Mit Acticor Sky und Rivacor Sky lanciert Biotronik die ersten ICD- und CRT-D-Implantate mit CE-Zulassung für Reizleitungs-Stimulation. Die Gerätefamilie vereint physiologische Stimulation mit Arrhythmiemanagement und schließt eine Lücke, die Hochvoltgeräte bislang von der CSP-Indikation ausschloss.
Herzschwäche ist in der westlichen Welt eine Volkskrankheit und gehört zu den häufigsten Todesursachen. Bei Patientinnen und Patienten, deren Herz eine eingeschränkte linksventrikulärer Funktion besitzt und bei Leitungsstörungen wie dem Linksschenkelblock gehört die kardiale Resynchronisationstherapie (CRT) seit Jahren zu den etablierten Therapien: Dabei stimulieren implantierte Defibrillatoren (CRT-D) beide Herzkammern synchron, um die mechanische Effizienz des Herzens zu verbessern. Klassische CRT-Systeme setzen dafür in der Regel drei Elektroden ein – je eine an der rechten Kammer, der rechten Vorhofwand sowie am linken Ventrikel über den Koronarsinus.
Mit der sogenannten Conduction System Pacing (CSP) gewinnt ein neues Stimulationskonzept an Bedeutung. Statt das Herzmuskelgewebe direkt zu stimulieren, aktiviert CSP gezielt das natürliche Erregungsleitungssystem des Herzens – insbesondere durch das Left Bundle Branch Area Pacing (LBBAP), bei dem die Elektrode im Bereich des linken Tawara-Schenkels verankert wird. Das ermöglicht eine physiologischere, synchrone Erregungsausbreitung und kann bei geeigneten Patienten eine konventionelle linksventrikuläre Elektrode überflüssig machen. Bisherige Herzschrittmacher mit CSP-Zulassung waren auf Niedervoltgeräte beschränkt; für Hochvoltgeräte – also ICD und CRT-D – fehlte bislang eine regulatorische Grundlage.
Diese Lücke schließt Biotronik nun: Mit Acticor Sky (ICD) und Rivacor Sky (CRT-D) stellt das Unternehmen nach eigenen Angaben die weltweit ersten vollständig CE-zugelassenen LBBAP-fähigen Hochvoltimplantate vor. Die neue Gerätefamilie ist ab sofort in Europa verfügbar.
Die erste kommerzielle europäische Implantation fand am Universitätsklinikum Frankfurt statt. Anastasia Falagkari und Prof. Reza Wakili setzten dort den CRT-D Rivacor Sky HF-T bei einem 87-jährigen Patienten mit ischämischer Kardiomyopathie, Vorhofflimmern und einer erwarteten hohen ventrikulären Stimulationsrate ein. »Die Stimulation im Bereich des linken Tawara-Schenkels ermöglicht physiologischere und synchronisierte Herzkontraktionen – genau das, was wir bei der Resynchronisationstherapie anstreben«, sagte Falagkari. Wakili ergänzte, die Kombination aus physiologischen Stimulationsoptionen und dem erweiterten DX-Vorhofssensing auf einer gemeinsamen Plattform ermögliche es, Arrhythmien früher zu erkennen und Therapiepfade präziser anzupassen.
Neben der CSP-Fähigkeit betont Biotronik bei den neuen Geräten vier Kerneigenschaften: physiologische Stimulationsoptionen, erweitertes Arrhythmiemanagement, optimierte Therapieabgabe sowie Workflow-Effizienz für den klinischen Alltag. Das DX-Konzept – bekannt aus früheren Biotronik-Geräten – ermöglicht Vorhofwahrnehmung über eine spezielle Floating-Elektrode an der Ventrikelleitung, ohne dass eine separate Vorhofelektrode benötigt wird. Das reduziert die Systemkomplexität, ohne auf diagnostische Genauigkeit zu verzichten.
»Mit Acticor und Rivacor Sky haben wir eine Plattform geschaffen, die die kardiale Versorgung auf ein neues Niveau hebt«, sagt Dr. Andreas Hecker, CTO bei Biotronik. »Diese Gerätefamilie verbindet bewährte Zuverlässigkeit mit fortschrittlichen Algorithmen, um Therapien präziser zuschneiden zu können und gleichzeitig klinische Abläufe zu vereinfachen.«
Die Markteinführung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem CSP in der Elektrophysiologie zunehmend Akzeptanz findet – und klinische Daten die Methode stützen: Die auf dem EHRA-Kongress 2025 vorgestellte HeartSync-LBBP-Studie zeigte bei Patienten mit CRT-Indikation unter LBB-Pacing signifikant bessere Ergebnisse bei QRS-Dauer und linksventrikulärer Funktion als unter konventioneller biventrikulärer Stimulation.
Für Schrittmacher-Anwendungen verfügt Biotronik bereits seit 2023 über ein vollständig CE-zugelassenes CSP-Komplettsystem – bestehend aus Selectra-3D-Katheter, Solia-S-Elektrode und der Amvia-Schrittmacherfamilie. Mit der Ausweitung der neuen Implantatfamilie Acticor auf ICD und CRT-D schließt das Unternehmen das eigene Portfolio konsequent nach oben und positioniert sich nach eigenen Angaben als bislang einziger Anbieter mit einer durchgängigen, regulatorisch abgesicherten CSP-Lösung über alle Therapieklassen hinweg. Wann eine FDA-Zulassung folgt, ließ Biotronik offen. (uh)