Report »State of AI in Healthcare«

Nvidia: KI kommt endlich in der klinischen Praxis an

3. März 2026, 13:00 Uhr | Elektronik Medical (uh)
© Nvidia

Die Künstliche Intelligenz liefert endlich. Nvidias zweiter Healthcare-KI-Bericht zeigt: Generative KI legt um 15 Prozentpunkte zu, 80% der Healthcare-Firmen senken damit konkret Kosten. Medical Imaging führt beim ROI, Agentic AI gewinnt an Dynamik und Physical AI zeichnet sich am Horizont ab.

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Wer in den vergangenen Jahren Medizintechnik-Messen besucht oder auch nur einschlägige Branchenmedien konsumiert hat, kennt das Muster: Auf den Bühnen und Titelseiten wurde Künstliche Intelligenz als DIE große Transformation präsentiert, an den Ständen und in den Kommentarspalten gab es visonäre Showcases. In der Praxis aber blieb es, sowohl bei den OEMs wie auch in den Kliniken, zu oft bei Pilotprojekten. Die Hürden? Schwierige Zertifizierung, komplexe Entwicklungsprozesse, Datensilos - um nur einige wenige zu nennen. Oder auch einfach: Die mit ChatPGT erst Ende 2022 richtig durchgestartete und damit neue Technologie war noch nicht ausgereift. 

Doch es tut sich was: KI kommt nachweislich in den Entwicklungslaboren und auf den Klinikfluren an. Die zweite Nvidia-»State of AI«-Studie hat mehr als 600 Entscheider der Healthcare- und Life-Sciences-Branche begfragt und zeichnet ein deutlich gereiftes Bild. Ein Vergleich zu 2024 macht die Dynamik erst richtig sichtbar.

Adaption in der klinischen Praxis

Im ersten Report, dessen Erhebung zwischen Dezember 2024 und Januar 2025 stattfand, gaben 63 Prozent der Befragten an, KI aktiv einzusetzen – bereits damals ein Wert, der andere Industrien mit ihren 50 Prozent deutlich übertraf. Im aktuellen Report sind es 70 Prozent. Das klingt moderat – bis man auf den Technologiemix schaut: Generative KI und Large Language Models sprangen von 54 auf 69 Prozent, ein Plus von 15 Prozentpunkten in zwölf Monaten. Das ist kein organisches Wachstum mehr, das ist echte Beschleunigung.

Besonders aufschlussreich ist dabei der Blick auf das Medtech-Segment. Bereits 2025 wiesen Medizintechnikunternehmen mit 45 Prozent den höchsten Anteil an Organisationen auf, die KI seit mehr als zwei Jahren aktiv nutzen – mehr als Pharma/Biotech (42 Prozent) und deutlich mehr als Krankenversicherer und Kliniken. Die Medizintechnik ist nicht der lauteste Sektor, wenn es um KI-Versprechen geht. Aber gemessen an Praxiserfahrung gehört er zu den reifsten. Wer Produkte im MDR-regulierten Raum entwickelt, unterscheidet früh zwischen Proof of Concept und validierter Anwendung.

Medical Imaging: Wachsende ROI-Nachweise

Im Medtech-Segment ist die medizinische Bildgebung - also zum Beispiel die KI-gestützte Auswertung von MRT- oder CT-Bildern der dominierende Anwendungsfall – mit 71 Prozent im  letzten Report, und nach wie vor an erster Stelle im aktuellen Bericht. Die Gründe liegen auf der Hand: Bildgebende Verfahren sind datenreich, standardisierbar und bieten klare Evaluationskriterien. 57 Prozent der Befragten aus der Medizintechnik berichten bereits von einem messbarem Return on Investment in diesem Bereich. Wo Datenstrukturen klar und Qualitätsstandards definiert sind, zeigt KI ihr Potenzial am schnellsten.​

Ein Detail, das im übergreifenden Berichtsmaterial oft untergeht: Medizingeräte-Hersteller nennen als einen ihrer Top-3-Workloads auch Data Processing – ein Wert, der in keinem anderen Segment unter den ersten drei auftaucht. Das spiegelt die Realität wider: Medtech-Unternehmen arbeiten mit heterogenen Rohdaten aus Sensoren, Bildgebungsgeräten und Laborinstrumenten und müssen diese strukturieren, bevor sie überhaupt auswertbar sind. KI wird hier nicht nur als Analyse-Instrument eingesetzt, sondern als Datenpipeline-Komponente.

ROI-Nachweis: Die Sprache hat sich verändert

2025 berichteten noch 81 Prozent der Befragten, KI habe zur Umsatzsteigerung beigetragen – 73 Prozent nannten zusätzlich eine Reduktion operativer Kosten. Bereits damals war das eine starke Ansage. Jetzt, ein Jahr später, hat sich das Bild weiter gefestigt: 80 Prozent kreditieren KI mit messbaren Kosteneinsparungen, 85 Prozent der Führungskräfte sehen sie inzwischen als direkten Umsatztreiber. Was sich vor allem verändert hat, ist die Tonalität: Wurde 2025 noch vorsichtig von »Potenzial« gesprochen, dominieren 2026 Begriffe wie »Impact« und »Return«. Die Branche hat aufgehört zu testen. Sie liefert Ergebnisse.

Neue Strukuren: Agentic AI und Open Source

Neu in der diesjährigen Erhebung ist Agentic AI als eigenständige Kategorie – KI-Systeme, die autonom Aufgaben übernehmen, etwa bei der Wissensrecherche oder wissenschaftlichen Literaturanalyse. 47 Prozent der Unternehmen setzen sie bereits ein oder evaluieren sie. Im 2025-Report tauchten KI-Agenten noch im Kontext von Chatbots und Assistenzsystemen auf – ihre Verselbstständigung als Kategorie darf als Reifezeichen verstanden werden.

Parallel dazu hat sich Open Source als strategische Infrastrukturentscheidung etabliert: 82 Prozent der 2026-Befragten bezeichnen Open-Source-Software und -Modelle als wichtigen bis sehr wichtigen Bestandteil ihrer KI-Strategie . Für eine Branche, die traditionell auf proprietäre, validierte Systeme setzt, ist das kein selbstverständlicher Schritt – er zeigt aber, dass Flexibilität und Anpassbarkeit gegenüber proprietären Lösungen an Gewicht gewinnen.

Budgets: Vom Investitionsdruck zur -entscheidung

Bereits 2025 hielten 68 Prozent der Befragten die KI-Investitionen ihres Unternehmens für unzureichend. Dieses Bewusstsein hat sich offenbar in Entscheidungen niedergeschlagen: 85 Prozent der Organisationen planen für 2026 eine Budgeterhöhung – fast die Hälfte um mehr als zehn Prozent . Zum Vergleich: Im Vorjahr wollten 78 Prozent ihre Budgets steigern. Die Lücke zwischen erkanntem Bedarf und tatsächlicher Investition schließt sich also.

Was bleibt: Die strukturellen Bremsen

Trotz aller Fortschritte sind die fundamentalen Hürden dieselben wie im Vorjahr. Datenschutz und Datensouveränität, Budgetmangel in kleineren Unternehmen, fehlendes KI-Fachpersonal – diese Herausforderungen prägten den ersten Report und sind 2026 nicht verschwunden. Der Fortschritt ist zwar greifbar, aber sehr ungleich verteilt: Wer als großes Unternehmen mit Dateninfrastruktur und Regulierungserfahrung startet, profitiert schneller. Wer das bei der Lektüre der positiven Gesamtzahlen vergisst, liest die Studie deutlich zu optimistisch.

Ausblick: Physical AI am Horizont

75 Prozent der Medtech-Befragten nennen Advanced Medical Imaging als den Bereich mit dem größten erwarteten KI-Impact in den nächsten fünf Jahren – ein Wert, der alle anderen Segmente weit übertrifft. Doch Nvidia skizziert einen Horizont, der weit über Bildgebung hinausgeht: Physical AI, trainiert auf sogenannten World Foundation Models, soll künftig chirurgische Roboter befähigen, Operationen aktiv zu unterstützen. Das ist kein Markt von heute – aber ein Entwicklungspfad, den Unternehmen in der Medizintechnik bereits heute strategisch einkalkulieren müssen. 83 Prozent der 2024/25-Befragten glaubten, KI werde das Gesundheitswesen in den nächsten drei bis fünf Jahren revolutionieren. Kaum zwei Jahre später liegt die Medizintechnik auf Kurs. (uh)


Quelle: Nvidia, »State of AI in Healthcare and Life Sciences: 2025 Trends« sowie »2026 Trends«, Februar 2026

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