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Grenzsperrung zu Tschechien/Österreich

Je länger es dauert, desto komplizierter wird es

24. Februar 2021, 11:21 Uhr   |  Engelbert Hopf

Je länger es dauert, desto komplizierter wird es
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An den Grenzübergängen zwischen Bayern und Tschechien sowie Bayern und dem österreichischen Bundesland Tirol ist der Grenzverkehr seit dem 15. Februar stark eingeschränkt. Das hat auch für die Elektronikbranche Konsequenzen.

Mehr als 12 km lange LKW-Staus an den Grenzübergängen von Tschechien nach Deutschland, diplomatische Verstimmungen auf EU-Ebene und eindringliche Warnung deutscher Industrieverbände vor einer Gefährdung der Lieferkette. Das waren die Reaktionen, als Bundesinnenminister Horst Seehofer am 15. Februar kurzfristig die Grenzübergänge zu Tschechien und zu Tirol schließen ließ. Ziel dieser Maßnahme ist, ein ungehindertes Einsickern von Corona-Virus-Varianten aus den betroffenen Pandemiegebieten in Tschechien und Tirol zu verhindern.

Eine Maßnahme, die auch auf die deutsche Elektronikbranche Auswirkungen hatte und hat, wie eine aktuelle Umfrage der Markt&Technik zeigt. Zwar wollten nicht alle angesprochenen Firmen ihre Einschätzung widergeben, doch die Antworten zeigen, dass die Auswirkungen der Grenzschließungen nicht zu vernachlässigen sind. Das dürfte noch deutlicher hervortreten, wenn die Grenzschließungen noch länger aufrechterhalten werden.

„Durch die Grenzschließungen zu Tschechien und Tirol könnten angebotsseitige Lieferengpässe womöglich wieder zum großen Produktionshemmnis werden“, gibt Dr. Andreas Gontermann, ZVEI-Chefvolkswirt angesichts der Entwicklung der letzten Tage zu bedenken, „zumal nicht bekannt ist, wie lange diese Maßnahmen Bestand haben sollen“.

Er verweist darauf, dass der Anteil von Firmen, die Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Material und Rohstoffen haben, im 4. Quartal 2020 auf 15 Prozent gesunken war. Im 1. Quartal 2021 hat sich dieser Wert nun nach Angaben des ZVEI wieder auf 32 Prozent erhöht. Eine der Lehren aus der ersten Corona-Welle im Frühjahr 2020 sollte sein, so Dr. Gontermann, „dass die Grenzen künftig offenbleiben und schon gar nicht einseitig dicht gemacht werden sollten“! Er weist in diesem Zusammenhang auch darauf hin, „dass Tschechien mit 11 Milliarden Euro der drittgrößte Lieferant für den deutschen Elektromarkt ist, und Österreich mit 4,5 Milliarden Euro immerhin die Nummer 15“.

Wo die Detailprobleme bei Beginn der Grenzschließung lagen, macht Sandra Maile, Vorstandsvorsitzende der Fortec Elektronik, deutlich: „Es kam zu Verzögerungen zwischen unseren deutschen und tschechischen Standorten, weil externe Fahrer bei Einreise einen negativen Corona-Test vorlegen müssen. Diese Testergebnisse mussten auf Deutsch, Englisch oder Französisch vorliegen. Das Problem bestand darin, dass nicht jedes Labor, das testen könnte, auch einen Nachweis in den geforderten Sprachen erstellen konnte“. Angesichts der erschwerten Bedingungen geht Maile davon aus, „dass es kurzfristig durchaus zu einer Erhöhung der Transportkosten und Lieferzeiten kommen kann“.

Grenzsperrung zu Tschechien und Österreich

Bernhard Erdl, Puls
FORTEC Elektronik Group
Markt & Technik

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Für Josef Vissing, Deputy Head of Sales bei TDK Europe, lassen sich die Auswirkungen der kurzfristig angeordneten Grenzschließungen noch nicht eindeutig erfassen: „Nachdem Politik und Behörden zugesichert haben, dass der Warenverkehr nicht beeinträchtigt wird, gehen wir – Stand heute – davon aus, dass LKW-Staus an den Grenzen bald die Ausnahme sein werden“. Nach seiner Auskunft haben sich für die TDK-Kunden durch die Grenzschließungen bislang keine wesentlichen Verzögerungen ergeben.

Vishay unterhält in Tschechien fünf Werke, die unter anderem Kondensatoren sowie auch Film- und Drahtwiderstände herstellen. Für tschechische Mitarbeiter, die in deutschen Werken tätig sind, mussten Ausnahmegenehmigungen für berufliche Pendler gestellt werden. Nach Auskunft von Olaf Lüthje, Senior Vice President Business Marketing Passives bei Vishay, kann es durch die Staus an den Grenzen durchaus zu initialen Verzögerungen im Warenverkehr kommen. Vor dem Hintergrund der Erfahrungen mit den ersten Grenzschließungen 2020 geht Lüthje davon aus, dass Lieferverzögerungen von einigen Tagen oder gar Wochen Einzelfälle bleiben werden: „Ich denke, dass die Auswirkungen für unsere Kunden im Allgemeinen nicht relevant sein werden“. Eine Umgehung der Grenzschließungen durch alternative Transportrouten lehnt er ab, „das wäre aufwändig, teuer, und mit weiteren Unwägbarkeiten verbunden“.

Bernhard Erdl, CEO und President des Stromversorgungsspezialisten Puls, der in Chomutov sein europäisches Hauptwerk betreibt, weiß bisher nicht von größeren Problemen zu berichten: „Ja, der deutsche Spediteur hat einmal die Ware nicht wie vereinbart abgeholt. Aber unsere tschechischen Kollegen sind Improvisations- und Beziehungskünstler, sie haben sich schnell einen eigenen LKW-Fahrer organisiert und alles termingerecht geliefert“. Aus seiner Sicht zwicken die Grenzmaßnahmen zwar bisher, „aber wir bringen es trotzdem zum Gehen“.

Dr. Tomas Zednicek, CEO und Gründer des European Passive Components Institute (EPCI), verweist darauf, dass eine ganze Reihe von Herstellern passiver und elektromechanischer Produkte in Tschechien Fertigungen unterhält, darunter die bereits genannten TDK und Vishay, aber auch AVX, Schurter oder Hydra. Dr. Zednicek geht davon aus, dass die Unternehmen im Zweifelsfall alternative Transportservices ihrer internationalen Logistikpartner in Anspruch nehmen werden.

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