VDE und VDI auf der Hannover Messe

Zu wenig Ingenieure für die Energiewende

30. Mai 2022, 10:54 Uhr | Corinne Schindlbeck
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VDI-Direktor Appel sieht eine prekäre Lage auf dem Arbeitsmarkt, besonders in Hinsicht auf die Energiewende: "Wir sehen uns konfrontiert mit über 150.000 offenen Stellen bei Ingenieur:innen sowie einem Mangel an weiteren MINT-Fachkräften – speziell in der Bauindustrie und in der IT im ersten Quartal 2022. Das ist ein Rekordwert seit Aufzeichnung des VDI-/IW-Ingenieurmonitors. Dieser Fachkräftemangel wirkt als Bremsklotz der so dringend benötigten Energiewende. Die geforderte beschleunigte Umsetzung wird so nicht zu leisten sein."
© VDI/Catrin Moritz

Die Lage am Ingenieurarbeitsmarkt verschärfe sich dramatisch, meldet der VDI auf der Hannover Messe. Laut dem VDI-/IW-Ingenieurmonitor können derzeit 151.300 offene Stellen nicht besetzt werden, neuer Rekord. Von dramatischen Ausmaßen spricht auch der VDE. Und setzt auf Quereinsteiger.

VDI und VDE haben auf der Hannover Messe Stellung zum Fachkräftemangel und zur Energiewende bezogen.  

In den Ingenieur- und Informatikerberufen konnten im ersten Quartal dieses Jahres 151.300 offene Stellen nicht besetzt werden. Der zuletzt ermittelte Rekordwert an offenen Stellen werde damit laut aktuellem VDI-/IW-Ingenieurmonitor erneut deutlich überschritten, der Fachkräftemangel werde damit zum Bremsklotz. Vorhaben wie die beschleunigte Energiewende drohten zu scheitern, so Dieter Westerkamp, Bereichsleiter Technik & Gesellschaft im VDI auf der Hannover Messe: "Angesichts der Forderungen von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck, dass die Energiewende dreimal so schnell von statten gehen soll, bekommt die Entwicklung eine ganz spezielle Dramatik. Wir stehen nämlich vor einem Energiewende-Dilemma - ausgelöst durch den Fachkräftemangel".

Laut Prof. Axel Plünnecke vom IW Köln kann die steigende Nachfrage an Fachkräften durch Klima- und Energiewende nicht gedeckt werden: 

"So erwarten für die kommenden fünf Jahre 32 Prozent aller Unternehmen und sogar 63 Prozent aller Unternehmen ab 250 Beschäftigten einen steigenden Bedarf an IT-Experten speziell zur Entwicklung klimafreundlicher Technologien und Produkte.". erklärt er. Der Ausblick sei trübe, da die Anzahl der Studienanfänger:innen in den Ingenieurwissenschaften und Informatik in den letzten fünf Jahren um rund 15 Prozent gesunken ist. "Daher ist in den kommenden Jahren weiterhin mit sinkenden Zahlen an Absolvent:innen zu rechnen", sagte Plünnecke auf einem Pressegespräch.

Rekordwerte zeigen sich laut VDI/IW-Studie vor allem in den Ingenieurberufen Bau, Energie- und Elektrotechnik sowie in den Informatikerberufen. Setze man die Zahl der offenen Stellen in Bezug zur Zahl der Arbeitslosen, ergebe sich die Engpasskennziffer in Ingenieur- und Informatikerberufen. Im ersten Quartal 2021 kamen somit rechnerisch auf 100 Arbeitslose noch 222 offene Stellen. Im ersten Quartal 2022 stieg diese Engpasskennziffer auf 418 offene Stellen je 100 Arbeitslose.

Am größten sind die Engpässe gemessen an der Engpassrelation in Bayern mit 598 gefolgt von Sachsen mit 567 und Sachsen-Anhalt/Thüringen mit 544 gesamtwirtschaftlichen Stellen je 100 Arbeitslosen. In den ostdeutschen Bundesländern ist vor allem die demografische Entwicklung ein Grund der hohen Engpässe, in Bayern hingegen das hohe Beschäftigungswachstum. Am geringsten ist die Engpassrelation in Berlin/Brandenburg mit 268 Stellen je 100 Arbeitslose.

VDI-Direktor Appel sieht eine prekäre Lage auf dem Arbeitsmarkt, besonders in Hinsicht auf die Energiewende: "Es ist offensichtlich, dass angesichts des demografischen Wandels und des damit einhergehenden rein zahlenmäßigen Rückgangs unseres Nachwuchses, es nicht ausreichen wird, junge Menschen für Technik zu begeistern. Was ist also aus Sicht des VDI noch notwendig? Der VDI fordert die Fachkräftezuwanderung zu vereinfachen und eine Entbürokratisierung auf breiter Ebene zu ermöglichen. Wir brauchen als weiteren Mosaikstein zur Bewältigung des Fachkräftemangels die Zuwanderung qualifizierter Fachkräfte aus dem Ausland." Man brauche ein Wechselspiel zwischen Politik, Lehre und Institutionen. Alle müssten an einem Strang ziehen, "um diese so wichtige Energiewende zu schaffen", appelliert er. Dabei gehe es nicht nur um den Klimawandel, sondern auch um die dringend notwendige digitale Transformation der Wirtschaft in Deutschland.

Auch der VDE meldete sich auf der Hannover Messe zum Fachkräftemangel zu Wort.

Zusammen mit GreenTEC Campus und dem Bundesverband für den Schutz kritischer Infrastrukturen (BSKI) gab man bekannt, dass die komplette Energiewende – Energieversorgung aus 100% Erneuerbare Energien – innerhalb von wenigen Jahren möglich sei. Allerdings unter der Veraussetzung, dass sich genügend Investoren sowie Fachkräfte finden lassen.

An ersterem zweifeln VDE, GreenTEC Campus und BSKI nicht, an letzterem schon. Um die Energiewende zu schaffen, bedürfe es "dringend" Fachkräfte im Bereich Energietechnik, IT, Maschinenbau und Informatik.

Während aber die Informatik aufgrund von Zugpferden wie Künstlicher Intelligenz oder Big Data immer größeren Zulauf erhalte, sinken die Zahlen in der Elektrotechnik und im Maschinenbau. Vor allem in der Elektrotechnik nehme "die Kluft zwischen der erfolgreichen Ausbildung von Studierenden und dem steigenden Bedarf dramatische Ausmaße an", so der VDE mit Verweis auf seine Studie „Arbeitsmarkt 2022“ (Markt&Technik berichtete).

Fakt sei, dass analog zum Trend des software driven engineering der Anteil der Hardware als wichtiger integraler Bestandteil wachse, Software arbeite ohne high-end Hardware nicht. „Wir brauchen einen Imagewechsel in der Elektrotechnik, um mehr Schülerinnen und Schüler für ein Studium zu ermuntern. Gleichzeitig muss die Mathekompetenz in den Gymnasien gesteigert werden, die Abbruchquote ist mit über 50% in der Elektrotechnik zu hoch“, zitierte Burkhard Holder von VDE Renewables aus der VDE-Studie, "ohne Hardware keine Software".

Cybersicherheit: VDE, BSKI und GreenTEC Campus bilden Quereinsteiger aus

Mit der Energiewende steige der Digitalisierungsgrad. Mit der größer werdenden Anzahl dezentraler Strukturen nehme damit auch die Gefahr für Disruptionen zu. Vor allem Windparks böten Hackern Angriffsfläche.

„Wenn wir hier nicht nachlegen und Fachkräfte ausbilden, sehe ich ernsthafte Probleme durch Cyberangriffe, die z. B. ganze Windparks außer Betrieb setzen und als Folge dann zu Blackouts führen“, sagte Marten Jensen vom GreenTEC Campus. Damit es nicht dazu kommt, baut sein Campus zusammen mit dem VDE und dem BSKI derzeit IT-Ausbildungsprogramme zur Cybersicherheit und zum Schutz kritischer Infrastruktur auf. Jetzt müssen nur noch die Interessenten für die Ausbildung her.

Großes Potential sehen die drei Organisationen bei den Beschäftigten des Rheinischen Braunkohlereviers. „Nicht jeder muss studierter Informatiker sein. Quereinsteiger bilden wir in unseren IT-Ausbildungsprogrammen zur Cybersicherheit und zum Schutz kritischer Infrastruktur entsprechend für ihre Tätigkeiten weiter“, erklären VDE, GreenTEC Campus und BSKI unisono.

Gemeinsam mit der Quirinus Akademie in der Geschäftsstelle des BSKI im Braunkohlerevier würden vor Ort die entsprechenden Programme aufgebaut. Im Jahr 2021 waren etwa 18.000 Personen (einschließlich Beschäftigter in den Braunkohlekraftwerken der allgemeinen Versorgung) im Braunkohlenbergbau in Deutschland beschäftigt (Statista 2022). Hier bedürfe  es einer konkreten Weiterbildung, um die Herausforderungen im Braunkohlerevier zu bewältigen.

Vor allem Kommunen seien kritische Infrastrukturen, da sie für die Daseinsvorsorge für die Bevölkerung zuständig sind, inklusive Krankenhäuser, Wasser- und Stadtwerke. Hier müsse innerhalb der Kommunen ein Sicherheitsnetzwerk aufgebaut werden, um eine zentralisierte Abwehrstrategie zu entwickeln. Und dafür bedarf es Personal.


 


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