Kooperation bei Edge Visualization

»Wir möchten die Nummer 1 in Europa sein«

21. Juni 2022, 9:00 Uhr | Tobias Schlichtmeier
Jim Liu, Frank Ko
Jim Liu (links), CEO ADLink Technology und Frank Ko (rechts), President & Chief Operating Officer, AUO, stellten sich den Fragen von Elektronik-Redakteur Tobias Schlichtmeier.
© AUO | ADLink Technology

AUO ist bekannt als einer der größten Displayhersteller im asiatischen Raum. Eine wachsende Zusammenarbeit mit dem Embedded-Spezialisten ADLink Technology eröffnet neue Möglichkeiten. So könnte ein starker Player in Taiwan entstehen, der plant, den Edge-Geräte-Markt in Europa zu erobern.

Elektronik: Herr Liu, Herr Ko, wie entstand die Kooperation von ADLink Technology und AUO und welche Ziele verfolgen Sie damit?

Dr. Frank Ko: ADLink Technology und AUO haben mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Embedded- und Displayindustrie und hierdurch eine starke Position inne. AUO ist einer der führenden Displayhersteller in Asien und fertigt Displays für Desktop-Rechner, Fernsehgeräte sowie Smartphones. Mehr und mehr dringt AUO auch in die Märkte Automotive und Industrie vor und produziert bzw. liefert täglich mehrere Millionen Displays. Mit dem Wissen kann AUO ADLink beim Implementieren und Bereitstellen von Edge-KI-Geräten sowie kombinierten Industrie-Panel-PCs unterstützen und Märkte wie autonomes Fahren, Smart Manufacturing oder HMIs erschließen.

Jim Liu: ADLink Technology investiert derzeit viel in den Bereich »Edge Visualization«. Außerdem kombinieren wir verstärkt Displays mit smarten Industrie-PCs (IPCs). Diese Technologie entwickelt sich schnell und kann ein Schlüssel sein, um den Anwender mit Cloud und Edge zu verbinden. Außerdem wollen wir mit unseren PCs kritische Infrastrukturen bedienen und künstliche Intelligenz (KI) zur Anwendung bringen. Aus dem Grund ist unsere Kooperation mit AUO so wichtig. Gerade die Märkte Medizin, Handel und Gaming wachsen sehr schnell – hierfür sind immer mehr Informationen über Panels und PCs bereitzustellen. In der Form ist die Kombination einzigartig und für uns eine Chance für Wachstum.

Wie wirkt sich die Bauteileknappheit auf Ihre Unternehmen aus und wie gehen Sie hiermit um?

Ko: Gerade beim Fertigen von Panel-PCs benötigt man viele unterschiedliche Werkstoffe; knapp sind zum Beispiel Halbleiter und Verpackungsmaterial. Um der Knappheit vorzubeugen, setzen wir schon lange ein effizientes und präzises Managementsystem ein – von der Supply Chain über die Produktion bis hin zur Logistik. Wichtig ist, ein Smart-Manufacturing-System aufzubauen, mit dem sich die gesamte Produktion steuern lässt. Wir nutzen es, um die Produktion zu verbessern und stellen es ebenfalls unseren Partnerunternehmen bereit, vor allem im Bereich der Supply Chain. Gerade in der Automobilindustrie sehen wir uns im laufenden Jahr großen Herausforderungen gegenüber. Hier arbeiten wir sehr eng mit OEM und Tier-1-Unternehmen zusammen, um die Lieferketten effizienter zu gestalten.

Liu: Unser Ziel ist es, unsere Kunden so gut es geht zu unterstützen und mit Produkten zu beliefern. Zusammen diskutieren wir, wie wir Bauteile beschaffen können. Außerdem arbeiten wir viel an Redesigns. Allein in den letzten sechs Monaten hatten wir über 100 Produkte in der Redesign-Phase. Wir müssen gewährleisten, dass wir unsere Kunden beliefern und die Preise stabil halten können. Unsere Vertriebsmitarbeiter sind wichtiger denn je. Ich denke, das Supply-Chain-Management ist der Schlüssel zum Erfolg in den nächsten zwölf Monaten. Weiterhin müssen unsere Kunden Lieferketten neu ausrichten und Second Sources qualifizieren. Wichtig ist, dass sie zuverlässige, strategische Partner finden. Speziell in Taiwan haben wir den Vorteil, dass dort Halbleiterhersteller wie TSMC angesiedelt sind, außerdem viele andere Bauteilhersteller und Tier-1-Supplier. Wir bekommen also schnell Infos von Lieferanten genauso wie von Unterlieferanten aus erster Hand.

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Dr. Frank Ko ist Präsident & Chief Operating Officer von AUO, einem Displayhersteller aus Taiwan. Er verantwortet die Unternehmensstrategie und deren Umsetzung. Seit seinem Eintritt bei AUO hat er Positionen in verschiedenen Bereichen wie Forschung und Entwicklung, Fertigungsprozesse und -integration sowie Produktmarketing und Vertrieb übernommen. Dr. Ko ist zudem amtierender Vorsitzende der Taiwan Display Union Association (TDUA) und der amtierende Vorsitzende der Smart Display Industrial Alliance (SDIA). Dr. Ko besitzt einen eMBA-Abschluss der National Taiwan University und einen Doktor­titel in Photonik der National Chiao Tung University.

 

ADLink und AUO investieren viel in KI-Technologien. In Deutschland ist es derzeit sehr schwer, Softwareentwickler hierfür zu finden. Wie ist die Situation in Asien, speziell in Taiwan?

Ko: Wir hatten die gleiche Situation wie in Europa bereits vor etwa fünf Jahren. Zu der Zeit haben wir begonnen, eigene Schulen und Universitäten für KI-Personal aufzubauen; AUO war einer der sechs Initiatoren. So konnten wir in den vergangenen Jahren über 2000 KI-Ingenieure ausbilden. Wir nutzen KI, um unsere Produktionen sowie unser Management zu verbessern. Außerdem haben wir begonnen, Low-Code-Applikationen zu entwickeln.

Liu: Der Mangel an Softwareentwicklern betrifft alle Unternehmen weltweit. Jedoch ist es in Asien einfacher, die richtigen Informationen zu beschaffen, da wir näher an der Quelle sitzen. Das ist der Grund, warum die Folgen für asiatische Unternehmen im Moment geringer sind als für europäische.

ADLink Technology und AUO haben sich auf Edge Visualization spezialisiert. Wie entstand die Ausrichtung und welche Ziele möchten Sie hiermit erreichen?

Ko: AUO und ADLink sind bereits seit 20 Jahren in dem Bereich tätig. AUO produziert Displays und ADLink ist sehr stark in KI-Technologie, Computing und Connectivity. Wir folgen den Trends 5G, (I)IoT und Datenverarbeitung auf der Edge-Geräte-Seite, zudem bauen wir unsere Cloud-In­fra­strukturen weiter aus. Hiermit bedienen wir Bereiche wie Medizintechnik oder die Mobilität der Zukunft.

Meistens werden Services für Menschen über Edge-Geräte bereitgestellt. Aus dem Grund möchten wir sogenannte Edge-Visualization-Geräte liefern und dazu gehörende Services. Dienstleister, egal in welchem Bereich, wollen Tools nutzen, und wir möchten ihnen hierfür eine Applikation geben. Das sollte nicht nur ein einfaches Display sein, die Applikation sollte zudem smart und vernetzbar sein.

Liu: Zusammen mit AUO wollen wir zum führenden Edge Visualization Provider in Europa aufsteigen. Unser Ziel ist es, bis 2025 über 300 Mio. integrierte Panel-PCs zu verkaufen und bis 2030 damit 1 Mrd. Dollar Umsatz zu erreichen. Auf dem kompletten Embedded-PC-Markt gibt es keine Kooperation, die IPCs und Displays in der Weise verbindet, wie es ADLink und AUO tun – mit eigener Produktion der Displays.

In Europa haben wir dafür drei Schlüsselindus­trien ausgemacht. Erstens die Medizinbranche mit einem hohen Integrationsgrad von Displays und PCs und ansprechender KI-Leistung. Zweitens den Entertainment-Bereich mit Slot-Machines. Gerade in Großbritannien gibt es viele Unternehmen, die Geräte für Casinos herstellen. Sie benötigen ein High-End-Display und hohe Rechenleistung mit integrierter CPU und GPU. Der dritte Bereich ist Industrial Automation. Siemens oder ABB beispielsweise besitzen Unmengen an Automationsgeräten, die stark in Computing-Technologie integriert sind. Sie alle benötigen High-End-Geräte, -Panel und -Computer mit KI-Leistung. AUO und ADLink können für alle Bereiche Komplettlösungen bereitstellen – das ist der Grund, warum wir das Potenzial haben, die Nummer 1 im Edge-Gerätemarkt in Europa zu werden.

Jim Liu ist Gründer, Vorsitzender und CEO von ADLink Technology, einem Hersteller von Embedded-Technologie aus Taiwan. Liu bringt über 35 Jahre Erfahrung in der industriellen Datenverarbeitung, Softwaretechnik und Hardwareentwicklung mit. Liu ist der festen Überzeugung, dass Technologie genutzt werden sollte, um die Welt zu verbessern. Er sieht die nächste Welle des industriellen Wandels von der Automatisierung zur Autonomie und lebt das Motto: »Mit einem offenen Geist ist alles möglich.« Er besitzt einen Bachelor in Information & Computer Engineering der Chung Yuan Christian University und einen Master in Information Systems and Applications der National Tsing Hua University.

 

Inwieweit betrifft Sie der Handelskrieg zwischen China und den USA und wie können Sie dem entgegenwirken?

Ko: Taiwan ist zwar ein kleines Land, für die weltweite Industrie jedoch sehr bedeutend, mit einer starken IPC- und Computing-Industrie sowie Halbleiterunternehmen wie TSMC. Wir möchten den globalen Wandel unterstützen und ein starker Partner für Europa sein. In Taiwan bekommen Unternehmen Vieles – von der Komponente, dem fertigen Gerät bis hin zur KI-Applikation.

Liu: Für uns entstehen aus den Handelsstreitigkeiten neue Möglichkeiten. Viele Unternehmen versuchen, Lieferanten außerhalb Chinas finden. Als Unternehmen aus Taiwan haben sowohl ADLink als auch AUO Produktionen in China und in Taiwan – beide investieren jedoch viel in Ländern außerhalb Chinas.

Wie kann moderne Technologie dabei helfen, Herausforderungen wie den Klimawandel anzugehen oder gar zu lösen?

Ko: Wir sind einer der größten Produzenten in Taiwan und Asien und verbrauchen somit sehr viel Energie. Aus dem Grund arbeiten wir bereits seit mehr als zehn Jahren daran, unsere Prozesse und Fabriken energieeffizienter zu machen; hierzu haben wir einen Key-Measurement-Index aufgestellt. Wir stecken sehr viel Arbeit in das Verbessern unserer Prozesse und Produkte, um möglichst viel Energie einzusparen. So haben wir zum Beispiel ein sehr energiesparendes 14-Zoll-Panel entwickelt.
Mit Smart Manufacturing verbessern wir außerdem unsere Produktionslinien; weiterhin formulieren wir klare Ziele: 2030 wollen wir komplett CO2-neutral produzieren. Was Vielen nicht bewusst ist: AUO ist auch im Bereich Solarenergie tätig. So haben wir insgesamt bereits mehr als 500 Millionen MW an Solarleistung installiert. Wir möchten die Ziele ebenso unseren Lieferanten und Partner­unternehmen schmackhaft machen und unsere gesamte Supply-Chain »grüner« gestalten.

Liu: Bei ADLink ist die Environmental Social Governance (ESC) mittlerweile eine feste Unternehmenskennzahl. Wir haben ein Team aufgebaut, das verschiedene Zertifikate vergibt. Außerdem wollen wir immer energieeffizientere Produkte entwickeln. Wir arbeiten hierfür mit vielen Produzenten der RISC-Architektur zusammen sowie mit Unternehmen, die Arm-CPUs einsetzen. Verglichen mit beispielsweise Intel-Chips haben diese eine wesentlich bessere Energieeffizienz.

Welche Strategie verfolgen ADLink Technology und AUO in den nächsten fünf Jahren?

Ko: AUO verfolgt eine klare Strategie. Wir wollen das komplette Unternehmen transformieren. Im Moment erwirtschaften wir etwa 95 Prozent des Umsatzes mit Displays und Panels. Die anderen fünf Prozent ergeben sich aus unseren Tätigkeiten in der Solarbranche. Zudem möchten wir ein Premiumanbieter der Displaytechnologie werden und unser Displaygeschäft weiter ausbauen. Andererseits möchten wir vertikale Märkte erschließen, um den Trend der Edge Visualization mitzugehen. Um das zu bewerkstelligen, müssen wir unser Ökosystem stärken und Partner wie ADLink finden. So können wir verstärkt Edge-Visualization-Applikationen vertreiben. Mehr als 20 Prozent unseres Umsatzes soll in den nächsten Jahren von unserem Panel-Component-Geschäft ausgehen.

Liu: ADLink hat in den letzten zehn Jahren zwei deutsche Unternehmen akquiriert, eines für Medizin und eines im Embedded-Bereich. Außerdem haben wir ein neues Softwareunternehmen in Frankreich gegründet. Es fokussiert sich auf Mid­dleware und Real Time Connectivity. Hier wollen wir die Aufmerksamkeit sukzessive steigern. Der europäische Markt ist für uns eine große Chance für Wachstum. Auch das Visualization-Geschäft ist ein starker Wachstumstreiber, hier ist das Edge-KI-Geschäft noch gar nicht berücksichtigt. Wir haben eine hohe Wachstumsrate und wollen unsere Infrastruktur in Europa weiter ausbauen.

Herr Ko, Herr Liu, vielen Dank für das Gespräch.


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