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Konsequenzen aus der Krise

»Die Obsoleszenz-Problematik wird offenbar!«

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Dr. Wolfgang Heinbach,Vorstandsvorsitzender des COGD: »Wer beispielsweise Lagerbestände aus Kostengründen stark reduziert hat, zahlt dafür jetzt einen sehr hohen Preis.«
© COGD

»Die aktuelle Krise zeigt, wie wichtig es für Unternehmen ist, sich intensiv mit allen nur erdenklichen Obsoleszenz-Risiken auseinanderzusetzen«, sagt Dr. Wolfgang Heinbach, Vorstandsvorsitzender der COGD, im Interview mit Markt&Technik.

Markt&Technik: Die Component Obsolescence Group Deutschland (COGD) weist seit Jahren immer wieder auf wachsende Verfügbarkeits- und damit verbundene Kostenrisiken hin. War die aktuelle Situation für Sie vorhersehbar?

Dr. Wolfgang Heinbach: Prinzipiell ja. Dass eine weltweite Pandemie im Just-in-Time-Zeitalter die eingespielten internationalen Lieferketten zumindest zeitweise auf eine harte Zerreißprobe stellen würde, war zu erwarten. Auch, dass europäische Kunden gerade in solchen Krisenzeiten bei den meisten amerikanischen und asiatischen Halbleiterherstellern nicht gerade oberste Priorität genießen würden. Wir dürfen nicht vergessen, dass der europäische Anteil am weltweiten Halbleitermarkt seit Jahren rückläufig ist. Die von unterschiedlichen Marktforschern ermittelten Zahlen für das Jahr 2020 variieren zwischen 10 und lediglich noch 6 Prozent. Dieser meiner Meinung nach äußerst bedenkliche Trend könnte bei uns auf lange Sicht eine zuverlässige Just-in-Time-Versorgung mit Halbleiterbausteinen auch über die Corona-Krise hinaus in Frage stellen. Devisen wie „America first“ Iassen befürchten, dass vielen Komponentenherstellern auch in Zukunft im Zweifelfall die Jacke näher sein könnte als das Hemd.

Trotzdem scheinen viele Unternehmen auf solche Worst-Case-Szenarien nur unzureichend vorbereitet zu sein.

Stimmt, vor allem auf ein von so vielen unterschiedlichen Faktoren beeinflusstes Allokationsszenario, wie wir es jetzt gerade erleben. In diesem Umfang und mit so drastischen Auswirkungen für die verarbeitende Industrie hat es das im Nachkriegsdeutschland bislang noch nie gegeben. Einer Umfrage des Ifo-Instituts zufolge klagten im August bereits 69,2 Prozent der Industriefirmen über Engpässe und Probleme bei Vorprodukten und Rohstoffen. Besonders dramatisch von Lieferengpässen betroffen waren und sind dabei die Unternehmen, die elektronische Bauteile verarbeiten: 91,5 Prozent der Autohersteller und ihrer Zulieferer, bei den Herstellern elektrischer Ausrüstungen waren es 84,4 Prozent.

Besonders knapp sind derzeit beispielsweise Speicher-ICs und kleinere Mikrocontroller, die derzeit, wenn überhaupt, nur mit exorbitanten Preisaufschlägen von mehreren 1000 Prozent zu bekommen sind; die Lieferzeiten bei Neubestellungen liegen bei manchen Produkten inzwischen bei bis zu 30 Monaten. Erschreckende Zahlen, die einmal mehr daran erinnern, wie wichtig es nicht nur für Hersteller langlebiger Wirtschaftsgüter ist, sich intensiv mit allen nur erdenklichen Obsoleszenz-Risiken auseinanderzusetzen. Ein Beispiel sind die in den vergangenen Jahren in vielen Betrieben aus Kostengründen immer weiter reduzierten Lagerbestände. Wer hier an der falschen Stelle gespart hat, zahlt dafür jetzt einen sehr hohen Preis. Ich gehe deshalb davon aus, dass etliche mittelständische und große Firmen ihre aktuelle Beschaffungs- und Bevorratungsstrategie nach Corona noch einmal komplett auf den Prüfstand stellen werden.

Gute Ratschläge allein ändern für die betroffenen Unternehmen nichts an der aktuellen Situation. Wie geht es Ihrer Meinung nach jetzt weiter?

Kurzfristig geht es für alle von der aktuellen, hoffentlich temporären Obsoleszenz betroffenen Unternehmen vor allem darum, bestehende Verträge zu erfüllen, was sich inzwischen allerdings immer öfter als zum Teil extrem schwierig erweist. Das Problem beschränkt sich ja nicht auf den fehlenden Nachschub. Auch die zum Teil extrem stark gestiegenen Einkaufspreise für die Vorprodukte machen vielen produzierenden Unternehmen schwer zu schaffen. Wer schnell Ware benötigt, muss dafür wie gesagt tief in die Taschen greifen. Daran wird sich in näherer Zukunft vermutlich auch nichts ändern. Deshalb werden in den nächsten Monaten vermutlich auch immer mehr Anlagen- und Gerätehersteller versuchen, wo immer möglich die Preise zu erhöhen. Wie massiv sich die Preisspirale in den nächsten zwölf Monaten nach oben drehen wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt zwar noch schwer einzuschätzen, aber wenn ich mir die angekündigten Preiserhöhungen von TSMC und vielen anderen Halbleiterherstellern vor Augen führe, halte ich eine Teuerungsrate im zweistelligen Prozentbereich auch für das produzierende Gewerbe für nicht ausgeschlossen.


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