weniger in allen Bereichen geschafft.« Ebenfalls eher beunruhigend ist ein weiterer Punkt, den Weyer anführt: Er bezeichnet China als das rücksichtsloseste Land, das es gibt: Jeder denke nur an sich.

Daneben verweist er darauf, dass in China der Unterschied zwischen arm und reich deutlich größer sei als in den meisten anderen Regionen der Welt. Und das spreche wiederum dagegen, dass China alle anderen Regionen überrollen kann. Zum einen berge diese Tatsache Gefahr für soziale Unruhen, zum anderen drückten die ungleichen Einkommen Chinas Wirtschaftswachstum. Hinzu käme die extrem hohe Umwelt- und Luftverschmutzung. Und China habe sogar noch mit einem weiteren Problem zu kämpfen, das auf die erst 2015 abgeschaffte Ein-Kind-Politik zurückzuführen sei: »In keinem Land der Welt wird die Überalterung in 20 Jahren so stark ausgeprägt sein wie in China. Und diese Entwicklung kann man nicht zurückdrehen.«

Lieberwirth fügt noch hinzu: »Ende der 80er, Anfang der 90er hatten alle Angst, dass in Zukunft alle Halbleiter nur noch aus Japan kommen. Heute weiß man, dass es nicht so gekommen ist. Die anderen Firmen haben ihre Sache auch gut gemacht. Und ich denke, dass wir auch hinsichtlich China die Möglichkeit haben, hier zu kontern.«

China ist auch eine Chance, oder nicht?

Inwieweit China zum großen Player in der Mikroelektronik aufsteigen wird, ist erst in ein paar Jahren absehbar. Bis dahin ist China für die Halbleiterindustrie aber zunächst einmal eines: eine riesige Chance. Weyer: »Wir sind alle in China aktiv, weil wir an diesem Marktwachstum partizipieren möchten.« Wobei sich genau dieser Punkt derzeit ebenfalls eher als Risikofaktor darstellt, denn der Wachstumsmotor in China stottert, was Befürchtungen schürt, dass die nächste große Rezession aus China kommen könnte.


  1. China: große Chance - und große Gefahr?
  2. IDM, fabless Unternehmen oder Foundry?
  3. Die Politik ist gefordert: Europa, aufgepasst!
  4. Expertenmeinung: China wird den Markt nicht aufrollen!

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