Deutschlands Erdgasabhängigkeit

Wenn Putin den Gashahn zudrehen würde

28. Juni 2022, 8:44 Uhr | Corinne Schindlbeck
Keymile
Erdgasspeicher von Keymile in Uelzen. Die Folgen eines kurzfristigen Gaslieferstopps durch Russland hat die vbw von Prognos in einer Studie untersuchen lassen.

Ein kurzfristiger Gaslieferstopp aus Russland würde einen Wertschöpfungsverlust von 12,7 Prozent (193 Milliarden Euro) in Deutschland betragen, bis zu 5,6 Millionen Jobs wären betroffen. Das ist das Ergebnis einer Prognos-Studie im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen  Wirtschaft.

Die Studie „Folgen einer Lieferunterbrechung russischen Gases für die deutsche Industrie“, die die Prognos AG für die vbw erstellt hat, zeigt negative wirtschaftliche Effekte ausgehend von einem Lieferausfall ab Juli 2022 auf.

Prognos hat für seine Studie zu den wirtschaftlichen Auswirkungen eines Erdgas-Embargos einzelne Produktionsprozesse in technischer Hinsicht untersucht und deren Bedeutung für beteiligte sowie vor- und nachgelagerte Branchen in den Blick genommen. 

Demnach wäre aufgrund gesetzlich festgelegter Mindestmengen in Gasspeichern und der Versorgung vorrangiger Kunden der Gasbedarf der Industrie nicht einmal zur Hälfte gedeckt.

Die Wertschöpfung der direkt betroffenen Branchen würde um 3,2 Prozent sinken, was einem Verlust von rund 49 Milliarden Euro entspricht. Besonders betroffen wären Branchen wie die Glasindustrie oder die Stahlverarbeitung, die Wertschöpfung würde voraussichtlich um fast die Hälfte zurückgehen. Ähnliches gilt für die Chemie-, Keramik-, Nahrungsmittel-, und Textilbranche sowie das Druckereiwesen. Hier lägen die Wertschöpfungsverluste bei über 30 Prozent, so vbw-Verbandschef Bertram Brossardt.

Die Produktionseinbußen führten laut Studie außerdem zu indirekten Folgen, die die Wirtschaft in Deutschland und Bayern noch weitreichender treffen würden: Die Erdgas-Engpässe bewirkten Dominoeffekte.

Diese träfen die gesamte Wertschöpfungskette empfindlich. Im Studienszenario käme es zu einem Rückgang der Wertschöpfung um weitere 144 Milliarden Euro (-9,4 Prozent). Die Störungen in den intensiv verflochtenen Produktions- und Lieferketten hätten branchenübergreifend etwa die dreifache Auswirkung im Vergleich zu den direkten Folgen. In Summe drohe damit ein Wertschöpfungsverlust von 193 Milliarden Euro, warnt Brossardt.

Die vbw fordert daher eine "effiziente Diversifizierung des Erdgas-Bezugs". Ziel müsse die "vollständige Unabhängigkeit in möglichst kurzer Zeit" sein, u.a. durch eine ambitioniert-forcierte Energiewende, die eine Dämpfung der Strompreise zur Auswirkung hätte und "einseitigen Abhängigkeiten im Energiesektor weiter lösen“ würde, so Brossardt.

Die Studie „Folgen einer Lieferunterbrechung von russischem Gas für die deutsche Industrie“ gibt es hier.


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