Letzte Frist ergebnislos abgelaufen Qualcomms NXP-Übernahme endgültig gescheitert

Qualcomm Headquarter im kalifornischen San Diego.
Qualcomm Headquarter im kalifornischen San Diego.

Nach einer 21-monatigen Odyssee mit insgesamt 28 Fristverlängerungen ist der Übernahmeversuch des Chipherstellers NXP durch seinen US-Konkurrenten Qualcomm endgültig gescheitert. Die chinesischen Wettbewerbshüter haben bis zum Ablauf der letzten Frist am 25.Juli keine Zustimmung zu dem Deal erteilt.

Bei der Präsentation der Quartalsergebnisse des 3. Quartals des Geschäftsjahres 2018 erklärte Qualcomm, „wir beabsichtigen, unseren Kaufvertrag zum Erwerb von NXP zu kündigen, wenn die Vereinbarung heute am Ende des Tages ausläuft, bis sich wesentliche neue Entwicklungen ergeben“. CEO Steve Mollenkopf dankte explizit seinem Kollegen Rich Clemmer für seinen Einsatz in den vergangenen 21 Monaten, um den Deal möglich zu machen. Er erklärte gleichzeitig, dass er in der “derzeitigen politischen Situation” keine Chancen mehr sehe.

Bereits im April hatten sich die beiden Unternehmen eine letzte Frist bis zum 25. Juli gesetzt, um die Übernahme in Höhe von 44 Mrd. Dollar abzuschließen. Während Qualcomm seine Firmenzentrale im kalifornischen San Diego hat, wurden 2017 fast zwei Drittel der Umsätze in China getätigt. Bei NXP kamen im Jahr 2017 fast 40 % des Umsatzes aus China.

Wie immer nach gescheiterten Transaktionen wird auch in diesem Fall als erstes nach einem Schuldigen gesucht werden, diese Rolle dürfte auf Grund des begonnenen Handelskrieges mit China vermutlich US-Präsident Donald Trump zugedacht werden. Aber auch wenn Trump insbesondere mit dem Chip-Boykott des chinesischen Elektronikkonzerns ZTE und dem daraus resultierenden Produktionsstopp viel Öl ins Feuer gegossen hat, darf man nicht vergessen, dass das Zerwürfnis von Qualcomm mit China viel früher begann.  Die chinesische Kartellbehörde untersuchte Qualcomm bereits im Jahr 2015 und stellte fest, dass ihre Patentvergabepraktiken gegen Antimonopolgesetze verstoßen. Qualcomm wurde seinerzeit zu einer Strafzahlung  in Höhe von 975 Millionen Dollar verdonnert.

Die Entscheidung von Qualcomm, die Übernahme aufzugeben, folgte Lobbying in letzter Minute durch hochrangige US-Politiker, darunter Finanzminister Steven Mnuchin und Handelsminister Wilbur Ross, die versuchten, ihre chinesischen Amtskollegen davon zu überzeugen, den Genehmigungsprozess des Deals von den aktuellen Verwerfungen zu trennen, sagten US-Industriemanager.

Mnuchin sprach mit dem chinesischen Vize-Minister Liu He, um die Zustimmung zu erhalten, und Ross tat dasselbe mit Chinas Botschafter in den USA, Cui Tiankai. Die US-Politiker argumentierten, dass die Qualcomm-Entscheidung nach den individuellen Kriterien des Deals getroffen werden sollte.

Die Folgen für Qualcomm

Seit der Übernahmeankündigung im Jahr 2016 hat Qualcomm turbulente Zeiten hinter sich gebracht. Der Aktienkurs ist seit Januar 2017 stark unter Druck, als sein langjähriger Kunde Apple und die Federal Trade Commission Klagen einreichten, in denen Qualcomm beschuldigt wurde, seine Marktmacht und seine Patentposition zu missbrauchen, um ungerechtfertigt hohe Lizenzgebühren zu erheben. Dann kamen die Abwehr des Übernahmeversuches von Broadcom – ironischerweise mit Hilfe der US-Regierung – und Entlassungen von Mitarbeitern, weil man den Aktionären höhere Renditen versprechen musste.

Nunmehr muss man und zwar noch heute bis 15.00 Uhr deutscher Zeit 2 Mrd. Dollar „Exit-Fee“ an NXP überweisen.

Technologisch liegt Qualcomm bei der nächsten Mobilfunkgeneration 5G wie auch schon in der  Vergangenheit ganz weit vorne. So können die Kalifornier jetzt eine funktionierende mmWave-Lösung für den Mobilfunk liefern, was bis vor nicht allzu langer Zeit als kaum realisierbar galt. Bisher sind mmWave-Signale aufgrund unterschiedlicher Herausforderungen nicht für die mobile drahtlose Kommunikation verwendet worden – dazu zählen Materialien, Formfaktor, Industriedesign, Wärmemanagement und regulatorische Anforderungen aufgrund der Strahlungsleistung.

Das Problem sind der nicht mehr wie in früheren Jahren wachsende Smartphone-Markt sowie die SoC-Eigenentwicklungen von Apple, Huawei und Samsung. NXP sollte mit seinen mehr als 14.000 verschiedenen Chips, die in Autos, Mobile-Payment- und anderen Anwendungen zum Einsatz kommen, als „Fast Track“ bei der Diversifizierung des Qualcomm-Geschäfts dienen.

Immer noch im Raum bzw. erneut nach dem Scheitern der NXP-Übernahme steht die Möglichkeit, dass Paul Jacobs, ehemaliger CEO und Sohn eines der Gründer des Unternehmens, Irwin Jacobs, ein Angebot zur Privatisierung des Chipherstellers abgeben könnte. Jacobs hat mittlerweile zusammen mit Qualcomms Ex-CTO Matt Grob und dem Ende Dezember 2017 gefeuerten Ex-President Derek Aberle, der bei Qualcomm für das Lizenzgeschäft verantwortlich war, eine neue Firma mit dem Namen XCOM gegründet, die sich mit 5G-Technologien beschäftigen wird. Während Jacobs als CEO fungiert, wird Aberle COO und Grob CTO von XCOM. Aberle bestätigte, dass die Neugründung von XCOM nicht bedeuten würde, dass Jacobs und er aufhören würden, Investoren für einen Buyout von Qualcomm zu suchen. XCOM könnte im Erfolgsfall in Qualcomm aufgehen oder von Qualcomm gekauft werden.

Nichtsdestotrotz darf man nicht vergessen, dass Qualcomm auch ohne NXP deutliche Fortschritte außerhalb des Handy-Geschäftes gemacht hat. Aktuell steht ein Auftragsbestand von insgesamt 5 Milliarden Dollar alleine in der Automobilindustrie zu Buche. Zudem plant Qualcomm einen Aktienrückkauf von bis 30 Milliarden Dollar, um seinen Aktienpreis anzuheben. Auch dies wurde bei der Präsentation der Quartalsergebnisse bestätigt.

Die Folgen für NXP

Dramatischer stellen sich die Folgen für NXP dar und zwar schon heute. 21 Monate Unsicherheit über die Zukunft des Unternehmens waren für Mitarbeiter und vor allen Dingen Kunden mehr als unerfreulich. Unternehmen frieren vor Akquisitionen häufig bestimmte Ausgaben ein, insbesondere das zu erwerbende Unternehmen, wie Einstellung von Personal, Marketing und/oder F&E. NXP beispielsweise hat seine FTF-Entwicklerkonferenz, eine der besten Veranstaltungen für Embedded/Industrie-Ingenieure, eingestellt.

Diese Situation der Ungewissheit gab Rivalen die Möglichkeit, Personal und Geschäfte zu übernehmen. Die Verkaufsteams der größten Konkurrenten von NXP im Automobilbereich - Infineon, ST Microelectronics und Texas Instruments – waren in den letzten Monaten alles andere als untätig, um (ehemalige) NXP-Kunden von den eigenen Lösungen zu überzeugen. Und was die Sache aus Sicht der Niederländer nicht besser macht, gerade im Automobil- und Industrie-Bereich gibt es vergleichsweise lange Produktzyklen, ist man erst mal raus, dauert es entsprechend, bis man wieder eine Chance auf ein Design-In bekommt.

Dies belegt die Umsatzentwicklung von TI, ST, Infineon und NXP über die letzten 4 Quartalsberichte jeweils im Vergleich zum identischen Quartal des Vorjahres. Während NXP als einziger der 4 genannten Chip-Hersteller in 3 von 4 Quartalen Umsatzrückgänge im Vergleich zum Vorjahr hinnehmen musste, konnten TI und ST durchgängig zweistellig wachsen, Infineon im Schnitt immerhin noch um 8,25 % pro Quartal. TI vermeldete im Schnitt 11,5 % Wachstum und ST sogar 21,44 %. NXPs „Wachstum“ in den letzten 4 Quartalen im Schnitt: -3,4 % (+2, -1.6, -5 und -9 %).

Immerhin erhält das niederländische Unternehmen von Qualcomm  ein „Exit-Fee“ in Höhe von 2 Mrd. Dollar. Wenn NXP dieses Geld für einen Aktienrückkauf zum aktuellen Preis verwenden würde, könnte es den Gewinn pro Aktie um etwa 5 Prozent steigern. Das könnte den aktuellen Aktienkurs, der nach Börsenschluss bei nur noch 98,37 Dollar liegt, näher an das Übernahmeangebot von Qualcomm von 127,50 Dollar heranführen.

NXP kann weiterhin auf das branchenweit größte Portfolio an MCUs, MPUs und SoCs in Kombination mit Sensoren und Interconnects für neue Anwendungen wie die autonome Steuerung von Drohnen, Fahrzeugen und industriellen Lösungen zurückgreifen.

Unstrittig gibt es bei NXP auch einen persönlichen Verlierer: CEO Rich Clemmer, der sich neben der üblichen Merger-Prämie (gemunkelt wird von 400 Mio. Dollar) auch auf seinen Ruhestand gefreut hatte. Er muss zumindest temporär weitermachen, wann es einen jüngeren Nachfolger geben wird, steht in den Sternen. Dass NXP in den letzten Jahren aktiv einen Nachfolger für Clemmer aufgebaut hat, ist eher unwahrscheinlich, da man ja bis zuletzt mit einer erfolgreichen Übernahme durch Qualcomm gerechnet hatte.

Möchte Broadcom jetzt NXP übernehmen?

Es gibt neben der Übernahme durch Qualcomm natürlich noch andere mögliche Deals. Die Logik, NXPs Automobil- und Industriegeschäft mit einem Mobilchip-Anbieter zu verbinden, ist ja nicht grundsätzlich abwegig, nur weil der Qualcomm-Deal geplatzt ist. Broadcom's untriebiger CEO Hock Tan, der vergeblich versucht hat, Qualcomm zu kaufen, könnte Interesse haben, zumal Broadcom bei Chinas grossen Infrastrukturanbietern Huawei & Co. immer herzlich willkommen ist. Offenbar hat die ehemals in Singapore ansässige Firma wie übrigens auch Infineon und NXP, das 2011 den ehemaligen Qimonda-CEO Kin Wah Loh als Salesmanager und Netzwerker in China verpflichtete, frühzeitig begriffen, wie man vertrauensvolle Geschäfte in China abschließt und dass bei den großen Staatskonzernen auch immer das Pekinger Politbüro mit seinem langen Arm mit am Tisch sitzt. Auch wenn sich NXPs und Kin Wah Loh’s Wege Ende 2015 wieder trennten, hat der gebürtige Malaye zuvor viele Deals im Reich der Mitte eingefädelt. NXP würde sicherlich von einem Broadcom-Kauf profitieren, um seine steigenden Forschungs- und Entwicklungskosten  auf ein größeres Portfolio umlegen zu können.

Fazit

Das Positive am Ende der Odysee ist, dass sie nun endlich beendet ist und wieder Sicherheit für Kunden und Mitarbeiter gegeben ist. Dass in den letzten 19 Monaten sowohl Qualcomm als auch NXP gelitten haben, steht außer Zweifel. Nichtsdestotrotz haben beide Firmen das Know-How und das Personal, sich auch zukünftig erfolgreich am Markt zu platzieren.

Qualcomm ist führend beim Übergang zu AI und 5G, einschließlich der Einführung von mmWave für mobile Anwendungen. NXP kann die Kündigungsgebühr neben einem Aktienrückkauf auch zur Finanzierung zusätzlicher Entwicklungs- und Marketing-Programme verwenden.

Wäre der Deal durchgegangen, wäre es natürlich für beide Seiten besser gewesen: Qualcomm hätte Zugang zu einem großen MCU-Portfolio, branchenführender NFC-Technologie, einem globalen Vertriebsnetz und wichtigen OEMs sowohl im Consumer- als auch im Industriesegment erhalten. NXP hätte Zugang zu den Snapdragon-Technologien wie Adreno GPU, Hexagon DSP und Spectra ISP, zu führenden Lösungen für drahtlose Technologien wie 5G, NB-IoT, Wi-Fi und Bluetooth sowie zu den Entwicklungen um maschinelles Lernen und AI erhalten. Auf der anderen Seite arbeiten beide Unternehmen ja schon heute eng zusammen, und vielleicht kann NXP ja interessante IP wie die Adreno-GPU oder den Hexagon-DSP von Qualcomm lizensieren.

Weltuntergangsstimmung ist daher trotz des geplatzten Deals nicht angesagt, auch wenn die aktuellen schwarzen Wolken noch einige Zeit am Himmel hängen bleiben dürften. Qualcomm sollte sich m.E. nunmehr darauf konzentrieren, endlich den Lizenzgebühr-Streit mit Apple zu lösen. Dessen Folge wurde nämlich auch bei der Präsentation der Quartalsergebnisse aufgezeigt: In seiner nächsten iPhone-Generation wird Apple keine Modems mehr von Qualcomm verbauen, sondern 100 % auf Intel setzen.