Mobilitätskonzepte, Smart Cities

»Die OEM-Landschaft könnte sich stark verändern!«

30. August 2021, 16:00 Uhr | Heinz Arnold
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Cosimo De Carlo, CEO von EDAG: »Wer das Auto als abgeschlossenes System betrachtet, über dessen Verkauf der Umsatz und der Gewinn erwirtschaftet wird, hat die anstehenden Veränderungen nicht wirklich begriffen.«
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Unter der Führung von Cosimo De Carlo hat die EDAG Group stark in Software & Digitalisierung investiert, ist noch internationaler ausgerichtet, denkt in Mobilitätskonzepten und der Vernetzung mit der Smart City. Cosimo De Carlo erklärt im Interview mit Markt&Technik, wo der Weg hingeht.

Markt&Technik: Sie sind seit 2018 CEO von EDAG. Was hat sich seitdem im Unternehmen geändert?

Cosimo De Carlo: Für die EDAG Group, einen der größten unabhängigen Ingenieurdienstleister für die globale Mobilitätsindustrie, war zunächst neu, dass ein Informatiker und kein Maschinenbauingenieur an der Spitze des Unternehmens steht. Ich hatte mir zu Beginn meiner Rolle als CEO der EDAG Group im April 2018 drei Ziele gesetzt: den Anteil des internationalen Geschäfts deutlich zu steigern, die Digitalisierung voranzutreiben und deshalb einen Schwerpunkt auf die Software zu setzen sowie das Employer Branding auszubauen. Das „REinvent“-Programm von 2018 ist noch in vollem Gange und wichtige Meilensteine sind bereits erreicht.

Wie schreitet die Internationalisierung voran?

Sehr gut: EDAG hat sich von einem deutschen Champion zu einem internationalen Champion gewandelt. Wir erwirtschaften jetzt circa 40 Prozent des Umsatzes mit Kunden außerhalb Deutschlands. Vor 2018 waren es noch 25 Prozent gewesen.

In Deutschland ist die Automobilindustrie konzentriert, hier tut sich ja immer noch sehr viel. Warum der starke Drang ins Ausland?

Die Automotive-Industrie hat sich im globalen Maßstab über die letzten zehn Jahre stark verändert, und zwar entlang einer exponentiellen Kurve: Über die vergangenen drei bis vier Jahre hat sich diese Entwicklung noch einmal kräftig beschleunigt. Das ist bemerkenswert, denn in der Vergangenheit war die Automotive-Industrie nicht gerade für die Geschwindigkeit bekannt, in der Veränderungsprozesse stattfinden. In Deutschland schien anfangs etwas der Mut zu fehlen. In einigen Weltregionen wurden spezifische Entwicklungen in der Automobilindustrie stärker beschleunigt als in Deutschland. EDAG will an diesem Wandel – Elektrifizierung und Digitalisierung – ganz vorne mit dabei sein und ihn aktiv mitgestalten. Deshalb ist es wichtig, dass wir viele Erfahrungen auch außerhalb Deutschlands und Europas sammeln. Diese können wir dann hier wieder gewinnbringend einsteuern.

Was verändert die Automotive-Industrie wirklich? Die Elektrifizierung, das zumindest teilweise autonome Fahren, der Einzug des High Performance Computing, KI oder was der Schlagworte mehr sind?

Alles, was im Kern hinter diesen Schlagwörtern steht, trägt seinen Teil bei, aber es zeigt sich vor allem: Wer das Auto als abgeschlossenes System betrachtet und nur über dessen Verkauf Umsatz und Gewinn erwirtschaftet, hat die anstehenden Veränderungen nicht wirklich verstanden. Es kommt vielmehr darauf an, vollständige Mobilitätskonzepte zu entwerfen und über die Digitalisierung neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Die Zahl der verkauften Autos wird längerfristig kaum mehr steigen, zumindest nicht in den entwickelten Volkswirtschaften. Dann kommt es darauf an, dass Umsätze nicht in erster Linie über den Verkauf, sondern über neue Geschäftsmodelle generiert werden. Experten schätzen, dass die OEMs künftig einen großen Teil ihres Umsatzes über eben diese neuen Geschäftsmodelle und neue datenbasierte Services erwirtschaften werden.

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Die „CityBots“ sind Bestandteil eines kompletten Betriebssystems der Smart City.
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Wer auch immer die OEMs dann sein werden. Hierzulande hat sich jetzt zumindest die Ansicht durchgesetzt, dass die Zeit des Verbrenners – zumindest was Neuentwicklungen angeht – an ihr Ende gekommen ist. Aber dass nicht mehr das individuelle Auto, sondern dass Mobilitätskonzepte im Zentrum neuer Entwicklungen stehen müssten, hat sich noch nicht herumgesprochen?

Da gibt es mehrere Aspekte. Erstens geht an der Elektrifizierung kein Weg vorbei, dieser Überzeugung dürften mittlerweile alle in der Branche sein. Gerade die deutschen Vertreter hatten sich anfangs damit etwas schwergetan und nach dem Motto „schaun wir mal, dann sehen wir schon“ eher abgewartet. Da waren andere Teile der Welt sehr viel schneller, was wiederum die deutsche Automobilindustrie unter starken Druck gesetzt hat.

Jetzt reagiert die Industrie …

… aber es hat sich trotzdem etwas Fundamentales geändert: Die Eintrittsbarriere für neue Mitspieler im Automotive-Sektor hat sich erheblich gesenkt, und gerade die Unternehmen aus der IT-Szene haben großes Interesse. Viele Startups sehen große Chancen, weil sich das Auto zu einem High Performance Computer auf Rädern entwickelt. Das berühmte Spaltmaß ist schon lange kein maßgeblich entscheidendes Kriterium mehr. Der Kunde legt ganz andere Qualitätsmaßstäbe an, besonders in China. Zudem gehen ungefähr 40 Prozent der hier gefertigten Autos nach China! Weil die Eintrittsbarriere jetzt so niedrig ist, könnte sich die OEM-Landschaft tatsächlich verändern. Gerade für Neueinsteiger, die einen starken IT-Hintergrund haben und in neuen Geschäftsmodellen und neuen Mobilitätskonzepten denken. Solche Firmen könnten die etablierten OEMs überholen. Als Computer-Science-Ingenieur beobachte ich das sehr genau. Die Unternehmen hierzulande müssen noch einiges tun, um ihre führende Position zu verteidigen.

Arbeitet EDAG bereits mit Startups in anderen Weltregionen zusammen?

Wir arbeiten zurzeit mit vielen Startups an der Entwicklung von BEV intensiv und umfänglich zusammen. Das ist aus mehreren Gründen für uns interessant, nicht nur aus rein technischen.

Welche Aspekte spielen noch mit hinein?

Durch die Zusammenarbeit mit Startups können wir neue Ansätze in unsere Firma bringen. Weil sich wie gesagt die Automotive-Branche fundamental ändert, passen wir unsere Denkweise ebenfalls an. Da hilft die Zusammenarbeit mit Startups: Deren Mentalität und Agilität trägt zur Weiterentwicklung unserer Teams bei. Und wir können im Gegenzug unsere Expertise und Erfahrung in der fertigungsoptimierten Entwicklung miteinbringen.

Das wollten Sie im Rahmen des REinvent-Programms aber auch von innen heraus ändern.

Im Grunde geht das Hand in Hand. Wir haben innerhalb des Unternehmens einiges getan. Es war mir außerordentlich wichtig, den übergreifenden Gedanken, der hinter der Digitalisierung steckt, im Unternehmen zu verankern. Unsere drei Säulen sind die Geschäftssegmente Vehicle Engineering, Electrics/Electronics und Production Solutions. In allen dreien spielt die Software eine übergreifende Rolle – der größte Teil der Produkte wird über Software definiert. Deshalb haben wir eine Art von Schattenkabinett ins Leben gerufen – eine Software-Einheit, die über die Grenzen der Segmente zusammenarbeitet. Da gibt es viel, was zusammengehört und bisher künstlich in verschiedenen Silos getrennt war.


  1. »Die OEM-Landschaft könnte sich stark verändern!«
  2. ..."wir denken in Mobilitätskonzepten..."
  3. Zusammenarbeit mit SEW Eurodrive

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