Schwerpunkte

Nicht nur Halbleiter sind knapp

Expertenrunde erwartet Zunahme der Verfügbarkeitsprobleme

18. März 2021, 11:54 Uhr   |  Karin Zühlke

Expertenrunde erwartet Zunahme der Verfügbarkeitsprobleme
© Markt&Technik

Die Probleme bei der Verfügbarkeit sind vielschichtig. Darüber diskutierten Hersteller und Distributoren beim Online Round Table „Supply Chain“ der Markt&Technik.

Die breit diskutierten Verfügbarkeits-Probleme der Automobilindustrie sind nur die Spitze des Eisbergs. Markt&Technik hat eine Runde aus Distributoren und Herstellern um eine Einschätzung gebeten. Das Ergebnis: So vielschichtig wie jetzt war es noch nie.

Auf der einen Seite sind Nachholeffekte und eine Auftragsflut zu beobachten, auf der anderen Seite sind einige Produktgruppen bei den Bauelementen, allen voran Halbleiter, aktuell Mangelware. Dazu berichtete Markt&Technik bereits in Ausgabe 8 in einer ersten Zusammenfassung des Round Tables.

Im Februar schaffte es das Verfügbarkeitsproblem sogar auf die Tagesordnung der Bundesregierung, was Wirtschaftsminister Altmaier veranlasste, bei TSMC vorstellig zu werden. Dieser Vorgang entlockt den Teilnehmern des Round Tables nur ein müdes Lächeln: Schließlich produziert TSMC selbst auch nur im Auftrag. Das IP und damit auch das Problem liegt woanders. »Wir haben es mit einem globalen Markt zu tun mit IP-Eigentümern und Fertigungen, und das muss man zusammenbringen«, fasst Georg Steinberger zusammen. Er ist in der Runde als Vorstandsvorsitzender von DMASS und FBDi. Das Problem ist bekannt: TSMC ist bei einigen Technologien neben Samsung die einzig verbliebene Fertigungsquelle, und das führt zum Flaschenhals-Effekt.

Würde also eine öffentliche Förderung von Fertigungskapazitäten in Europa zumindest das Problem von Halbleiter-Verfügbarkeiten lösen? Da müsste die öffentliche Hand sehr tief in die Taschen greifen. Fördersummen von 50 Millionen Euro, wie sie im Februar im Raum standen, würden kaum weiterhelfen. Frank Wolinski, EMEA VP Head of Channel Sales von STMicroelectronics, verdeutlicht den Investitionsaufwand: Bei den Kosten für eine neue Fab mit 5-Nanometer-Technologie sprechen wir über 10 Milliarden Euro.« Die Großen der Halbleiterindustrie würden zudem immer noch möglichst viel in eigenen Fabriken produzieren. ST selbst baue derzeit eine neue Fabrik in Mailand, unterstreicht Wolinski. Aber die Konzentration bestimmter Fertigungstechnologien auf TSMC und Samsung dürfte nach Ansicht einiger Diskussionsteilnehmer kaum mehr umkehrbar sein.

Hinzu kommt, dass der Hauptteil für Elek­tronik in Asien ist und die Fertigungskapazitäten von Konsumprodukten aufgefressen werden. Auch wird in Asien bezogen auf die Lagerhaltung deutlich mehr Ware Back-to-Back geliefert als in Europa. »Das Working Capital gebunden im Inventory ist dort minimal«, so Steinberger. Auf das aktuelle Thema zurückgeführt bedeutet das: Die Kurzfristigkeit in der Lieferkette steigt dadurch weiter an. Gleichzeitig leidet Europa bekanntermaßen darunter, dass der hiesige Halbleiterbedarf im weltweiten Vergleich – selbst inklusive der Automobilindustrie – nur etwa 10 Prozent ausmacht. Ist Europa also unbedeutend für den internationalen Komponentenmarkt? »Mitnichten«, meint Hermann Reiter, Geschäftsführer von Digi-Key. »Europa hat zwar nur 10 Prozent vom Halbleiter-Anteil, aber 40 Prozent der Designs entstehen immer noch in Europa.«

Reiter plädiert im Übrigen dafür, Investitionen lieber im Sinne von IP als in Form von Fabs zu fördern. Auch Georg Steinberger spricht sich für diesen Weg aus und fordert gleichzeitig mehr Investitionswillen auf EU-Ebene, um eine kritische Masse an Komponentenbedarf in Europa zu generieren. Das würde seiner Ansicht nach helfen, um die Bedeutung Europas auch für den internationalen Halbleitermarkt zu stärken.

Ähnlich wie bei Halbleitern verhält es sich naturgemäß auch bei den passiven Bauteilen: »Ein großer Teil des globalen Bauelemente-Bedarfs besteht nun mal in Asien und dort insbesondere in China«, bestätigt Dietmar Jäger, Leiter des globalen Distributionsgeschäfts von TDK. Das eine schließt das andere aber nicht aus. »Die Produktion von Bauelementen in Europa ist bei entsprechend hohen Volumina, sehr hohem Automatisierungsgrad und vor allem auch hohem Bedarf vor Ort sinnvoll«, so Jäger. TDK macht es vor und hat mit mehreren Bauelemente-Werken in Europa eine starke Präsenz. So wurde etwa in Heidenheim in den letzten Jahren in neue Produktionslinien für Automotive-Induktivitäten investiert.

Mehr Verständnis für Lieferketten

Kurzfristig wird sich wohl kaum eine stärkere Halbleiterproduktion in Europa forcieren lassen. Wie könnte dennoch ein Ausweg aus dem Dilemma aussehen? »Wichtig ist es, langfristig zu denken«, meint Wolinksi. Das »Lager auf der Straße« – gemeint ist damit die Just-in-Sequence-/Just-in-Time-Belieferung der Automobilfabriken – »kann nicht mehr funktionieren«, ist Wolinski überzeugt. Es brauche gar keine Pandemie, sondern ein „Schneechaos“ mit 20 Zentimetern Neuschnee reiche schon, dass die Just-in-Time-Lieferketten in Europa nicht mehr funktionieren, weil die LKWs ihre Ware nicht „in time“ in den Fertigungsstätten der Automobilisten abliefern.

Andreas Mangler, Director Strategic Marketing & Member of the Extended Executive Board von Rutronik, pflichtet dem bei und ergänzt: »Das Bewusstsein für die Lieferkette ist bei EMS sowie Tier 1 und Tier 2 vorhanden. Aber die großen OEMs wollen die Komplexität zum Teil nicht wahrhaben oder kennen die Lieferketten gar nicht.« Als Beispiel nennt Mangler die Tatsache, dass das Bewusstsein für die erforderliche Feinstabstimmung in den Rohmaterialien in der Halbleiterlieferkette bei den großen OEMs nicht ausreichend gegeben sei. Er verweist auf das ABF-Substrat, das für die Herstellung bestimmter Prozessoren erforderlich ist, und nur von zwei Lieferanten verfügbar. »Diese Komplexität muss einfach verstanden sein und das muss auch bei den großen Automotive-OEMs ankommen«, betont Mangler.

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1. Expertenrunde erwartet Zunahme der Verfügbarkeitsprobleme
2. Loyalität spielt eine Rolle

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