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Traceabililty – Pflicht oder Kür?

"Positive Auswirkungen bei der Versicherungsprämie"

19. März 2021, 09:22 Uhr   |  Karin Zühlke

© AdobeStock

Vor gut zehn Jahren hat der ZVEI seinen Traceability-Leitfaden vorgestellt und damit erstmals eine Richtschnur für das Thema geschaffen. Wie weit ist Traceability inzwischen gediehen und wo liegt der Mehrwert? Antworten von cms electronics, Semikron und Zollner Elektronik.

Markt&Technik: Ein ungelöstes Problem waren bei Einführung des ersten ZVEI-Traceability-Leitfadens die proprietären Schnittstellen der SMT-Fertigungsanlagen. DEN einen Schnittstellen-Standard für SMT-Maschinen gibt es auch im Jahr 2020 noch immer nicht. Welche Herausforderungen bestehen diesbezüglich noch?

Mario Damej, Director Production & Technology, cms electronics: Die Situation hat sich in den letzten Jahren leider nicht grundlegend geändert. Nach wie vor gibt es keine einheitlichen Schnittstellen über alle Hersteller von SMD-Equipment hinweg. Für uns als cms stellt dies aber nur bedingt ein Problem dar, da wir auf sehr langfristige Partnerschaften mit unseren Equipment-Lieferanten – speziell bei unseren Kernprozessen wie SMD-Bestückung – setzen. Durch diese sehr homogene Verteilung von Fertigungs-Equipment müssen die bereits erstellten Schnittstellen nur noch evtl. notwendigen Veränderungen angepasst werden.

Alois Mahr, Vice President Global Engineering, Zollner: Ein ungelöstes Problem? Es war damals eigentlich ein größerer Aufwand. Es hat sich hier über die Jahre durchaus etwas getan; früher mussten wir als Beispiel die SMT-Bestückungsmodule über drei verschiedene Schnittstellen anbinden und die Daten aggregieren, um das zu erreichen, was wir heute über das Standard-Interface der SMT-Bestückungsanlagen erledigen können oder alternativ über das ZVEI-XML-Schnittstellenprotokoll bereitgestellt bekommen. Aber auch der Datenbedarf hat sich natürlich verändert; heute werden wesentlich mehr und detailliertere Daten von den Anlagen gefordert, um transparente Prozesse zu betreiben. Ziel ist es vor allem, die Prozessfähigkeit zu steigern oder eine vorbeugende Instandhaltung sicherzustellen. Als Beispiele kann man die Zyklen von Werkzeugen erfassen, über geeignete Sensorik die Stromaufnahme bzw. Daten, die benutzt werden können, um die Vibrationen eines Motors aufzuzeichnen und zu analysieren.

Dies ist zugleich auch noch die Herausforderung, all diese Detaildaten mittels standardisierter Schnittstellen über die gesamte SMT-Fertigung hinweg bereitzustellen. Sehr positiv zu erwähnen sind hierbei jedoch die Entwicklung und zunehmende Verbreitung des CFX- und Hermes-Standards, welche beide durch die IPC unterstützt werden. Die Hermes-Schnittstelle wird heute schon von vielen Firmen bereitgestellt. Bei der Neuanschaffung von Maschinen bzw. Anlagen etc. fordern wir immer schon klar definierte Schnittstellen.

Bernd Enser, COO von Semikron: Zunächst einmal sollten wir über den Begriff „Standard“ als solchen sprechen. Bezüglich der Akzeptanz eines solchen gehen Themen wie Funktionalität, Verfügbarkeit, Kompatibilität und Adaptierbarkeit etc. immer parallel einher. Ich bin überzeugt, dass wir zur Herausgabe des Leitfadens vor ca. zehn Jahren durchaus eine erste praktikable Lösung mit angeboten haben. Nun steht aber eine solche Schnittstelle nicht alleine in diesem Zusammenhang oder muss sich in einem solchen bewähren, sondern muss auch im Zuge der gesamtheitlichen digitalen Transformation immer wieder in Frage gestellt werden und muss sich weiterentwickeln. Diesen Anspruch hatten wir als „Erfinder“ der Erstlösung auch nie und sehen deshalb auch kein Scheitern derselben. Vielmehr hat die Herausforderung über die Zeit verschiedene Lösungen evolutionär hervorgebracht, welche aktuell durchaus industriell anwendbar sind. In Bezug auf die strukturelle Darstellung der Schnittstellenthematik zu Themen wie ERP- oder MES-Systemen kann man heute durchaus sehen, dass sich hier standardisierte Lösungen hervortun, die zwar auf Maschinenebene noch diverse Individuallösungen erfordern, aber umsetzbar sind.

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© cms

Mario Damej, cms electronics: »Wenn die Traceability sowohl lieferantenseitig als auch kundenseitig lückenlos durchgeführt wird, ist Traceability natürlich ein extrem wichtiger Teil zu Risikominimierung im Schadensfall.«

»Traceability ist die Grundlage für Industrie 4.0«

Anfangs berichteten die Firmen von Widerständen und Vorbehalten im eigenen Unternehmen, Traceability einzuführen. Wie hat sich das inzwischen verändert? Ist Traceability Ihrer Erfahrung nach inzwischen zur Selbstverständlichkeit avanciert?

Mahr: Traceability ist heute die Grundlage für Industrie 4.0 und jegliche Art datengetriebener Prozesse, daher ist meiner Erfahrung nach Traceability in vielen Branchen sicherlich inzwischen zur Selbstverständlichkeit avanciert, während sich nun aber auch bei den letzten Branchen, die sich bis dato noch in Zurückhaltung übten, Traceability mehr und mehr durchsetzt. Ein weiterer Aspekt ist die inhaltliche Darstellung der Traceability und deren Handlungsgebiete über die Kennzeichnung der Produkte und Materialien, das Erfassen wichtiger Prozessparameter und die revisionssichere Ablage der Daten in geeigneten Systemen. Aber auch das Management in den Unternehmen muss von der Traceability überzeugt sein, dass es nicht nur um die reine Nachweispflicht geht, sondern die Daten aus der Traceability zur nachhaltigen Prozessoptimierung verwendet werden können und damit auch das Risiko erheblich minimiert werden kann.

Dazu hat der ZVEI-Traceability-Leitfaden einen großen Beitrag geleistet. Die verschiedenen Normen, z.B. ISO 9001, IATF 16949 für Automotive, ISO 13485 für Medizintechnik oder EN 9100 für die Luft- und Raumfahrt und viele weitere fordern Traceability, also Rückverfolgbarkeit. Leider fehlt die Detailbeschreibung, was darunter verstanden wird. Um eine hohe Prozessfähigkeit erreichen zu können, wie bereits erwähnt, benötigen wir transparente Prozesse, und Traceability stellt hier den Grundstock bzw. die Basis dar. Eine oberflächliche kaufmännische Betrachtung ist hier zu kurz gedacht, denn Traceability muss gesamtheitlich betrachtet werden, damit die vielen Chancen und Möglichkeiten sowie Vorteile, die dadurch entstehen, mitbetrachtet werden können. Eine Detailbetrachtung, welche Risiken ohne Traceability entstehen können, ist absolut zu empfehlen.

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© Zollner Elektronik

Alois Mahr, Zollner: »Wir müssen uns hier die Frage stellen, würden wir noch versichert werden, wenn wir Traceability nicht hätten?«

Damej: Zu diesem Thema muss Traceability näher definiert werden. Wenn es sich per Definition um reine Chargenverfolgung von elektrischen Komponenten oder Leiterplatten handelt, so gehört Traceability bei cms definitiv inzwischen zur Selbstverständlichkeit. Auch das Process Monitoring ist bereits in den Alltag eingezogen und wird abteilungsübergreifend im kontinuierlichen Verbesserungsprozess genutzt. Auch Schlechtteil-Handling und Materialverwaltung sind Teil unseres cms-trace-Programms und sind aus dem täglichen Arbeitsprozess nicht mehr wegzudenken. Schwieriger wird es bei weiterführenden Traceability-Themen, die größere Auswirkungen auf Stillstandszeiten oder Fertigungs-Performance haben oder zusätzliche Tätigkeiten im Fertigungsprozess verlangen (z.B. harte Prozessverriegelungen und Verpackungs-Traceability). Bei diesen Themen stellt sich natürlich immer wieder die Kosten-Nutzen-Frage und muss daher von Fall zu Fall neu diskutiert und beurteilt werden.

Enser: Beharrlichkeit und somit resultierende Vorurteile wird es immer geben. So ist es nicht verwunderlich, dass ein derart komplexes Thema wie Traceability nicht unmittelbar zum Selbstläufer werden kann. Daneben haben sich auch über die Zeit auf Basis von diversen Kundenforderungen Individuallösungen entwickelt, welche durchaus tauglich waren und es vielleicht in Einzelfällen auch noch sind. All das sind nur einige Randparameter, welche aber durchaus das in der Frage formulierte Gesamtbild unterstützen. Nichtsdestotrotz kann man durchaus auch eine gewisse und durchaus relevante Veränderung erkennen. Lässt man einmal die mit der Veröffentlichung des Leitfadens vorhandene Euphorie, etwas noch nie Dagewesenes geschaffen zu haben, beiseite, so ist doch ohne Frage zu erkennen, dass viele Lösungen in den Unternehmen, aber auch die im Markt zum Kauf angebotenen Applikationen sich am Leitfaden orientieren und in größeren Teilen auch die Struktur desselben abbilden.

Blickt man hinter die Kulissen oder geht man in die Detailstruktur, so ist ebenfalls ersichtlich, dass hier sogar umso mehr eine Anlehnung besteht. Auch wenn ich noch immer nicht von einer Selbstverständlichkeit sprechen möchte, so ist doch der Durchdringungsgrad wesentlich höher als noch vor einigen Jahren, und die Diskussionen gehen eher in die Richtung einer vernünftigen Umsetzung und weg von der Grundsatzdiskussion, ob man ein solches System überhaupt braucht.

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2. "Lieferketten sind bei den meisten Produkten nachvollziehbar..."

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