Neue Jugendstudie

Nicht mal die Mathe-Cracks können was mit E-Technik anfangen

28. April 2022, 11:30 Uhr | Corinne Schindlbeck
Götz
Maya Götz, Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen beim Bayerischen Rundfunk »Es fehlen Bilder von Elektroingenieurinnen und -ingenieuren, die die Welt gestalten und Wichtiges für eine bessere Zukunft erdenken und umsetzen.«
© Bayerischer Rundfunk

Die junge Generation lässt das Studium der Elektrotechnik links liegen und wählt lieber andere Fächer - selbst die Überflieger in Mathe, Physik und Informatik. Woher dieses Imageproblem resultiert? Wir fragten nach bei der Leiterin der neuen Jugendstudie, Dr. Maya Götz.

Seit gut zehn Jahren ist die Studienanfängerquote in Elektro- und Informationstechnik rückläufig. Von ehemals 5,4 Prozent eines Abiturjahrgangs, die sich für das Fach Elektrotechnik entscheiden, sind bis heute nur noch 3,5 Prozent übriggeblieben, wie Arbeitsmarkt-Experte Dr. Michael Schanz vom VDE analysiert hat – ein Drittel weniger.

An der TU München kompensieren 70 Prozent ausländische Studierende den »dramatischen Schwund« an inländischen, so TU-Professor Klaus Diepold. Immerhin. Aber warum ist das so, warum ist dieses Studium unter jungen Leuten hierzulande so unbeliebt? Das hat eine neue Studie untersucht, finanziert vom Fachbereichstag Elektronik und Informationstechnik e. V., dem VDE und dem Internationalen Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen. 

Das Ergebnis ist beunruhigend: Die Generation Z (nach 1995 Geborene) kann mit dem Fach nichts anfangen, noch nicht mal die »High Potentials« – Schülerinnen und Schüler, die Mathe, Physik und Informatik mögen und auch gut bis sehr gut darin sind – ziehen das Studium für sich in Erwägung. Wer E-Technik wählt – und das sind in der Regel Männer – hat meist von Kindesbeinen an schon programmiert oder Computer zusammengebaut, um damit zu zocken.

Alle anderen – und das ist die große Mehrheit – lassen Elektro- und Informationstechnik links liegen, wählen lieber Fächer wie Mathe auf Lehramt oder Biochemie. Woher dieses Imageproblem resultiert? Die Studienleiterin, Medienwissenschaftlerin Dr. Maya Götz vom Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen des Bayerischen Rundfunks, fasst das Ergebnis bei der Vorstellung der Studie vor den Professoren des Fachbereichstags Elektrotechnik folgendermaßen zusammen: »Sie haben ein tolles Fach, innovativ und mit tollen Berufschancen und guten Verdienstmöglichkeiten. Aber das wissen leider nur die, die das Fach studieren und in der Regel auch schon immer ein Interesse am Tüfteln und Programmieren hatten.«

Derweil gehen die Zahlen der Einschreibungen weiter zurück, und Mädchen werden nach wie vor kaum erreicht. Warum das so ist, hat der zweite Teil der Studie untersucht, eine qualitative Befragung von 25 Schülerinnen und 25 Schülern kurz vor dem Abitur, alle mit Talent und Vorliebe für Mathe, Physik und Informatik. An sich also das natürliche Reservoir für das E-Technik-Studium, sollte man meinen. 

Weit gefehlt: Nur zwei von den 50 High Potentials können sich vorstellen, Elektrotechnik zu wählen. Studienleiterin Götz: »Und diese auch nur deshalb, weil sie durch die Studie darauf aufmerksam wurden.« Folgende Gründe macht die Studie für diesen Mismatch aus. Offenbar haben Lehrer auf die Studienwahl einen großen Einfluss, und zwar sowohl positiv (in dem sie begeistern und erklären können) als auch negativ. 

Vor allem auf die Mädchen. So erklärte etwa Jessica Motzer von Brose gegenüber Markt&Technik: »Auf der Abi-Feier meinte mein Mathelehrer zu mir, dass ich das nicht schaffen würde, als ich ihm erzählte, ich hätte mich für den Studiengang Fahrzeugtechnik eingeschrieben. Dabei hatte ich einen Abischnitt von 1,6 und in Mathe eine 2, in Physik eine 1. Was auch immer ihn zu dieser Aussage bewogen hatte: Es sollten noch andere Lehrende in dieses Horn stoßen. So beispielsweise mein Professor in Elektrotechnik, der sich recht bald zu der Aussage hinreißen ließ, dass es ohnehin keine Fräuleins durchs Vordiplom schaffen würden. Kleiner Hinweis: Das war bereits im aktuellen Jahrtausend.« 

Da die Studie anhand von vielen Beispielen zeigt, dass sich gerade junge Frauen besonders leicht abschrecken lassen, wenn man ihnen etwas nicht zutraut oder weil sie es sich selbst nicht zutrauen oder Angst haben, Fehler zu machen, wiegt solche Skepsis wie bei Jessica Motzer schwer. 

Dabei könnten sich Frauen durchaus für E-Technik-Themen begeistern: 75 Prozent der Mädchen und 33 Prozent der Jungen gaben an, Klimaschutz interessiere sie sehr; bei der künstlichen Intelligenz sagten das 75 Prozent der Jungen und Mädchen. 
Doch nicht nur Frauen meiden das E-Technik-Studium, auch die mathematisch begabten jungen Männer. Daran schuld sind vor allem falsche Vorstellungen vom Beruf. Er wird, vereinfacht ausgedrückt, vor allem praktisch und handwerklich assoziiert: mit Montieren, Reparieren, Optimieren, dem Bedienen von Maschinen und dem Stecken von Kabeln in Schaltschränken, im Blaumann. Das schreckt vor allem die männlichen Überflieger mit den sehr guten Noten ab, »die wollen lieber kreativ arbeiten, anleiten, nicht ausführen«, so Götz. Das große Bild, die Energiewende als Einsatzgebiet etwa? Fehlt in der Regel. Nur wenige »haben einen ganzheitlicheren Blick und sehen die breiten Einsatzmöglichkeiten«, so die Studienleiterin. Und: »In der Praxis ist Elektrotechnik ein Männerberuf und verschwimmt mit dem Berufsbild des Elektrotechnikers.« 

Das Bild einer reinen Männerdomäne schreckt vor allem die Frauen ab. Die Sorge, darin nicht ernst genommen zu werden, gar »niedergemacht« zu werden. Dass Männer auf sie herabschauen könnten. Dass sie womöglich Schaden anrichten könnten an teuren Maschinen, erstmal eine Anleitung bräuchten, aber bitte kein »Mansplaining«. Und schließlich die Sorge, dass die eigene Peer Group oder die Familie die Studienwahl nicht gutheißen könnten, spielt eine Rolle, zeigen die Befragungen. 

Maya Götz‘ Ratschlag an die Branche: »Überlegen Sie, wie Sie Frauen den Einstieg erleichtern könnten, und hören Sie auf, stets das schwere Studium zu betonen; ermutigen Sie lieber, dass es schaffbar ist, und geben Sie Unterstützung und zusätzliche Lernmöglichkeiten.« Denn, so Götz: »Selbstwirksamkeit ist eine der entscheidenden Variablen für die Berufswahl.«

Aber was ist zu tun gegen das Vorurteil, das die Studie ans Licht brachte, E-Technik sei »zu öde, eintönig, unkreativ und nicht sinnhaft genug« und ohne Herausforderungen? Da rät die Medienwissenschaftlerin zu einprägsamen Bildern und Botschaften anstatt Fachwörtern und technischen Insiderbegriffen auf einschlägigen Websites. Damit man Elektro- und Informationstechnik genauso mit einem Beruf assoziieren können wie Ärztin oder Lehrer. Darauf weist die Antwort von High Potential Roberto hin, 16 Jahre, 10. Klasse. Er kann sich einen MINT-Beruf in Zukunft vorstellen, aber nicht E-Technik. »Vielleicht Astrobiologe. Das äußere Leben der Erde ist halt cool.«

Und mit dem Vorurteil aufräumen, E-Technik sei handwerkliche Arbeit: »Was ich tatsächlich nicht so mag, ist (…) das Handwerk da. Hier so Kleinteile verschweißen« sagt Gereon, 17 Jahre, 13. Klasse. Und Anna, 15 Jahre, 11. Klasse, fehlt »die Sinnlichkeit so ein bisschen«. Es gebe eben noch zu wenig »real inspirierende Vorbilder und berufliche Inspiration durch Lehrerinnen und Lehrer«, so Maya Götz. 

Dabei sei »Gen Z« zu Höchstleitungen bereit, zitiert Jugendforscherin Götz weitere Studien; »am stärksten seit der Generation der Babyboomer«. Und sie wolle etwas Sinnvolles tun und auch Sinn außerhalb der Arbeit finden, liebt Begegnung und Teamarbeit. Dazu mitgestalten und erfinden, nicht nur ausführen. 

So wie Überflieger Leon, mit sehr guten Noten in Mathe, Physik und Informatik: »Ich sehe mich eher als der, der die Idee hat, also als die Person, die das Ganze leitet, und nicht als die Person, die das umsetzt.« Das Fazit von Maya Götz: »Es fehlen Bilder von Elektroingenieurinnen und -ingenieren, die die Welt gestalten und Wichtiges für eine bessere Zukunft erdenken und umsetzen. Es gelingt bislang noch nicht, mit der Gen Z zu kommunizieren.« Die so digital-affin ist wie keine Generation vor ihr: »Was sie nicht erreicht, ist nicht relevant«, erklärt Götz. Und was relevant sei, sagen und zeigen Influencer; »Generation Z lässt sich gerne beeinflussen und lebt in sozialen Medien«. Dort müsse man sie erreichen.

»Gehen Sie in die Selbstdefinition: Was bieten Sie? Was ist Ihr USP? Warum sollen junge Menschen unbedingt zu Ihnen kommen? Welche Bilderwelten können Sie schaffen, die den Beruf des Elektroingenieurs, der Elektroingenieurin für Gen Z und die nachfolgende Generation Alpha attraktiv macht? Überarbeiten Sie Ihre Internetpräsenz und veröffentlichen Sie gut verständliche Informationen zu Ihrem Studiengang! Kommunizieren Sie Ihre Bilderwelten auf Instagram & Co, am besten gewinnen Sie mit interessanten Persönlichkeiten, Bildern und Aussagen neue Followerinnen und Follower. Bewerben Sie Ihr Angebot, denn Gen Z will Push-, nicht Pull-Nachrichten! Schaffen Sie neue (innere) Bilder vom Studium der E-Technik!« Ob und wie das bislang gelingt, wird als nächstes in Teil drei der Studie getestet werden. 


 


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