Interview mit Rahman Jamal

»Wir müssen verantwortungsvoll mit Technik umgehen«

21. Juni 2022, 9:00 Uhr | Tobias Schlichtmeier
Rahman Jamal
Rahman Jamal ist Buchautor und Speaker technisch-gesellschaftlicher Themen der Zukunft.
© Rahman Jamal

Rahman Jamal war jahrelang bei National Instruments tätig. Heute widmet er sich als Buchautor und Speaker technisch-gesellschaftlichen Themen der Zukunft. Wie er den Ingenieursberuf definiert und welche Herausforderungen unsere Gesellschaft angehen muss, schildert er im Interview mit Markt&Technik.

Markt&Technik: Herr Jamal, die letzten beiden Jahre waren sehr herausfordernd – für Unternehmen per se, genauso wie für die Menschen, die dort arbeiten. Wie, denken Sie, entwickeln sich Unternehmen nach der Pandemie weiter?

Rahman Jamal: Halten wir eines fest: Die Pandemie hat viele strukturelle Schwächen und Vulnerabilitäten unserer Gesellschaft schonungslos aufgedeckt. Eine Rückkehr zum »Business as usual« scheint mir unwahrscheinlich. Vielmehr sehen wir die Welt nach Corona mit einem stärkeren Bewusstsein für globale Zusammenhänge und Abhängigkeiten. Um ein konkretes Beispiel zu nennen: Bereits heute legen Kunden großen Wert darauf, dass Unternehmen sich eindeutig zu gesellschaftlich relevanten Fragen wie Umweltschutz, Nachhaltigkeit oder Menschenrechte positionieren. Das ist gut so, denn damit entsteht ein neues Verständnis von Fortschritt, das unsere Beziehung zur Welt umfasst sowie die ganzheitlichen Zusammenhänge zwischen Gesellschaft, Mensch und Natur erkennt und reflektiert.

Unser heutiges Wirtschaftssystem beruht auf Wachstum – möglich ist das jedoch lediglich zulasten anderer, zum Beispiel der Umwelt und Entwicklungsländern. Halten Sie es für möglich, eine Post-Wachstums-Gesellschaft aufzubauen oder ist das reine Fiktion?

Nein, es ist keine reine Fiktion. Nach mehreren aufeinander folgenden Krisen wie Covid-19, dem Russland-Ukraine-Krieg und dem lange bekannten Klimawandel hat sich ein Fenster aufgetan, über tiefere Fragen zu reflektieren: Wo stehen wir heute und worum geht es eigentlich? Was macht ein erfülltes Leben aus? Was bewegt uns und warum tun wir das, was wir tun? Vor allem die anhaltenden Diskussionen über Nachhaltigkeit haben uns zumindest so weit sensibilisiert, dass wir Menschen langsam doch zu der Einsicht kommen: Es gibt so etwas wie die Grenzen des Wachstums und der Erde, ein Limit an Ressourcen. Und im ersten Corona-Lockdown mit den leeren Supermarktregalen war eine solche Erfahrung von Begrenzung zum ersten Mal hautnah erlebbar.

Bereits vor 50 Jahren hat der »Club of Rome« auf die Grenzen des Wirtschaftswachstums aufmerksam gemacht – mit dem Fazit, dass, wenn die Menschheit unverändert so weiterleben würde wie bis dato, ein Zusammenbruch der Weltgesellschaft bis spätestens 2100 unvermeidbar wäre. An dem Fazit scheiden sich zwar heute noch die Geister, doch spüren wir alle mehr oder weniger, dass ein »Weitermachen wie bisher« nicht funktioniert. Wir müssen unsere grundsätzliche Geisteshaltung ändern, die Nachhaltigkeit nicht als Nebenprodukt einer wirtschaftlichen Wachstumsagenda betrachtet, sondern unmittelbar auf nachhaltiges Produzieren, Konsumieren und Investieren zielt. Ebenso kann die Zivilgesellschaft sehr viel beitragen, indem sie sich fragt, was sie hier und heute verändern kann, um Teil der Lösung zu sein. Gerade in dieser Zeit können uns der Sinn für das Wesentliche und Menschlichkeit helfen, Dinge selbst anzupacken.

Gerade die Digitalisierung erfuhr während der Pandemie ein starkes Wachstum. Welche Chancen ergeben sich hieraus?

Die Pandemie hat gezeigt, dass Dinge wie Homeoffice oder das Digitalisieren von Arbeitsabläufen ohne endloses Planen, ja sogar von einem Tag auf den anderen möglich sind. Dass die Krise den Wandlungsprozess erheblich beschleunigt, zugleich jedoch Defizite offengelegt hat, zeigen aktuelle Studien. Insbesondere der Datenschutz und die IT-Sicherheit sind demzufolge Herausforderungen, die den Wandel bremsen. Dennoch bleibt uns der Digitalisierungsschub dauerhaft erhalten. Gleichzeitig ist er der Schlüssel zum Bewältigen der Herausforderungen unserer Zeit, vor allem wenn es um Nachhaltigkeit geht.

Technologie hält viele Chancen bereit, Krisen zu meistern. Welchen Technologien geben Sie die größte Chance für die Zukunft?

Bevor ich auf die Technologien eingehe, erscheint es mir wichtig, Folgendes hervorzuheben: Es ist essenziell, Diskussionen über neue Technologien nicht nur technisch oder ökonomisch zu führen, sondern sich ebenfalls politisch, kulturell, ökologisch und gesamtgesellschaftlich damit auseinanderzusetzen. Letztlich geht es um die Frage, wie wir Menschen künftig leben und arbeiten wollen.

Was Technologie als solches angeht, so ist künstliche Intelligenz (KI) als Erstes zu nennen. Zweifellos ist ihr wirtschaftliches Potenzial enorm. Vor allem entwickeln sich lernende Systeme basierend auf KI-Technologien und -Methoden zunehmend zum Treiber der Digitalisierung in Wirtschaft und Gesellschaft. Paradebeispiel für lernende Systeme sind Roboter sowie Softwaresysteme: Sie bewerkstelligen autonom Aufgaben auf Basis von Daten, die ihnen als Lerngrundlage bereitstehen, ohne dass jemand einzelne Schritte explizit programmiert. Hieraus entstehen neue datenbasierte Geschäftsmodelle, die traditionelle Wertschöpfungsketten und etablierte Marktführer aus dem Markt drängen, falls sie mit der Entwicklung nicht Schritt halten.

Wie schätzen Sie die Chancen für den Industriestandort Deutschland ein, wenn es um KI geht?

Lange Zeit hatte ich den Eindruck, Deutschland erkenne die Potenziale von KI für die Wirtschaft nicht. Jedoch erleben wir mittlerweile eine Aufbruchstimmung, vor allem im Bereich der industriellen KI – also dem Einsatz von KI für die nächste Evolution von Industrie 4.0. Ziel muss in den nächsten zehn Jahren eine KI-basierte Null-Fehler-Produktion sein. Aufkommende Trends können diese Entwicklung maßgebend beeinflussen. Zu nennen sind insbesondere Edge Computing bis hin zur Edge Cloud, der Einzug von 5G in die Fabrik, die in Produktionsabläufe integrierte Robotik, autonome Systeme in der Intralogistik sowie firmenübergreifende Dateninfrastrukturen, wie sie die Initiative »Gaia-X« anstrebt. In den nächsten Jahren wird es herausfordernd sein, unser starkes Industrie-Know-how gut mit den KI-Technologien zu verschmelzen.

KI ist zudem längst in unserem Alltag angekommen. Auch immer mehr Unternehmen setzen auf das Entwickeln von KI-Algorithmen. Warum ist KI so wichtig für uns als Gesellschaft?

Für wahrscheinlich jede Branche und Funktion findet sich inzwischen eine KI-gestützte Applikation, die das Ziel hat, uns das Leben zu erleichtern. In unserer Branche setzt sich KI konkret in vielen Bereichen durch, in denen prognostische Kompetenz gefragt ist. Im Unterschied zur reinen Datenverarbeitung ist sie hier – etwas vereinfacht formuliert – in der Lage, in die Zukunft zu blicken. So kann sie den Ausfall von Maschinen und Systemen voraussagen, das autonome Fahren weiter optimieren oder Spracherkennungssysteme für industrielle Applikationen bereitstellen. Hierbei wird das grundlegende Verständnis eines Problems über maschinelles Lernen erworben. Das System lernt aus jeder seiner Handlungen und verändert dementsprechend eigenständig sein Verhalten.

Angesichts der tiefgreifenden Auswirkungen von KI-Applikationen auf unsere Gesellschaft ist es mehr als verständlich, dass Menschen nach Orientierung und Erklärung suchen. Nur wenn wir uns beim Einsatz und dem Weiterentwickeln der KI mit den ethischen und normativen Folgen ihrer Aktionen auseinandersetzen, können wir die Gesellschaft mitnehmen.

Wie können wir Menschen die Angst vor KI nehmen?

Meines Erachtens bedarf es einer breitflächigen Aufklärung und Transparenz. Es ist wichtig, von vornherein klarzustellen, dass KI nicht mit künstlichem Bewusstsein gleichzusetzen ist. Die sogenannte schwache KI, das Adressieren klar abgegrenzter Probleme, die Algorithmen autonom lösen, ist etwas völlig anderes als eine starke KI: mit Wahrnehmungen, Gefühlen, Instinkten, die im Bewusstsein erscheinen und aufgrund derer sie bewusste Entscheidungen trifft. Systemen der schwachen KI, die unser Leben erleichtern, begegnen wir mittlerweile überall in unserem Alltagsleben. Sie verbergen sich beispielsweise hinter Navigationssystemen, Text- und Spracherkennungsprogrammen oder individualisierter Werbung über Social Media.

Gerade das (Industrial) Internet of Things (I)IoT hat viele Abläufe in Unternehmen sowie im Privaten verändert – und die Entwicklung ist lange nicht am Ende angekommen. Ist demnächst ein Punkt der Sättigung erreicht?

Auf keinen Fall. Lassen Sie es mich veranschaulichen: Das IoT und somit die Konvergenz der digitalen und physischen Welt reicht von Fitness Trackern und Haushaltsgeräten im kommerziellen Umfeld bis hin zu ihrer vielfältigen Umsetzung in allen Bereichen der Maschine-zu-Maschine-Kommunikation – dem sogenannten IIoT. Vollständigkeitshalber sei hier noch das AIoT genannt, was sich auf das Erweitern von IoT-Geräten und -Infrastrukturen mithilfe von KI bezieht und IoT mit KI-Fähigkeiten ergänzt. Allein anhand der Begriffe sieht man die enorme Spannweite beziehungsweise das Potenzial des (I)IoT. Studien zufolge ist bis 2025 mit bis zu 40 Mrd. Geräten zu rechnen. Das IoT wächst zweifellos weiter: Ich denke beispielsweise an vernetzte Autos sowie die nötige Infrastruktur hierfür oder gar an Smart Cities. Sie werden von vernetzten Technologien aus verschiedenen Bereichen wie Energie, Mobilität, Stadtplanung oder Kommunikation unterstützt.

Die Fortschritte in der Technik sind zudem geprägt von ethischen Fragen. Ingenieure tragen eine große Verantwortung für unsere Gesellschaft. Welche Fragen müssen sich Ingenieure heute stellen und wie können sie diese angehen?

Zuallererst wünsche ich mir eine Öffnung der Ingenieursdisziplinen gegenüber den Geisteswissenschaften – etwas, das ich in meinem aktuellen Buch als »Musilisierung der Ingenieure« bezeichne. Die etwas überspitzte Formulierung habe ich an Robert Musil und sein Opus Magnum »Der Mann ohne Eigenschaften« angelehnt. Er entspringt vor allem meiner Liebe zur Literatur, Philosophie und Mystik, entbehrt jedoch nicht einer wichtigen strategischen Relevanz: Ingenieure für den Blick über den Tellerrand ihres Faches zu begeistern.

Meine Vision ist, dass Ingenieure und Ingenieurinnen zu Humanisten und Humanistinnen werden – und das gelingt erst dann, wenn sie nicht nur ein vorurteilsfreies Verständnis für nichttechnische Disziplinen mitbringen, sondern ebenfalls offen sind für eine fruchtbare interdisziplinäre Zusammenarbeit. Denn lediglich gemeinsam können wir Technik so gestalten, dass wir es dem Anwender ermöglichen, mit der neuen Entwicklung verantwortungsvoll umzugehen. Technologie darf kein Selbstzweck sein. Es ist unabdingbar, dass wir Ingenieure uns bewusst machen, welche Folgen unsere eigenen technischen Errungenschaften auf die Gesellschaft haben.

Nachhaltigkeit ist ein Trend, der gerade im Jahr 2022 stärker ist denn je. Wie können Unternehmen Nachhaltigkeitsziele sinnvoll definieren?

Der digitale Wandel stellt uns vielversprechende Erkenntnisse, Werkzeuge und Methoden bereit, mit denen die Transformation zum nachhaltigen Wirtschaften und Leben sinngebend gelingen kann. Hierbei stellt sich insbesondere für Firmen unweigerlich die Frage der unternehmerischen, aber auch der gesellschaftlichen Verantwortung.

Aktuell gibt es einen wahren Boom an Brand-Purpose-getriebenen Maßnahmen mit dem Fokus auf Nachhaltigkeit für Kommunikation und Marketing. Aber bei einem Purpose, also einer wahrhaften Sinnhaftigkeit, handelt es sich nicht um ein punktuelles Ereignis, sondern um einen Prozess. Er erfordert eine Symbiose zwischen gelebter Haltung und konkreten Taten. Kurz: Es gilt, nicht nur etwas zu sagen, sondern es auch zu tun beziehungsweise zu leben. Erst dann ergeben solche Anstrengungen im wahrsten Sinne des Wortes einen Sinn und werden glaubwürdig.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Jamal.

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