Interview mit Michael Riegert

Zielen, Herausforderungen und Trends auf der Spur

21. Juni 2022, 9:00 Uhr | Tobias Schlichtmeier
Michael Riegert
Michael Riegert ist CEO von Kontron Europe.
© Kontron Europe

Michael Riegert hat als Kontron-Urgestein Carlos Queiroz als CEO der Kontron Europe abgelöst. Zudem ist er COO IoT Europe der übergeordneten S&T-Gruppe. Riegert beantwortet die Fragen der Redaktion über die mittelfristigen Ziele von Kontron, aktuelle Herausforderungen sowie die Trends des Jahres.

Markt&Technik: Herr Riegert, als neuer CEO von Kontron Europe leiten Sie einen der »Big Player« im Embedded-Markt. Welche Ziele verfolgen Sie mit Kontron innerhalb der nächsten fünf Jahre?

Michael Riegert: Im Konzern streben wir bis 2025 einen Umsatzanstieg auf 2000 Mio. Euro im IoT-Bereich an. Hierbei zielt der Bereich der IoT Solutions Europe, zu dem die Kontron Europe gehört, auf ein jährliches Wachstum von 15 Prozent.

Bei Kontron Europe entwickeln wir in den nächsten fünf Jahren unsere Produktpalette stetig weiter und wollen außerdem den Anteil an Software-Verkäufen steigern. Wir können beispielsweise im Konzern bereits einige Beispiele realisierter »susietec«-Software-Applikationen im Maschinenbau vorweisen. Sie lassen sich leicht für Applikationen aus anderen Marktsegmenten anpassen und einsetzen, zum Beispiel im Medizin- und Transportbereich. Als Kontron Europe bieten wir hiermit eine erweiterte Komplettlösung bestehend aus Hardware und Software, die unseren Kunden viel Integrationsaufwand in deren eigene Produkte abnimmt. Im Jahr 2022 stellen wir zudem die Weichen neu. Mit dem Verkauf des IT-Services-Segments bündeln wir unser Know-how im IoT-Bereich. Fehlende IT-Umsätze ersetzen wir mit dem Ausbau unserer IoT-Technologien.

Im März gab die S&T-Gruppe ein Umsatzwachstum von 7 Prozent und einen Rekord-Auftragsbestand bekannt. Wie schaffen Sie es, trotz Bauteilkrise und Produktionsstopps, weiter permanent zu wachsen?

Im Jahr 2021 konnten wir mit einer entsprechenden Bevorratung von kritischen Komponenten in einigen Bereichen die Lieferungen aufrechterhalten. So konnten wir trotz der Krise ein moderates Wachstum erzielen.

Die Aufträge sind auf Rekordhoch, gleichzeitig sind jedoch noch viele Aufträge aus dem letzten Jahr offen. Schiebt man diesen Auftragsbestand vor sich her oder gelingt es Ihnen, Ihre Aufträge entsprechend abzuarbeiten?

Es ist davon auszugehen, dass uns die Chipkrise 2022 noch begleitet. Auf Basis des erhöhten Lagerbestandes, des Redesigns von Produkten sowie einer etwas besseren Verfügbarkeit von Halbleiter-Komponenten wie Prozessoren ist die Situation jedoch inzwischen leicht besser. Die verzögerten Auslieferungen, zum 31. Dezember 2021 im Konzern rund 77 Mio. Euro, sind weiter angestiegen. Grund hierfür ist neben der Chipkrise der Lockdown in Shanghai. Trotzdem erwarten wir, dass wir den hohen Auftragsbestand von 1334,9 Mio. Euro schnell abbauen. Aus dem Grund planen wir weiterhin ein organisches Wachstum von rund 15 Prozent im Jahr 2022. Insgesamt prognostiziert der Konzern für 2022 einen Umsatz von zumindest 1500 Mio. Euro.

Mit der Bauteilkrise einher gehen starke Preisanstiege. Können Sie die Preise noch stabil halten und wie reagieren Kunden auf Preisanpassungen?

Die Preisanstiege bei den Bauteilen können wir in den meisten Fällen nicht kompensieren, sodass wir gezwungen sind, die Preise entsprechend anzupassen. Ein höherer Preis hängt stark davon ab, welchen Anteil an den Gesamtkosten die erhöhten Komponentenkosten ausmachen. Bei einem kleinen Modul fällt die Preiserhöhung prozentual höher ins Gewicht als bei einem hochpreisigen System. Naturgemäß sind die Kunden von den Preisanpassungen nicht begeistert – jedoch ist die Marktsituation hinreichend bekannt. So bringen viele Kunden auch Verständnis entgegen, können sie überhaupt ihre Produkte bekommen. Bei der Zuteilung von Bauteilen für die Kunden müssen wir nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten unternehmerisch entscheiden. Dass wir unsere Kunden teilweise nicht beliefern können, bedauern wir sehr.

Viele Produkte fertigt Kontron bereits in Europa. Ist in Ihren Augen ein Trend hin zur Produktion in Europa erkennbar oder steigt die Abhängigkeit von Asien gar weiter an?

Den wesentlichen Anteil unserer Produkte fertigen wir bereits in Europa – den Anteil wollen wir weiter steigern. Unsere Produktionsstätten befinden sich in Deutschland, Österreich, Ungarn, Slowenien, Frankreich und England. Inzwischen bieten wir unseren Kunden neben Standard- und kundenspezifischen Produkten (Original Design Manufacturer) ebenfalls Electronic Manufacturing Services (EMS), also Fertigungsdienstleistungen, an.

Können Sie abschätzen, wie sich der Krieg in der Ukraine auf Kontron und Ihre Partner auswirkt?

Bereits im Jahr 2020 hatten wir beschlossen, Investitionen in Russland und den CIS-Ländern mittelfristig zu stoppen – in dem Jahr ziehen wir uns zudem aus Weißrussland und Moldawien zurück. Unsere Investitionen in Russland reduzieren wir 2022 deutlich. Insgesamt ist der Anteil der dortigen Umsätze mit 5 Prozent in der Gruppe gering, sodass aktuell kein Anlass besteht, die Vorhersagen für 2022 anzupassen.

Nachhaltigkeit ist ein Trend, der 2022 deutlich erkennbar ist. Folgen Sie dem Trend und, falls ja, welche konkreten Maßnahmen ergreifen Sie?

Nachhaltigkeit ist ein wichtiger strategischer Aspekt unseres Geschäfts. Um unsere Wirtschaftlichkeit und Wettbewerbsfähigkeit zu sichern, müssen wir in vielen Bereichen aktiv sein – sei es bei der Ausbildung unserer Mitarbeiter, beim effizienten Nutzen von Energie aus nachhaltigen Quellen, zum Beispiel mit dem Installieren von Photovoltaikanlagen an unseren Standorten oder bei unserer Lieferkette mit mehr lokalen Partnern. Zudem wollen wir CO2-Emissionen im Allgemeinen reduzieren, zum Beispiel mit dem Umstellen unserer Fahrzeuge auf E-Mobilität und dem Fördern des Benutzens öffentlicher Verkehrsmittel. Mit der Mitgliedschaft unseres Konzerns im »UN Global Compact« haben wir uns verpflichtet, nach den definierten sozialen, ökologischen und ökonomischen Aspekten zu handeln. Wir passen unsere übergreifenden Strategien und Maßnahmen kontinuierlich an, um eine nachhaltige Unternehmensführung zu gewährleisten.

Wie gelingt es Ihnen, neue Mitarbeiter zu akquirieren – gerade Software-Entwickler sind gefragt wie nie –, und wie schaffen Sie es in Krisenzeiten, Ihre Mitarbeiter weiter zu motivieren?

In fast allen Branchen sind die Unternehmen mit einem globalen Fachkräfte- und Nachwuchsmangel konfrontiert. Wir bei Kontron sind keine Ausnahme, wenn es um die Herausforderungen bei der Suche nach qualifizierten Technikern und Ingenieuren geht. Einer der Vorteile, die Kontron seinen Ingenieuren bietet, ist, dass sie ihr Fachwissen in verschiedenen Branchen ausbauen können – von der Automobil-, Avionik- und Bahnbranche über die Energie- und Telekommunikationsindustrie bis hin zur industriellen Automation. Sie können sich in verschiedenen Bereichen weiterentwickeln und sind nicht auf ein bestimmtes Fachgebiet und eine bestimmte Branche festgelegt. Das macht ihre Karriere interessanter.

Wir kümmern uns außerdem gut um unsere Mitarbeiter und geben ihnen mittels flexibler Arbeitskonzepte die Freiheit zu wählen, wie sie arbeiten wollen. Sie können die Arbeitszeiten und den Arbeitsort flexibel wählen, solange sie die entsprechenden Aufgaben gewissenhaft erledigen.

Herr Riegert, herzlichen Dank für das Gespräch.

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