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Interview ATEcare / Baugruppeninspektion

»KI ist ein Zukunftsthema mit viel Potenzial«

Olaf Römer, ATEcare: »Deutschen Unternehmen fehlt oftmals der Mut, um in zukunftsweisende Technologien zu investieren.«
Olaf Römer, ATEcare: »Deutschen Unternehmen fehlt oftmals der Mut, um in zukunftsweisende Technologien zu investieren.«
© Markt&Technik

Intelligente visuelle KI-Inspektion – mit dieser Aussage bewirbt ATEcare das Inspektionssystem Kitov One seines israelischen Partners Kitov Systems. Über die Chancen und Risiken, Hoffnungen und Bedenken bezüglich KI im Baugruppentest sprechen wir mit Olaf Römer, Geschäftsführer von ATEcare.

Markt&Technik: Herr Römer, ist die künstliche Intelligenz in der Baugruppeninspektion angekommen?

Olaf Römer: KI ist ein Zukunftsthema mit viel Potenzial. Das zeigt sich beispielsweise in der Spracherkennung und der Bildverarbeitung. So könnten Maschinen zukünftig mit Sprache instruiert werden. Aber auch 3D-Brillen bieten interessante Optionen wie das Anleiten von Personen bei der Reparatur einer Maschine. Außerdem lassen sich erste Ansätze für KI im Bereich der Bilderkennung ausmachen. Das macht sich auch der für die vollautomatisierte visuelle Sichtprüfung in der End-of-Line-Inspektion konzipierte Kitov One zunutze. Er kann beispielsweise eine zu prüfende Schraube mit einer gewaltigen Material-Bibliothek von über 10.000 verschiedenen Schraubentypen abgleichen und zugleich spezifische Vorgaben berücksichtigen und aus Fehlerbildern lernen. Weil das Gerät ferner die von einem Menschen vorgenommenen Programmoptimierungen eigenständig übernimmt und abspeichert, verfügt es über eine gewisse Intelligenz. Andere Geräte hingegen führen bestimmte Prozesse auf Basis von Algorithmen aus. Diese Maschinen erfassen Toleranzen, um sie aufgrund vorgegebener Messwerte einzuschätzen. Pseudofehler müssen dabei jedoch von Menschen beurteilt werden. Hier sind also noch einige Entwicklungsschritte nötig, wobei reine Softwareanpassungen nicht als KI verstanden werden sollten.

Leider wird der KI-Begriff nur allzu gern für Marketingzwecke ausgeschlachtet – hier sollten Kunden sich vorab informieren und nach Details fragen. KI ist Zukunft und noch lange nicht selbstverständlich.

In welcher Anwendung spielt KI ihr volles Potential aus?

KI lässt sich meiner Meinung nach derzeit am besten im Bereich der Geräteendkontrolle nutzen, um die Bildauswertung und die automatische Programmgenerierung zu optimieren. Denken Sie zum Beispiel an einen Kratzer auf einer Oberfläche. Vielleicht handelt es sich dabei um Schmutzpartikel? Während ein Mensch das schnell einschätzen kann, muss eine Maschine diese Bewertung erst lernen. Bis ein System über die dafür erforderliche Intelligenz verfügt, muss es angelernt werden.

Ein Fall für die künstliche Intelligenz also?

Definitiv. Optische und haptische Tests unterliegen Schwankungen, die Prüfprogramme nur bis zu einem gewissen Grad berücksichtigen können. Natürlich lassen sich Ergebnisse durch Debugger optimieren. Jedoch handelt es sich dabei um Berechnungen, die nicht auf künstliche Intelligenz zurückzuführen sind. Vielmehr werden hier lediglich Messwerte beurteilt, ausgerechnet und vorgeschlagen. Diese von einem Rechenalgorithmus generierten Empfehlungen müssen dann von einer übergeordneten Instanz bewertet werden. Fehlt dieser Entscheider, können individuelle Urteile zu komplett falschen Regeln führen. Das wiederum kann sich negativ auf das Gesamtprodukt auswirken. KI könnte hier zur endgültigen Beurteilung der Werte beitragen.

Welche Rolle spielen die fortschreitende Miniaturisierung und die immer höheren Packungsdichten?

Weil die Kleinststrukturen bereits Atomgrößen entsprechen, wurden inzwischen physikalische Grenzen erreicht. Zwar lassen sich in der Elektronik kleinste Strukturen verbauen, deren Handhabung ist jedoch sehr schwierig und nur mit Automaten möglich. Derzeit können weder Menschen noch Roboter miniaturisierte Bauteile im erforderlichen Umfang nachbearbeiten. Weil hier zudem keine konstante Bildauswertung möglich ist, schrecken Kunden vor miniaturisierten Bauteilen zurück. Layouter setzen somit bevorzugt auf Bauteile, die sich notfalls auch per Hand bearbeiten lassen. Die Miniaturisierung bringt also keine neuen Prozesse mehr hervor.

Dennoch brauchen wir neue Entwicklungen, wobei es interessante Ansätze gibt. Etwa Maschinen, die selbstständig andere Maschinen über Fehler informieren, damit dieser automatisch korrigiert werden. Aktuell sind derartige Prozesse aber noch wenig praxistauglich und kommen somit kaum zur Anwendung.

Wie ist Deutschland in Sachen KI aufgestellt? Welche Hürden sind noch zu nehmen?

Deutsche Unternehmer haben ein ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis – was prinzipiell in Ordnung ist. Allerdings können sich die hohen Sicherheitsstandards auch sehr eingrenzend auswirken und Firmeninhaber dazu bringen, bestimmte Bereiche ins Ausland zu verlagern. In Deutschland besteht dadurch die Gefahr, den technologischen Anschluss zu verlieren. Ein Beispiel: Hierzulande werden Baugruppen im elektrischen Test noch immer manuell eingelegt und der Prüfvorgang per Knopfdruck gestartet. Eine Aufgabe, die ein Roboter leicht ausführen könnte. Weil in Deutschland jedoch auch sehr langsam agierende Cobots als Gefahrenquelle verstanden werden, ist für diese eine Einhausung vorgeschrieben. Das macht die Handhabung schwierig und teuer. Überdies gilt es, umfangreiche Sicherheitstexte und Risikoanalysen auszuarbeiten. Unternehmen werden somit nicht selten auch durch regulatorische Handicaps behindert. Warum ist das kein Problem in anderen EU-Ländern?

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