Von der automatischen Kollimierung im Röntgen bis zur live-geführten Biopsie im MRT: Siemens Healthineers zeigt auf dem Europäischen Radiologenkongress in Wien KI nicht als Feature, sondern als gemeinsamen Nenner einer vollständig integrierten Bildgebungsarchitektur.
Der Siemens-Healthineers-Stand in Halle X5 war schon topografisch eine Aussage: Er streckte sich über die gesamte Länge der Halle – und war in der Tiefe ebenso imposant. Wer ihn wirklich durchdringen wollte, brauchte Zeit, denn verteilt über den Stand lagen in sich geschlossene Erlebniswelten: Nachhaltigkeit, MRT, CT, Softwarelayer für Befundung und Klinikorganisation sowie ein eigenes Innovationslabor. KI war dabei nicht Showthema eines einzelnen Bereichs, sondern gemeinsamer Nenner, der sich von der Radiografie über MRT und CT bis in den Interventionsraum und das Reporting-System zog.
Dass KI bereits bei der gewöhnlichsten aller radiologischen Untersuchungen ansetzt, zeigte das Röntgensystem YSIO X.pree. Eine integrierte 3D-Kamera erfasst den Patienten, ein Algorithmus wertet die räumliche Form aus und stellt über die Auto Thorax Collimation Kollimierung und Bleiblenden vollautomatisch ein – eine Funktion, die für den Thorax, mit 60 bis 70 Prozent die häufigste Untersuchung im Krankenhaus, bereits im Feld ist. Der nächste Schritt ist konsequent gedacht: Hinweise zur Positionierung, eine automatische Qualitätskontrolle und damit reproduzierbar gute Bilder – unabhängig davon, wie viel Erfahrung die Person am Gerät hat.
Beim neuen Magnetom Flow, dem 1,5-Tesla-MRT, das prominent auf dem Stand platziert war, wird dieses Prinzip auf die gesamte Untersuchungsarchitektur ausgedehnt. Smarte Spulen tragen Sensoren für automatische Positionierungserkennung, Herzfrequenz- und Atemüberwachung – alles in Echtzeit ans System übermittelt, damit der Scan automatisch angepasst wird, bevor Fehler entstehen. Das Herzstück ist die KI-Rekonstruktionstechnologie Deep Resolve: trainiert auf großen klinischen Bilddatensätzen, reduziert sie Rauschen, schärft die Auflösung – und verkürzt Scanzeiten um bis zu 70 Prozent. Ein komplettes Knie mit allen fünf klinisch relevanten Sequenzen: drei Minuten statt einer halben Stunde. Ein Drittel mehr Patienten pro Tag. Laut Siemens Healthineers kein Ausblick, sondern Serienrealität.
Noch einen Schritt weiter geht die MR-gestützte Intervention, die auf dem ECR erstmals einem breiteren Fachpublikum gezeigt wurde. Das dafür konzipierte System mit bis zu einem Meter Bore-Öffnung ermöglicht es, Biopsien und Ablationen live im MRT durchzuführen – der Interventionalist sieht in Echtzeit, wo die Nadel sitzt, ob der Tumor getroffen wurde, ohne mehrere Blindversuche. KI übernimmt dabei Bildstabilisierung und Zielführung. Der Einsatz bei Endometriose, Leberläsionen und perspektivisch auch Kryoablationen direkt im Gerät zeigt, wohin die Entwicklung führt: Radiologie nicht mehr nur als Diagnostik, sondern als Therapieort.
In der interventionellen Radiologie spielen die Artis-Angiographieplattformen eine vergleichbare Rolle. Die Optiq AI Imaging Chain erkennt Bewegungsartefakte, korrigiert und rekonstruiert den 3D-Datensatz automatisch – mit einer Latenz, die klinisch nicht wahrnehmbar sein soll, denn wer einen Katheter schiebt, darf keine Verzögerung im Livebild erleben. Die Syngo Embolization Guidance geht einen Schritt weiter: Die KI konturiert Tumore auf Knopfdruck, segmentiert den Gefäßbaum und differenziert automatisch zwischen Feeder- und Non-Feeder-Gefäßen – der Interventionalist sieht interaktiv, welche Gefäße bei einem geplanten Verschluss betroffen wären. Ein direkter Eingriff in die klinische Entscheidung, nicht nur in die Bildqualität.
Was all diese Modalitäten schließlich zusammenbringt, ist das Syngo Carbon-Ökosystem. Hier überträgt ein KI-Befundungsassistent seinen Befund automatisch in den Befundtext – kontextuell verknüpft, jeden Befundpunkt direkt zum Bild zurückverfolgbar. Der Radiologe diktiert, wie er spricht; das System strukturiert den Report automatisch. Regulatorisch klar eingeordnet als Workflow-Tool: Der Arzt zeichnet ab, die KI liefert die Entscheidungsgrundlage.
Was Siemens Healthineers in Wien auszeichnet, ist die Tiefe der Hardware-KI-Integration: Kein anderer Hersteller zeigt KI, die so früh ansetzt – am Sensor, an der Spule, in der detektornahen Rekonstruktion – und gleichzeitig mit Syngo Carbon eine wachsende digitale Plattformschicht darüber zieht, die alle Modalitäten verbindet. Konsequenterweise betrieb Siemens Healthineers auf Level –2 des Austria Center Vienna auch ein eigenes AI Theatre – täglich wechselnde Sessions und Lightning Talks, die von KI-gestützter Onkologie-Befundung über den Einfluss von Deep-Learning-Algorithmen auf Produktivität bis zur Frage der Mensch-Maschine-Interaktion reichten. KI-Theater, im besten Sinne: Eine Bühne für Debatten, die die Branche gerade erst zu führen beginnt.