Elektroniknet Logo

Absurde Forecasts, Lieferausfälle

»2022 ist aus Supply-Chain-Sicht bereits durch«

Markt&Technik
Michael Velmeden, Geschäftsführer von cms electronics: »Trotz sehr langem Forecast verzeichnen wir eine extreme Minderbelieferung von Komponentenseite.«
© Markt&Technik

Volle Auftragsbücher, leere Lager: Die EMS-Industrie kämpft mit der Verfügbarkeitsmisere und ist „not amused“ über das Verhalten einiger Komponentenlieferanten. Schon jetzt ist klar: Nicht jeder Auftrag wird in diesem Jahr bzw. termingerecht produziert werden können.

Dass nicht alles, was beim EMS derzeit in den Büchern steht, im gewünschten Zeitraum gefertigt werden kann, liegt aufgrund der aktuellen Lage auf der Hand. »Trotz sehr langem Forecast verzeichnen wir eine extreme Minderbelieferung von Komponentenseite. Bei 60 Prozent der Kunden sind wir daher derzeit im Rückstand, was in etwa 15 Prozent vom Umsatz ausmacht«, wirft Michael Velmeden ein, Geschäftsführer von cms electronics. Andreas Schneider, Geschäftsleiter von BMK, geht davon aus, dass in diesem Jahr rund 80 Prozent des Auftragseingangs realisiert werden können. Deutlich wird auch Arthur Rönisch, Geschäftsführer von Turck duotec: »Wir schätzen, dass etwa 20 Prozent unseres Auftragsvolumens auf Basis der Lieferschwierigkeiten nicht rechtzeitig ausgeliefert werden können.« Felix Timmermann spricht von Backlogs, »die perspektivisch hoffentlich adressiert werden«. Und Markus Aschenbrenner, Mitglied des Vorstands von Zollner Elektronik, gibt zu bedenken, dass im Vergleich zum ersten Halbjahr die Lager in der Kette (noch) leerer geworden sind; daher sei im zweiten Halbjahr »mit deutlich mehr Schwierigkeiten in der Lieferkette« zu rechnen.

Markt&Technik
Andreas Schneider, Geschäftsleiter bei BMK: »Starke Wellen, Verschiebungen, Kurzfristbedarfe. Das ist unser tägliches Geschäft, über das wir uns eigentlich ja auch abheben.«
© Markt&Technik

Marco Balling, Geschäftsführer von productware, legt den Finger in die Wunde: »Die EMSler finanzieren zunehmend stark Lagerbestände. Hat man dann Aufträge, für die ein Teil fehlt, um produzieren zu können, ist es zum Teil ein Alptraum bzw. es kann einer werden, wenn wir den EMS-Markt insgesamt betrachten. Die Situation ist ein Risikofaktor für Firmen, die schon vorher nicht so stark aufgestellt waren, was die Eigenkapitalquote betrifft. Das kann durchaus ein Katalysator für die Konsolidierung des EMS-Marktes sein.« Roland Hollstein konkretisiert die Lage an einem Beispiel aus dem eigenen Haus: »Wir fertigen eine Baugruppe mit etwa 100 Teilen. Eines davon ist ein Trafo, der zwar in Deutschland hergestellt wird, aber der Ferritkern kommt wiederum aus Asien, mit deutlichen Verzögerungen. Und da lässt sich nichts beschleunigen. Es bleibt am letzten Bauteil hängen, und das macht sich bei kleineren Unternehmen sofort am Cash bemerkbar.«

Mit »Beschleunigen« liefert Hollstein ein wichtiges Stichwort: Welchen Einfluss hat der EMS überhaupt noch auf seine Lieferkette bzw. auf die Zulieferer? Geraten insbesondere kleinere EMS ins Hintertreffen, weil sie keinen direkten Herstellerkontakt haben? Felix Timmermann, Executive Vice President von Asteelflash, verneint die Frage, ob größere EMS-Produzenten mehr Marktmacht haben. »Wir sind über unsere Konzernmutter ASI, die ja Packaging für Chips herstellt, sehr nahe dran an der Chipindustrie. Vielleicht gibt es einige Fälle, in denen wir zu unseren Gunsten etwas beschleunigen können, aber unterm Strich haben wir keine dramatische Marktmacht. Es gibt andere Spieler, die das Gros der Kapazität buchen und diese auch bekommen.« Die Fabs verkaufen ihre Kapazitäten vorwiegend an Volumenproduzenten aus dem OEM-Segment. »Wir sind als mittelständische Industrie von rechtzeitiger Planung abhängig, egal ob ich bei der Distribution oder beim Hersteller bestelle. Im Sinne der Weltmarktverteilung der Konsumenten ist Europa nicht der wichtigste Markt, und da sind wir alle am Tisch in der gleichen Situation, auch wenn wir größer sind«, so Timmermann weiter. Markus Aschenbrenner sieht für Zollner die Lösung in (mehr) Direktgeschäft mit den Komponenten-Herstellern, das Zollner inzwischen verstärkt forciere. »Da hat man wesentlich mehr Hebel. Wir kommen an die richtigen Leute ran und können zusammen mit den Endkunden über den Herstellerkanal etwas erreichen. Diese Strategie hat uns gut getan.«


  1. »2022 ist aus Supply-Chain-Sicht bereits durch«
  2. Abnahmeverpflichtung, aber keine Liefergarantie

Verwandte Artikel

Zollner Elektronik AG, cms electronics gmbh, BMK Group GmbH & Co. KG