Auf dem ECR 2026 in Wien wird deutlich: die Künstliche Intelligenz durchdringt die Bildgebung von der Signalkette bis zum Befund. Sechs Hersteller, sechs Strategien – aber eine gemeinsame Wette: Radiologie ohne KI ist bald keine Option mehr. Unser ECR-Überblick zeigt die Ansätze und Technologien.
»Rays of Knowledge« lautete das Motto des diesjährigen ECR – und hätte getrost auch lauten können: »Rays of AI«. Auf dem europäischen Radiologenkongress in Wien zog sich die Künstliche Intelligenz wie ein Röntgenstrahl durch nahezu alle gezeigten Geräte und Services der großen Bildgebungshersteller: von der Bildrekonstruktion über die klinische Entscheidungsunterstützung bis hin zur Workflow-Automation für Ärzte, MTAs und Patienten.
Fast ein Viertel der Kongressvorträge im Austria Center Vienna drehte sich um KI, und dies spiegelt sich auch auf den Ausstellungsfluren wider – flankiert von riesigen Bildschirmen mit 3D-Animationen, Statuen und einer Ausstellungsarchitektur, die jeden Raum in einen griechischen Tempel verwandelte. Das Kongressmotiv – Athena, die griechische Göttin der Weisheit, mit durchscheinendem Knochenarm und Eule auf der ausgestreckten Hand – setzte dabei den Ton: Licht als Wissen und KI in der Bildgebung als Werkzeug, das das Verborgene sichtbar macht.
Die Radiologie war die KI-Pionierin der Medizin, heute ist die Künstliche Intelligenz hier längst struktureller Backbone; gleichzeitig entwickelt sie sich damit zum Dreh- und Angelpunkt für klinische Entscheidungen jeglicher Art. Von der Diagnostik zur Befundung bis zur Therapie und Nachsorge: Unser ECR-Rückblick zeigt, wie die großen Gerätehersteller die Künstliche Intelligenz in ihre Computertomografen, MRT-Scanner, Röntgen- und Ultraschallgeräte sowie ärztlichen Workflows integrieren – und wie sich Ihre KI-Strategien unterscheiden.
Wien 2026 markiert einen deutlichen Wendepunkt, der sich in den Produkten aller sechs Hersteller ablesen lässt: KI ist in der Radiologie nicht mehr Gegenstand von Pilotprojekten oder einzelnen Produkten, sondern fester Bestandteil der Serienentwicklung über das gesamte Portfolio. Was die Hersteller unterscheidet, ist nicht mehr das Ob, sondern das Wie – und dahinter steckt eine strategische Wette, deren Ausgang sich in den nächsten Jahren als richtungsweisend erweisen könnte.
Siemens Healthineers: KI als Durchgängigkeit →
Kein anderer Hersteller zeigt KI, die so früh ansetzt – am Sensor, an der Spule, in der detektornahen Rekonstruktion – und gleichzeitig mit Syngo Carbon eine digitale Plattformschicht darüber zieht, die alle Modalitäten verbindet. Von der automatischen Thorax-Kollimierung über Deep-Resolve-MRT bis zur live-geführten Biopsie im MRT-Interventionssystem: Siemens Healthineers setzt auf lückenlose Hardware-KI-Integration als strategischen Kern – flankiert von einem eigenen AI Theatre auf Level –2, das KI nicht nur zeigt, sondern diskutiert. Mehr lesen.
Philips: KI als Architektur, nicht als Feature →
Philips verfolgt das vielleicht anspruchsvollste Designziel des ECR 2026: KI, die niemand bemerkt. Ob im Detektor des Spektral-CTs Verida, in den KI-gestützten Schnellrekonstruktionen des Rembra-CT oder im herstellerneutral orchestrierenden AI Manager – das strategische Prinzip ist konsequent: Nicht das Feature steht im Vordergrund, sondern das Ergebnis. Mehr lesen.
Samsung: KI im Gepäck des Herausforderers →
Samsung zeigt in Wien, was seine KI-Strategie von allen anderen unterscheidet: KI ist kein Markenkern, sondern Enabler – das eigentliche Argument ist die Portabilität. Das OmniTom Elite PCD, das weltweit erste FDA-geclarte mobile Photon-Counting-CT, übernimmt KI die Spektralrekonstruktion direkt am Gerät – in der Notaufnahme, auf der Intensivstation, im OP. Lücken besetzen, wo andere stationär denken. Mehr lesen.
GE Healthcare: KI, weil sie Komplexität in Klarheit verwandelt →
GE HealthCare setzt am explizitesten auf Ökosystem-Offenheit: kein proprietäres KI-Portfolio, sondern ein Marktplatz mit über 400 Algorithmen von mehr als 80 Partnern – auf dem auch Wettbewerber-Algorithmen laufen. Von der KI-gestützten Leberdiagnostik im Ultraschall bis zum Photon-Counting-CT und der Abteilungssteuerung mit Imaging 360 zeigt der amerikanische Konzern, dass Plattformbreite und klinische Tiefe kein Widerspruch sein müssen. Mehr lesen.
Fujifilm: Ein Haus voll KI und MRT ganz ohne Helium →
Fujifilm setzte auf dem ECR schon architektonisch ein Statement. Dahinter stehen Nachhaltigkeit und KI als durchgängiges Designprinzip. Das heliumfreie MRT zeigt, wie konsequent der Hersteller technische Grenzen verschiebt; der KI-Ultraschall mit Modalitätenfusion, wie tief die Algorithmen bereits in die klinische Bildgebung eingebettet sind. KI soll bei Fujifilm Grenzen verschieben – nicht Features zählen. Mehr lesen.
Canon: Photon Counting und KI als Mittel, nicht als Botschaft →
Während andere die KI zur Schau stellten, lieferte Canon sie einfach. Mit dem weltweit ersten Multiposition-CT, Photon-Counting-CT mit CZT-Detektor und über 25 Hands-on-Workshops setzte der japanische Hersteller auf Detektorphysik, Bildqualität und klinische Präzision. KI ist bei Canon eingebaut – als AiCE-Rekonstruktion tief im System verankert – aber nie die Botschaft. Die Haltung dahinter ist unausgesprochen, aber spürbar: Wer gute Rohdaten hat, muss KI nicht erklären. Mehr lesen.
Siemens Healthineers setzt auf die tiefste Hardware-Integration im Markt – maximale Kontrolle über die Signalkette, enge Kundenbindung, und der mutigste Schachzug: Radiologie als Koordinator der Therapie. Philips wettet auf Unsichtbarkeit – die beste KI ist die, die niemand bemerkt, und der AI-Manager macht daraus ein indirektes Plattformangebot an Kliniken mit heterogenem Geräteportfolio. GE HealthCare setzt auf Offenheit – kein proprietäres Produkt, sondern eine Marktinfrastruktur, auf der auch Wettbewerber-Algorithmen laufen. Samsung denkt KI als Tool und besetzt die Lücken – portable Geräte, wo andere stationär denken. Fujifilm verbindet KI und Nachhaltigkeit als kohärentes Designprinzip, hinterlässt aber mit der AWS-Partnerschaft eine offene Frage: Wer kontrolliert die Algorithmen, wenn sie in der Cloud eines amerikanischen Hyperscalers laufen? Canon Medical setzt auf »Technology first« – keine laute KI-Botschaft, sondern die stille Überzeugung, dass überlegene Detektortechnologie die Grundlage für alles Weitere ist.
Die gemeinsame Wette aller sechs: Radiologinnen und Radiologen werden keine Zeit mehr haben, KI manuell zu aktivieren, zu konfigurieren oder zu interpretieren. Sie werden KI einfach nutzen – weil sie keine andere Wahl haben, und weil gute KI ihre Arbeit besser macht. Der ECR 2026 zeigt, dass die Industrie diese Wette bereits eingegangen ist. 2027 lautet das Motto passenderweise dann »Healthcare Reimagined«, denn in der Konsequenz ist eine daten- und KI-getriebene Radiologie längst auf dem Weg von der Diagnostik bis zur Therapie die gesamte Gesundheitsversorgung zu verändern. (uh)
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