OP-Integration 2026

»Armband scannen, der OP stellt sich ein«

12. März 2026, 11:36 Uhr | Ein Interview von Ute Häußler
Jens Rennert ist Geschäftsführer bei Riwolink. Der OP-Integrateur ist eine Ausgründung und Tochter des Medizingeräteherstellers Richard Wolf.
© Riwolink

Eine durchgehende Automation im OP-Workflow, »Netflix für Chirurgen« und Linux-basierte Cybersecurity: Jens Rennert von Riwolink zeigt im Interview, wie offene APIs, SDC, KI und eine geschickte Zulassung effiziente, vernetzte OP-Systeme ermöglichen – und welche Hürden noch in den Kliniken warten.

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Herr Rennert, Riwolink ist als Digitaltochter von Richard Wolf vor knapp drei Jahren gestartet. Wie fällt Ihre Bilanz bisher aus?

Riwolink hat sich in den vergangenen Jahren deutlich besser entwickelt, als wir es zu Beginn erwarten konnten. Wir sind ja buchstäblich bei null gestartet – ohne bestehenden Integrationsumsatz – und haben im ersten vollen Jahr bereits rund 1,5 Millionen Euro umgesetzt und wachsen aktuell mit etwa 100 Prozent pro Jahr in Richtung drei Millionen Euro Umsatz.

Das Besondere ist, dass wir von Anfang an parallel entwickelt und verkauft haben: Auf Basis des Nucleus-Systems unseres Partners Sony konnten wir früh marktfähige Lösungen anbieten und gleichzeitig unser eigenes User-Interface- und Funktionsportfolio aufbauen. Dadurch waren wir schnell in echten Projekten unterwegs, haben im DACH-Raum eine Ausschreibungs-Erfolgsquote von rund 25 Prozent erreicht und sehen uns heute als profitabel wachsendes, aber mit 22 Mitarbeitern bewusst schlank aufgestelltes Integrationsunternehmen.

Das ist eine respektable Quote bei den Tendern, wie schaffen Sie das?

Das ist eine Kombination aus gezielter Präsenz und konsequenter Früherkennung von Projekten. Unser Social-Media-Marketing und die Webinare, die wir durchführen, haben eine überraschend hohe Resonanz erzeugt – wir werden darüber teilweise aktiv von Kliniken angesprochen, noch bevor Ausschreibungen öffentlich werden.

Entscheidend aber ist das Richard-Wolf-Vertriebsnetzwerk: Dessen Vertriebsmitarbeiter funktionieren im Prinzip als Lead-Generatoren für uns. Sie erkennen, wo gerade gebaut oder geplant wird – und geben uns direkt Bescheid. Denn die Realität im Ausschreibungsgeschäft ist: Wenn man nicht im Krankenhaus gewesen ist, bevor der Tender rauskommt, kann man ihn eigentlich auch nicht mehr gewinnen.

Zusätzlich hilft uns unsere Partnerschaft mit Sqior, einem Anbieter für digitale Assistenzsysteme in Kliniken. Durch die Integration unserer OP-Statusdaten in deren System – etwa über digitale Türschilder – werden wir als Partner wahrgenommen, der kein geschlossenes System vertreibt, sondern offen mit anderen zusammenarbeitet, um bessere Systeme zu schaffen. Das verschafft uns gerade bei größeren Häusern Aufmerksamkeit und öffnet Türen.

Wie schätzen Sie den Status der deutschen Krankenhäuser bei der OP-Digitalisierung aktuell ein?

An vielen Stellen relativ schlecht. Wir bekommen fast jede Woche einen Tender auf den Tisch – das zeigt den enormen Erneuerungsbedarf. Es ist viel veraltete Technik im Einsatz, aber das Problem liegt nicht nur bei den Altgeräten, sondern oft bei den Ausschreibungen selbst.

Was den Häusern da teilweise verkauft wird – von Planern oder Einkäufern – sind zum Teil Produkte, die am Ende weder gebraucht noch genutzt werden. Wenn wir mit dem OP-Personal sprechen, dann sagen die häufig: »Das fassen wir eh nicht an.«

Eine norddeutsche Uniklinik dagegen hat sich alle Anbieter eingeladen, lange Gespräche geführt und anschließend ihre Ausschreibung überarbeitet. Das dauert, aber die suchen wirklich ein passendes System. Genau diese gründliche Evaluierung – »Was braucht es wirklich?« – fehlt vielerorts. Stattdessen werden oft alte Ausschreibungen recycelt, die an der Realität im OP vorbeigehen.

Wo liegen die größten technischen Pain Points in den Kliniken aktuell?

Dokumentation, Videomanagement oder PACS-Anbindung beherrschen heute eigentlich alle. Der echte Pain Point liegt in der Vernetzung und Koordination. Die OP-Leitung ist meist völlig überlastet, das Telefon hört nicht auf zu klingeln. Planungen werden oft erst einen Tag vorher finalisiert – viel dynamischer, als man von außen denkt.

Genau diese Koordinationsthemen lassen sich mit vernetzten Systemen adressieren: durch Rückkopplung an Planungssysteme, Kommunikation mit Systemen wie Sqior und besseren Informationsaustausch – weit darüber hinaus, was per Mensch und Telefon machbar ist. Das Ziel ist nicht mehr Durchsatz, sondern eher eine Entlastung des Personals. Je einfacher ein System, je weniger manuell passieren muss, desto besser.

Technisch liegt der zweite große Pain Point bei der Geräte-Interoperabilität. Hier könnte der SDC-Standard großen Mehrwert bringen – wir sind dort in mehreren Pilotprojekten engagiert. Im Idealfall wird ein Patienten-Armbändchen gescannt, und der gesamte OP versetzt sich automatisch in den richtigen Zustand: Geräte tauschen Patientenkontexte aus und konfigurieren sich selbstständig. Das wäre ein Segen für Anwender mit Zeitmangel, Sprachbarrieren und wechselndem Personal.

Mit welchem Architektur-Ansatz arbeiten Sie bei Riwolink?

Wir haben eine zentrale Serverarchitektur: Im Operationssaal stehen nur ein paar IP-Konverter und ein Switch – meist in der Einleitungszone –, der Rest läuft komplett im Serverraum. Das ist ein fundamentaler Unterschied zu Systemen, die auf dezentrale Hardware im OP setzen, und die dann womöglich noch Patientendaten enthalten, die dann im Fehlerfall bei den Herstellern landen.

Die damit verbundene Skalierbarkeit ist für die Kliniken sehr wirtschaftlich: Mit einem Server können wir bereits drei OPs komplett ausstatten, mit drei Servern schon zehn OPs. Je mehr Operationssäle angebunden werden, desto günstiger wird es pro Raum. Davon profitieren größere Kliniken sehr. Für kleinere Projekte, etwa Recording-only in einem einzelnen OP, ist das schwieriger, aber sobald mehrere Säle dazukommen, rechnet es sich.

Wie können Kliniken klein anfangen?

Der große Vorteil ist die nachträgliche Skalierung ohne Hardwaretausch. Am Anfang geht es beispielsweise rein um die Dokumentation. Später können dann Video-Routing, Streaming oder KI-gestützte Trainingsmodule als einzelne Lizenzkomponenten hinzukommen. Die bestehende Hardware läuft einfach weiter, wir liefern kontinuierlich Software-Updates mit den neuen Funktionen. Wenn man hochskalieren will, kommt einfach ein weiterer Server hinzu – bei gleichzeitig hoher Verfügbarkeit und Ausfallsicherheit des Systems.

Patientendaten speichern wir grundsätzlich nicht auf unseren Geräten, sondern direkt auf den Kliniksystemen – in deren NAS mit der bestehenden Backup-Infrastruktur. Das gibt IT-Abteilungen Kontrolle und erspart uns regulatorischen Aufwand. Manchmal beschaffen Kliniken, wie etwa das bereits genannte norddeutsche Uniklinikum, sogar die Server selbst, weil sie das Budget dafür haben und ihre eigene IT-Infrastruktur nutzen wollen.

In Kliniken wird KI gerade als Workflow-Wundermittel gehandelt – welche KI-basierten Dienste entwickeln Sie konkret?

Das reicht heute schon von intraoperativen Analysen bis hin zu Effizienz-Monitoring. Ein sehr banales, problemlos automatisierbares, aber unglaublich hilfreiches Beispiel ist die Tupfer-Zählung. Dann gibt es Echtzeit-Erkennung während der OP – welches Instrument kommt wann und wo zum Einsatz, wann tritt eine Blutung auf, wann wird ein Clip gesetzt etc. All das lässt sich im endoskopischen Bild oder über Raumkameras erkennen.

Ein größeres Projekt, welches ich gern als »Netflix für Chirurgen« bezeichne, ist eine annotierte Videodatenbank mit allen in der Klinik existierenden chirurgischen Videos. Die Dateien werden systematisch mit Metadaten versehen – Instrumenteneinsatz, Gallenblase abgesetzt, besondere Ereignisse –, sodass die Ärzte gezielt nach außergewöhnlichen Fällen suchen können. Das ist enorm wertvoll für Lehrzwecke, weil die junge Generation heute anders lernt: nicht mehr mit den tausendseitigen Springer-Wälzern, sondern über Video-Material.

Dann gibt es die Patientenkontext-Erfassung über die gesamte OP-Strecke: Von der Einleitung der Anästhesie bis in den Aufwachraum werden Vitaldaten, OP-Gerätedaten und OP-Videos auf einem Zeitstrahl korreliert. Man könnte dann schauen: Welche Zusammenhänge gibt es zwischen dem, was wir im OP sehen, und dem Behandlungsverlauf? Da wissen wir noch gar nicht, was alles möglich ist – ähnlich wie in anderen Branchen steht die KI da noch ganz am Anfang.

Wie gehen Sie mit den regulatorischen Anforderungen um?

Regulatorisch ist das natürlich eine heiße Kiste. Der AI-Act und die Zulassungsanforderungen sind extrem streng, vor allem bei klinischen Anwendungen wie Tumor- oder Endometriose-Erkennung. Ohne sauber annotierte, qualitativ hochwertige Daten bekommt man keinen Algorithmus mit einer medizinischen Zweckbestimmung zugelassen.

Wir profitieren dabei auch von der Richard-Wolf-Zugehörigkeit, in deren endoskopischen Geräten bereits viel Sensorik steckt. Wir erkennen damit mehr im Bild, als der Betrachter mit bloßem Auge sieht. So können wir – mit den richtigen Daten und der richtigen regulatorischen Strategie – entsprechende KI-Dienste entwickeln. Wir arbeiten dabei eng mit Kliniken und Ärzten zusammen: Die helfen beim Annotieren der Daten, und im Gegenzug bekommen sie maßgeschneiderte Dienste, die ihnen wirklich helfen.

Abgesehen von KI: Sie setzen auf Linux statt Windows. Wie gewährleisten Sie Cybersecurity und schnelle Updates ohne aufwendige Änderungsprozesse?

Entscheidend sind Wartbarkeit und Cybersecurity: Deswegen setzen wir auf Linux und langzeitverfügbare Systeme. Die Open-Source-Community testet Code, macht Schwachstellen publik, und man bekommt relativ schnell Lösungen für Cybersecurity-Probleme. Bei Windows bewegt man sich eher in einem geschlossenen Kreis mit weniger externem Input.

Dazu kommt unser regulatorischer Vorteil durch die unsere Zulassungsstrategie: Riwolink verfolgt einen Betriebssystem-/App-Ansatz für seine Software-Produkte. Dadurch können Medizinprodukte und Nicht-Medizinprodukte im Betriebssystem nebeneinander existieren. Sony hat definiert, dass nur ein kleiner Teil des Nucleus überhaupt als Medizinprodukt im regulatorischen Sinne gilt. Durch das Einbringen von zusätzlichen Apps verändert sich die Zweckbestimmung nicht. Das heißt: Wir können Änderungen und Updates einbringen, ohne jedes Mal durch einen aufwendigen Änderungsprozess bei einer Benannten Stelle gehen zu müssen. Das ist ein riesiger Unterschied zu monolithischen Systemen. Dazu kommt: Klinik-IT-Abteilungen können Systeme auf Windows 10, das mittlerweile aus dem Support geflogen ist, nicht mehr lange tolerieren. Wir kennen das von einem Klinikum in Österreich: Die dortige IT sagt klar – wenn es nicht mehr supportet wird, kommt es nicht ans Netz. Das ist auch richtig so, denn Cyberangriffe auf Krankenhäuser sind bittere Realität. Wir dagegen haben austauschbare Komponenten und eine gut bedienbare API, über die wir neue Features ohne zwingende Neuzulassung integrieren können – was uns deutlich agiler macht.

Streaming, Telekonsultation und technische Interoperabilität – wohin entwickelt sich die OP-Integration aus Ihrer Sicht in den nächsten fünf Jahren?

Ich sehe drei große Entwicklungslinien, die gerade zusammenlaufen: Zunächst ist da der Trend von geschlossenen zu offenen Systemen, weg von monolithischen Lösungen, bei denen keine externen Systeme zugelassen sind. Stattdessen werden Partnerschaften und Integration über offene APIs zum Standard, statt alles alleine bauen zu wollen. Das sehen wir auch beim Thema Streaming und externe Kommunikation: Manche Kliniken wollen unsere Cloud-Lösung, andere sagen ‚wir nehmen Teams‘ – und genau diese Flexibilität wird zur Grundvoraussetzung.

Der zweite Punkt ist die Automatisierung durch Standards und KI. SDC und echte Geräte-Interoperabilität werden die OP-Vorbereitung fundamental verändern – auch wenn bis zur flächendeckenden Implementierung noch ein paar Jahre vergehen. Parallel dazu werden KI-Dienste aus der Daten-Sammelphase in den produktiven Einsatz kommen, sobald die regulatorischen Fragen geklärt sind.

Und dann braucht es zudem noch einen Kulturwandel bei Ausschreibungen: Weg von starren Zehnjahres-Systemen hin zu echten SaaS-Modellen mit Miete, kontinuierlichen Updates und automatischem Hardware-Austausch. Genauso wichtig ist eine bessere Bedarfsanalyse im Vorfeld – echte Gespräche mit Anbietern und dem OP-Personal statt recycelter Ausschreibungen. Das dauert länger, bringt aber OP-Systeme, die tatsächlich genutzt werden.


Riwolink stellt auf der DMEA 2026 in Berlin aus: Halle 3.2 - D 107

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