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Interview mit Jochen Frey, Adkom

»Wir müssen der Realität ins Auge schauen«

10. Mai 2021, 09:30 Uhr   |  Markus Haller

»Wir müssen der Realität ins Auge schauen«
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Jochen Frey, Geschäftsführer der Adkom Elektronik: »In der aktuellen Situation ist es wichtig, konkrete Bestellungen mit fixen Lieferterminen auszulösen.«

Gegen Materialmangel lassen sich keine Liefervereinbarungen schließen. Diese Wahrheit hinterlässt aktuell auch in der Display-Branche ihre Spuren.

Im Interview spricht Jochen Frey, Geschäftsführer vom Display-Distributor Adkom, von stellenweisen Abbrüchen der Lieferketten. Der einzige Ausweg für den Kunden: längere Vorausplanung.

Herr Frey, wie sieht die aktuelle Beschaffungssituation für Displays aus und welche Anwendungsbereiche sind betroffen?

Jochen Frey: Die aktuelle Situation ist gezeichnet von großer Unsicherheit und in einigen Bereichen von einer gewissen Unplanbarkeit. Fernab aller Marketing-Sprachgepflogenheiten möchte ich hier ganz offen der Realität ins Auge schauen. Generell lässt sich sagen, dass reine LCD-Gläser nur wenig von den derzeitigen Problemen betroffen sind. Dafür sind die Unwägbarkeiten bei Modulen, sprich: allen Displays mit Treiber-IC, umso stärker. Dies beginnt bei teilweise drastischen Preisanstiegen bei ICs gepaart mit erhöhten Lieferzeiten und gipfelt in Allokation und Aussetzen zugesagter Lieferungen.

Dazu kommt speziell bei TFTs noch eine Panel-Knappheit durch das Wegbrechen einer wichtigen Glas-Produktionsstätte. Betroffen von diesen Problemen sind wohl alle Anwendungsbereiche, wenn vielleicht auch auf verschiedenen Ebenen. Aber was bringt es für das Endprodukt, wenn zum Beispiel das Display wie gewohnt lieferbar ist, der Endkunde aber die Ansteuerplatine in Ermangelung des IC nicht fertigen kann. Auch wenn hiervon wohl alle Branchen betroffen sind, ist es wenig tröstlich, dass der mittelständische Hersteller für beispielsweise Steuer- oder Regeltechnik einmal im selben Boot sitzt wie die weltweit größten Automobilhersteller.

Wo sehen Sie die Ursache für den Engpass?

Die Elektronikbranche ist zwar immer wieder mit mehr oder weniger bedeutsamen Bauteileverknappungen konfrontiert, allerdings scheinen die Ursachen für den derzeitigen Engpass dagegen vielschichtiger und vor allem mit schwerwiegenderen Konsequenzen verbunden zu sein als gewöhnlich. Der in den letzten Monaten weltweit deutlich gestiegenen Nachfrage nach Unterhaltungselektronik und Smartphones, dem Ausbau des 5G-Sektors und der immer stärker voranschreitenden Automatisierung in der Automobilbranche einerseits stehen auf der anderen Seite teilweise massive Produktionseinschränkungen, unter anderem hervorgerufen durch Wafer-Knappheit, gegenüber. Unausweichliche Folge hieraus ist mittlerweile Allokation und stellenweise totaler Abbruch der Lieferketten ohne große Vorankündigung.

Verschärft wird diese Kluft zwischen Angebot und Nachfrage noch durch Sicherungskäufe und die Spekulationsaufkäufe von Brokern. Auch der jüngst vom Nationalen Volkskongress beschlossene Fünfjahresplan, der das für China festgesetzte Wirtschaftswachstum primär durch Ausbau der Binnenwirtschaft zu realisieren vorsieht, trägt nicht wirklich zu einer Stabilisierung der weltweiten Bauteilversorgung bei. Die Prämisse, die Interessen des eigenen Landes an erste Stelle des Handelns zu stellen, ist aber weder illegitim noch westlichen Wirtschaftsmächten vorbehalten.

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Chip-on-Glass-Modul (COG) mit kundenspezifischem Formfaktor. Der Treiber-IC ist direkt auf dem Glas aufgebracht. Der Anwender muss zum Betrieb nur noch Spannungsversorgung und Kommunikationsschnittstelle bereitstellen.

Mit welchen Lieferzeiten muss aktuell gerechnet werden?

Allgemeingültige Lieferzeiten auf dem Halbleitermarkt sind derzeit schwer bis unmöglich zu nennen. Sind bestimmte ICs wie gewohnt verfügbar, werden für andere Lieferzeiten von sechs bis zwölf Monaten genannt. Letztere Angabe sollte hier allerdings als Lieferunfähigkeit interpretiert werden und nicht als planbare Kalkulationsgrundlage. Allerdings muss man zugestehen, dass sehr viel Bewegung in der aktuellen Situation ist und sich die Gegebenheiten sehr kurzfristig ändern können. Deshalb ist es derzeit noch viel wichtiger als sonst, sowohl Lieferzeiten wie auch die generelle Verfügbarkeit von Produkten im Einzelfall mit den Vorlieferanten abzuklären, um in engem Kontakt Lieferengpässe so gering wie möglich zu halten.

Wie weit sind Embedded-Entwickler betroffen?

Die Entwickler von Embedded-Hardware sind wohl von dieser Situation nicht stärker oder schwächer betroffen als die restliche Elektronik-Branche. Allerdings sollte in der jetzigen Lage noch stärker als normal bereits im Entwicklungsstudium bei der Auswahl der Komponenten die Verfügbarkeit geprüft und berücksichtigt werden.

Welchen Weg aus dem Engpass können Sie aufzeigen?

Wohl dem, der seine bestehenden Aufträge derzeit mit vorgehaltenem Material bedienen kann. Allerdings wurde Lagerhaltung und Bevorratung in den letzten Jahren ja geradezu als unzeitgemäß und vor allem als unnötiger Kostenfaktor gesehen. In Zeiten von immer stärker gefordertem Risikomanagement müssen wir allerdings leider schmerzlich erfahren, dass auch die am besten verhandelte Liefervereinbarung nichts mehr wert ist, wenn Vor- und Vor-Vor-Lieferanten trotz Vertrag die Lieferungen aufgrund von Materialmangel einstellen müssen. Sicherlich ist die erste Maßnahme eine möglichst langfriste Vorausplanung und Platzierung von Bestellungen. Nur so können drohende Lieferprobleme erkannt und Gegenmaßnahmen ergriffen werden.

Ein weiterer möglicher Weg aus der individuellen Knappheit ist dann sicherlich das Suchen von verfügbaren Alternativen. Dies ist allerdings sowohl bei kundenspezifischen wie auch bei Standard-Produkten sehr oft mit großem Aufwand in Bezug auf Hard- und Softwareanpassungen sowie Freigabeprozessen verbunden und aufgrund der Breite der Versorgungsschwierigkeiten leichter gesagt als erfolgreich umgesetzt. Teilweise besteht auch die Möglichkeit, über Alternativquellen wie Broker Bauteile zur Fertigung zu beziehen. Dieser Weg wendet zwar die direkte Lieferunfähigkeit ab, ist allerdings oft mit deutlich höheren Kosten verbunden.
Aus diesem Grund ist hier immer im Einzelfall abzuwägen, und dies kann nur in enger Zusammenarbeit mit dem Vorlieferanten geschehen.

Wie weit sollte man vorausplanen? Und was verlangt man damit von seinen Kunden?

Eine genaue Aussage über den benötigten Vorlauf zu treffen ist sehr schwer. Dies ist derzeit tatsächlich nur im Einzelfall möglich und sollte deshalb auch so gehandhabt werden. Wie bereits erwähnt, sind verschiedene ICs normal verfügbar, andere wiederum schwer oder überhaupt nicht. Dies hängt aber auch stark von der Lagerhaltung der Hersteller ab. Aus diesem Grund ist es enorm wichtig, die Bedarfe so frühzeitig und auch so konkret wie möglich zu planen und mit seinen Vorlieferanten abzustimmen. Absichtserklärungen oder Bedarfsvorschauen bringen in dieser Situation leider nichts. Es ist wichtiger denn je, konkrete Bestellungen mit fixen Lieferterminen auszulösen. Nur so kann eine Verfügbarkeit geprüft und das weitere Vorgehen geplant werden.

Dies hört sich aber in vielen Fällen auch schlimmer an, als es in der Realität tatsächlich ist. Bereits in der Vergangenheit wurden viele Produkte schon in Rahmenaufträgen mit festen Abrufen platziert. Die meisten unserer Kunden wissen doch ziemlich genau, welche Bedarfe sie für die kommenden Monate haben werden. Aber auch wir als Distributor treten aktiv an unsere Kunden heran und stimmen Bedarfe ab. Und das nicht nur in Problemsituationen wie gerade, sondern auch im ganz normalen Geschäftsbetrieb. Eine vertrauensvolle und enge Geschäftsbeziehung kann zwar nicht alle Unwägbarkeiten verhindern, aber doch in den meisten Fällen die größten Schwierigkeiten vermeiden.

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1. »Wir müssen der Realität ins Auge schauen«
2. Erhebliche Preissteigerungen
3. Reduzierung der Abhängigkeit?

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