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Interview mit Peter Schiefer, Infineon

»Covid hat vieles verändert«

06. September 2021, 14:30 Uhr   |  Iris Stroh

»Covid hat vieles verändert«
© Infineon Technologies

Peter Schiefer, Infineon Technologies: »Die Elektromobilität wurde durch Covid gepuscht, das vollautomatisierte Fahren wurde durch Covid gebremst.«

Automatisiertes Fahren, Elektrifizierung des Antriebs, alles Themen, die Infineon Technologies seit Langem adressiert. Laut Peter Schiefer, Präsident der Division Automotive von Infineon Technologies, haben sich aufgrund von Covid aber einige Dinge geändert.

Markt&Technik: E-Fahrzeuge boomen, mittlerweile sogar in Deutschland. Infineon fertigt Leistungshalbleiter selbst; wie sieht die Lieferfähigkeit in diesem Produktsegment aus?

Peter Schiefer: Infineon ist seit Langem von der Elektrifizierung des Fahrzeugs überzeugt. Wir haben den Ausbau eigener Kapazitäten daher frühzeitig geplant und bereits 2018 entschieden, eine weitere 300-mm-Fab in Villach für Leistungshalbleiter zu bauen. Wir nutzen dort die Konzepte unserer 300-mm-Fab in Dresden und werden beide Fabriken in einem virtuellen Fertigungsverbund führen. So können wir die Bedarfe zwischen den Fabs flexibel hin- und herschieben.

Den Bau der Fab in Villach haben wir auch während der letzten Monate nicht verlangsamt, da wir vermutet hatten, dass Covid die Elektromobilität beflügelt. Das ist ja auch passiert. Die Produktion in Villach läuft im September an, rund ein Quartal früher als geplant. Das heißt: Wir sind hinsichtlich verfügbarem Reinraum und Equipment im Bereich der Leistungselektronik sehr gut auf diesen Boom vorbereitet. Das gilt auch für Sensorik, die wir ebenfalls selbst fertigen.

Also keine Lieferengpässe?

Das stimmt leider auch nicht. In den letzten Monaten ist die Nachfrage nach Automobilelektronik sehr stark gestiegen. Gleichzeitig finden sehr viele Ausweichbewegungen statt. Wenn ein Fahrzeugmodell oder eine Plattform nicht produziert werden kann, stellt der OEM auf andere Modelle um. Damit ergeben sich sehr kurzfristig Bedarfsänderungen und damit der eine oder andere Engpass. Darüber hinaus kommt es aufgrund von Corona-Ausbrüchen wie zuletzt in Malaysia hie und da zu Engpässen.

2018 bereits auf die Elektromobilität zu setzen war nicht ganz ohne Risiko, denn damals war die Akzeptanz außerhalb von China noch relativ gering.

Stimmt, zunächst war China die Region, die die Elektromobilität vorangetrieben hat, Europa war eher zurückhaltend. Dennoch war damals schon klar, dass Europa nachziehen würde. Auch in der EU gab es mit 95 g/km ab 2021 eine Vorgabe hinsichtlich der CO2-Emissionen. Von da aus kann man zurückrechnen, wie viele der Fahrzeuge elektrifiziert sein müssen, um diesen Flottenwert zu erreichen, und abschätzen, wie viele Leistungshalbleiter dafür benötigt werden. Natürlich sind diese Annahmen auch mit einem gewissen Risiko verbunden, weil es noch diverse andere Parameter gibt, wie den Zertifikatehandel, die dem einen oder anderen OEM helfen, die Ziele zu erreichen. Dennoch haben wir erwartet, dass sich Europa diesen Vorgaben annähern wird.

Die Grenzwerte wurden nochmals verschärft, das dürfte zu einer weiteren Bedarfssteigerung bei den Leistungshalbleitern führen.

Die jetzigen Vorgaben lauten: Die CO2-Emissionen müssen bis 2030 um 55 Prozent gegenüber 1990 gesenkt werden. Wir hatten von Anfang an mit 50 Prozent gerechnet, also nicht sehr weit von den jetzigen 55 Prozent entfernt.

Wir gehen davon aus, dass 2025 von den rund 90 bis 100 Mio. Fahrzeugen ungefähr 10 Prozent bzw. 10 Mio. Fahrzeuge rein elektrisch fahren werden. Mit den Kapazitäten aus Dresden und Villach sind wir sehr gut darauf vorbereitet.

Sie haben neulich in einem Interview betont, dass die Halbleiterproduktion sehr zeitaufwändig ist. Spätestens seit Lehman Brothers dürfte diese Tatsache in der Automobilindustrie bekannt sein.

Den meisten, die sich in unserer Industrie auskennen, ist diese Tatsache bekannt. Viele außerhalb unserer Industrie waren überrascht, welche Auswirkungen Halbleiterengpässe haben können. Für die war das dann ein Wecksignal.

Doch leider haben auch Firmen, die die Produktionsprozesse in der Halbleiterindustrie kennen, an manchen Stellen nach Krisenhandbuch reagiert: Wenn das Geld knapp wird, dann reduziert man die Lagerbestände. Infineon hat auch aufgrund der Erfahrungen aus der Lehman-Brothers-Krise genau anders gehandelt: Anstatt Lagerbestände abzubauen, haben wir Lagerbestände aufgebaut, weil wir uns sicher waren, dass der Markt wieder zurückkommen würde.

Wobei ich eines betonen möchte: Keiner in der Industrie hatte damit gerechnet, dass sich die Automobilindustrie von der Corona-Krise wie bei Lehman Brothers V-förmig erholen würde. Bei der Consumer-Elektronik war es zu erwarten, zumal Corona die Digitalisierung beschleunigt hat. Es war aber nicht abzusehen, dass der Automotive-Markt so schnell und in dieser Ausprägung zurückkommen würde.

Leere Lager, hoher Zusatzbedarf und eine deutliche schnellere Erholung im Automotive-Segment wären für sich allein genommen schon herausfordernd genug gewesen. Hinzu kamen dann noch der Wintersturm in Texas, Corona-bedingte Fabrikschließungen, hier ein Erdbeben, dort eine Überschwemmung – also extrem viele Probleme auf einmal, die es in dieser Kombination bisher nicht gegeben hat.

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1. »Covid hat vieles verändert«
2. Keine Transparenz bei den Bedarfen
3. "Level 3 hat sich schlechter entwickelt..."

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