Infineon baut Produktportfolio aus »Bei SiC trifft es wirklich zu: Portfolio matters!«

Der Chiphersteller Infineon hat einen Großauftrag zur Lieferung von Teilen für Beatmungsgeräte erhalten.
Infineons CoolSiC-Produktspektrum wird Ende 2020 fast 200 Bauelemente umfassen.

Aktuell basiert das SiC-Geschäft von Infineon vor allem auf Industrieapplikationen. Mit einer deutlichen Ausweitung des Produktportfolios will Dr. Peter Wawer, Division President Industrial Power Control, diese Stellung weiter ausbauen. Gleichzeitig wird im Automotive-Bereich gepunktet.

Markt&Technik: Wie haben sich die Corona-Wochen auf das Leistungshalbleiter-Geschäft von Infineon – speziell auch das SiC-Business – ausgewirkt?

Dr. Peter Wawer: Wir haben uns über zwei Monate in der Situation mit weltweit durchaus unterschiedlichen Lockdowns befunden. Natürlich war das für uns mit zusätzlichem Aufwand verbunden, aber unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind alle die Extrameile gegangen! Und ich war selber sehr positiv überrascht, wie gut das mit dem Homeoffice geklappt hat. Ich glaube aber auch, dass wir da an eine Grenze gestoßen wären, wenn das noch ein, zwei Monate länger notwendig gewesen wäre.

Auf der anderen Seite gab es sicher Abteilungen, wie etwa die Charakterisierungslabore, in denen es noch nie zuvor möglich war, so ruhig und konzentriert zu arbeiten wie während des Lockdowns!

Während des deutschen Lockdowns gab es ja durchaus auch Anwendungsbereiche, die sich hoher Nachfragen erfreuten. Einige Regionen der Welt hatten ihre Lockdown-Phasen bereits verlassen. Wie haben Sie das wahrgenommen?

Selbst in der Corona-Krise haben sich aus Sicht der Leistungshalbleiter vor allem der Bereich Solarinverter als sehr stabil dargestellt sowie das Geschäft im Traktions- und Windenergiebereich. Wenn man etwa die Windbranche betrachtet, dann lief das Geschäft ohne Einschränkungen durch, und in China ist beispielsweise der Solarbedarf sehr schnell wieder zurückgekommen. Nur im Bereich Home-Appliance war sehr schnell ein Nachlassen der Nachfrage spürbar. Diese Schwäche, das ist zumindest unsere Einschätzung, wird wohl auch in der zweiten Jahreshälfte 2020 anhalten.

Natürlich ist das aktuell der berühmte Blick in die Glaskugel, aber mit welchem wirtschaftlichen Szenario rechnen Sie für die zweite Jahreshälfte 2020 und für 2021?

Das Best-Case-Szenario wäre sicher vergleichbar mit der Erholung nach der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09. Damals haben wir eine schnelle Erholung in Form einer V-Kurve erlebt. Davon gehen wir in der jetzigen Situation eher weniger aus. Der Worst-Case wäre eine lange Rezessionsphase in Form einer L-Kurve. Wir gehen aktuell vom wahrscheinlichsten Fall einer U-Kurve aus. Die beinhaltet wie die V-Kurve eine deutliche Erholung, allerdings langsamer. Die entscheidende Frage dabei ist nur, wie ausgeprägt der Boden dieser U-Kurve ausfällt.

Von der Cypress-Übernahme dürfte in Ihrem Leistungshalbleiter-Portfolio vor allem der IPM-Bereich profitieren. Wann rechnen Sie mit spürbaren Effekten am Markt?

Im IPM-Bereich werden wir von dieser Übernahme definitiv profitieren. In diesem Segment lagen wir bislang gegenüber dem Marktführer Mitsubishi Electric zurück. Ich gehe davon aus, dass wir entsprechende Effekte für uns wohl sehr zeitnah sehen werden. Umsatztechnisch wird sich das dann aller Voraussicht nach ab 2022 positiv für uns niederschlagen. Angesichts der üblichen Design-In-Zyklen in diesem Bereich halte ich das bei neuen Produkten für absolut realistisch.

Ihr SiC-Umatz liegt aktuell im hohen zweistelligen Millionen Dollar Bereich. Erzielt vor allem im Industriebereich. Nun setzen Sie auch auf Automotive. Wie beurteilten Sie Infineons Chancen im zukünftigen SiC-Markt?

Unser Umsatz mit SiC-Komponenten ist in den letzten Jahren jährlich um rund 50 Prozent gestiegen. Das werden wir wohl auch in diesem Jahr unter erschwerten Bedingungen wieder erreichen. Beim Umsatz liegen Sie richtig, den Löwenanteil erzielen wir im Industriebereich. Der hat nach Einschätzung des Marktforschungsunternehmens Yole Développement eine Größe von rund 400 Millionen US-Dollar.

Im Bereich Automotive haben wir 2019 mit Volumenslieferungen von SiC-Komponenten für Onboard-Charger begonnen. Wir liefern hierfür sowohl diskrete Komponenten als auch Module aus der EasyPACK-Familie. Die Performance unserer Produkte ist überzeugend, entsprechend hoch ist das Interesse bei der Anwendung im Antriebsstrang.

Vielleicht können Sie es etwas konkreter herausarbeiten. Wie umfangreich ist heute das CoolSiC-Produktspektrum von Infineon Technologies und wie viele Kunden bedienen Sie heute mit diesen Produkten?

Unser Produktportfolio umfasst aktuell über 150 verschiedene CoolSiC-Bauelemente, Ende des Jahres werden es knapp 200 sein. Etwa zwei Drittel entfallen dabei auf Dioden, aber noch in diesem Jahr wird sich die Anzahl unserer SiC-MOSFETs-Varianten um 50 Prozent erhöhen. Und lassen Sie mich sagen, wenn für einen Bereich der Leistungshalbleitertechnik der Terminus „Portfolio matters“ gilt, dann für die SiC-Technologie! Wir gehen aktuell davon aus, bis zum Ende dieses Jahres über 100 Kunden mit unseren CoolSiC-Produkten zu beliefern. Berücksichtig sind dabei aber nur solche mit einem Siliziumkarbid-Umsatz von mehr als 10.000 Euro.