Strategisches Obsoleszenzmanagement

»Künftig kommt keiner mehr drum herum!«

16. November 2022, 7:30 Uhr | Heinz Arnold
COGD
Dr. Wolfgang Heinbach (li): »Strategisches Obsoleszenzmanagement ist nichts Statisches, sondern ein kontinuierlicher dynamischer Prozess, der dabei helfen soll, die Obsoleszenzrisiken über den gesamten Lebenszyklus eines Gerätes oder einer Anlage auf ein Minimum zu reduzieren.« / Axel Wagner: »Mit Obsoleszenzmanagement lassen sich schon in der Evaluierungsphase viele Fehler vermeiden, die das eigene Unternehmen sonst im Nachhinein teuer zu stehen kommen könnten.«
© COGD

Wie kann die Produktion angesichts der Krisen weitergehen? »Ohne strategisches Obsoleszenzmanagement wird jedenfalls nichts gehen!«, zeigen sich Dr. Wolfgang Heinbach und Axel Wagner von COGD im Gespräch mit Markt&Technik überzeugt.

Markt&Technik: Geopolitische Verwerfungen, Corona-Folgen, Deglobalisierung – jeder Tag bringt immer neuen Risiken und Herausforderungen. Müssen produzierende Unternehmen in Europa und insbesondere in Deutschland ihre Supply Chain für die Zukunft komplett neu aufstellen?

Dr. Wolfgang Heinbach: Komplett neu aufstellen geht oftmals gar nicht, dafür gibt es zumeist eine Vielzahl guter wirtschaftlicher und politischer Gründe. Aber zumindest ein intensives Überdenken der bisherigen Strategie halte ich unter Obsoleszenz-Gesichtspunkten für mehr als überfällig. Dass viele Firmen 2021 und die ersten sechs Monate dieses Jahres trotz der in vielen Bereichen verknappten Ressourcen Umsätze und Erträge zum Teil sogar deutlich steigern konnten, heißt ja nicht, dass all diese Unternehmen ihre Lieferketten-Probleme voll im Griff haben. Ich fürchte, die letzten drei Jahre sind nur ein Vorgeschmack dessen, was passieren kann, wenn viele potenzielle Störfaktoren auf die globalen Lieferketten einwirken – im schlimmsten Fall gleichzeitig.

Was könnte denn Ihrer Meinung nach in puncto Versorgungssicherheit in Zukunft noch schlimmer kommen, als es derzeit für viele Unternehmen ohnehin schon ist?

Heinbach: Die Frage müsste wohl eher lauten, ob es angesichts der vielen politischen und wirtschaftlichen Unwägbarkeiten aktuell überhaupt irgendetwas gibt, was sich auf Sicht der nächsten Monate und Jahre nicht noch weiter verschlechtern könnte. An dieser Stelle alle kritischen Punkte aufzuzählen würde den Rahmen dieses Gespräches komplett sprengen. So beobachten wir bei der COGD beispielsweise schon seit geraumer Zeit mit Sorge, dass immer mehr Chiphersteller ihre in die Jahre gekommenen Teile früher in den EOL-Status (End of Life) versetzen, um so den sich ändernden Marktprioritäten besser gerecht werden zur können. Wohin die Reise geht, wird bei der Auswertung der aktuellen Änderungsmitteilungen deutlich.

Lag vor Corona der Anteil der Abkündigungen noch bei 2 bis 3 Prozent, bewegen wir uns jetzt im Mittel in einem Bereich von 6 bis 8 Prozent. Dieser Trend, sollte er sich so fortsetzten, verheißt vor allem für die Hersteller langlebiger Wirtschaftsgüter nichts Gutes. Weil sich manche der betroffenen Bauteile mitunter nur schwer oder gar nicht ersetzen lassen, kommt es vor, dass selbst bei manchen bislang relativ gut verfügbaren Produkten die Nachfrage durch die Abkündigung nochmals sprunghaft ansteigen wird, was wiederum schon vor Eintreten der eigentlichen Obsoleszenz zu deutlichen Lieferengpässen führen kann. Materialeinkäufer haben also derzeit nichts zum Lachen, und ich gehe davon aus, das wird auch noch längere Zeit so bleiben. Ich vermute deshalb, schon in wenigen Jahren wird kaum noch ein Industrieunternehmen ohne ein strategisches Obsoleszenzmanagement auskommen.

Warum genau ist ein strategisches Obsoleszenzmanagement gerade in diesen in vielerlei Hinsicht schwierigen Zeiten für Industrieunternehmen von so zentraler Bedeutung?

Axel Wagner: Weil sich angesichts der Vielzahl an potenziellen negativen Einflussfaktoren heute meistens schon in der Evaluierungsphase eines neuen Produktes entscheidet, wie gut oder schlecht sich etwaige Risiken über den gesamten Lebenszyklus des Gerätes hinweg beherrschen lassen. Effizientes Obsoleszenzmanagement beginnt definitiv schon beim Design-in. Wenn in dieser frühen Phase Kunststoffe, mechanische Komponenten oder elektronische Bauteile verwendet werden, die vielleicht schon kurze Zeit nach Fertigstellung der Baugruppenentwicklung nicht mehr verfügbar sind oder aufgrund gesetzlicher Vorgaben nicht mehr verwendet werden dürfen, kann das für das jeweilige Unternehmen mitunter massive finanzielle Folgen haben. Weitgehend ausschließen lässt sich so ein Szenario nur durch eine intelligente Material- und Bauteil-Vorselektion auf Basis kontinuierlich aktualisierter Datensätze aller in Betracht kommenden Lieferanten.

Ein solches Vorgehen ist zwar erst einmal mit einem gewissen Mehraufwand verbunden. Die Praxiserfahrung zeigt allerdings, dass sich dieser wie alle anderen erprobten präventiven Maßnahmen zum Schutz vor Obsoleszenzen vor allem bei einer Total-Cost-of-Ownership-Betrachtung durchaus rechnet. Entscheidend für den Erfolg eines umfassenden strategischen Obsoleszenzmanagements ist allerdings eine weitestgehende Automatisierung aller dafür notwendigen Prozesse, beispielsweise durch Verwendung des smartPCN-Standards.

Das klingt fast so, also ob die Implementierung eines strategischen Obsoleszenzmanagements die perfekte Lösung für die Bewältigung aller aktuellen und künftigen Supply Chain-Herausforderungen sein könnte.

Heinbach: Ich würde mich natürlich freuen, wenn es so einfach wäre. Aber das ist es leider nicht. Strategisches Obsoleszenzmanagement ist nichts Statisches, sondern ein kontinuierlicher dynamischer Prozess, der dabei helfen soll, die Obsoleszenzrisiken über den gesamten Lebenszyklus eines Gerätes oder einer Anlage auf ein Minimum zu reduzieren. Wie gut das bei entsprechendem Engagement in der Praxis funktioniert, hängt zwar immer vom jeweiligen Einzelfall ab, aber die letzten knapp drei Jahren haben gezeigt, dass Mitgliedsfirmen der COGD, die schon frühzeitig in ein gut funktionierendes Obsoleszenzmanagement investiert haben, von den aktuellen Krisen bislang meist wesentlich weniger hart getroffen wurden als Wettbewerber, die bis zuletzt auf eine schnelle Rückkehr zu uneingeschränkt funktionierenden internationalen Lieferketten gehofft hatten. Um unter mutmaßlich immer schwieriger werdenden Beschaffungsbedingungen auch langfristig überlebensfähig zu bleiben, ist also mehr denn je vorausschauendes Abwägen und Planen gefragt.


  1. »Künftig kommt keiner mehr drum herum!«
  2. Was kann der COGD auf internationaler Ebene tun?

Das könnte Sie auch interessieren

Verwandte Artikel

COG Deutschland