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Die neue IAA in München

Weg vom Auto, hin zu Mobilität

Elektromobilität IAA München 2021 Deutschland Mobilität
© IAA

Noch 8 Tage bis zur IAA Mobility in München. Das neue Konzept stellt Mobilität in den Mittelpunkt, neben Autos spielen auch Fährräder eine große Rolle, kritische Dialoge sind erwünscht. Was anders werden soll und warum München das Testkaninchen zweier Branchen ist.

Hilgedard Müller als Präsidentin des Vereins Deutscher Automobilhersteller sagte es klar heraus: »Wir sind gekommen, um zu bleiben.« Die IAA will, ausgerichtet auf klimafreundliche Fortbewegung als gesellschaftliche Herausforderung, 'grün' werden und in München nicht nur die Zukunft der Mobilität, sondern auch die Zukunft der Automobilhersteller und die Zukunft des Messegeschäftes definieren. 

Die IAA in Zeiten von Corona

»Sie findet statt - das ist ein großer Erfolg,« so Hildegard Müller. Die Internationale Automobilausstellung ist die erste Großveranstaltung seit den Corona-Einschränkungen im März 2020. Mit der 3G-Regel, Abstand und Höchstgrenzen für Besucher werden strenge Auflagen gelebt, um ein Maximalmaß an Normalität für den lang ersehnten persönlichen Austausch zu gewährleisten. »Es wäre einfacher gewesen, sie nicht zu machen,« gibt Müller unumwunden zu. »Es geht nicht um Besucherzahlen, es geht um Qualität.«

Auf der IAA-Pressekonferenz ging es wenig um Autos: Die Pandemie, die Situation der Messeveranstalter und wie das Münchner IAA-Konzept die Weichen für eine neue Messe-Normalität stellen sollen, waren zentrale Punkte. Klaus Dittrich, Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe München und Mitveranstalter der IAA Mobility, machte deutlich, wie wichtig die Messe für die Wirtschaft der Region ist - allein 3,6 Milliarden gesamtwirtschaftliche Verluste durch den Lockdown und den Wegfall des Messegeschäftes legte er auf den Tisch. Und zeigte sich mit einem Vergleich zu den berühmten Münchner Schäfflertänzen nach den Pest-Epidemien zuversichtlich: »Wir brauchen Mut zum Neustart, die IAA kann eine Initialzündung sein. Die Welt schaut jetzt auf München.«

Mobilität statt Pferdestärken

Das neue Konzept der bedeutenden internationalen Automobil-Fachmesse wird manche Autoherzen kräftig stocken lassen: Das Auto steht nicht mehr im Mittelpunkt. »Was es nicht mehr geben wird, sind ganze Hallen mit der kompletten Modellpalette eines Herstellers,« so Müller. Stattdessen wir es unter den 700 Ausstellern neben Autos auch viel Platz für Bikes, Mikro-Mobilität, Tech-Firmen, Smart City-Konzepte und gelebte Nachhaltigkeit im Verkehr geben. Allein 70 Fahrrad-Hersteller haben sich angemeldet und werden eineinhalb Messehallen einnehmen - von IAA-Kritikern als "grünes Feigenblatt" bezeichnet. Doch die Messe München kann sich durchaus vorstellen, hier stark zu werden und freut sich über viele namhafte Marken, die teilweise der IAA den Vorzug gegenüber der EuroBike gegeben haben.

Klaus Dittrich sagt dazu: »Das Automobil spielt eine wichtige Rolle. Aber nicht mehr allein, sondern im Kontext mit anderen Fortbewegungsmitteln.« Es müsse gemeinschaftlich diskutiert werden, wie sich Mobilität verändere. »Das ist keine Automesse mehr, das ist eine Entwicklung. Wenn unterschiedliche Anbieter miteinander sprechen - mit diesem Spirit können wir was voranbringen.«

Die neue IAA Mobility will die die umweltfreundliche Fortbewegung nicht nur zeigen, sondern auch direkt für die Menschen der Stadt 'erfahrbar' machen: München soll ein smarter Mobilitätshub mit 5G-Abdeckung während des Messezeitraums sein. Neben der eigentlichen Messe auf dem Riemer Ausstellungsgelände werden auf sogenannten OpenSpaces »an den schönsten Plätzen der Stadt« neben klasssichen und Elektro-Autos auch Fährrader, Lastenräder, E-Bikes und E-Scooter vorgestellt.

Zum direkten Ausprobieren und Testen hat die Messe in enger Zusammenarbeit mit der Stadt München eine »Blue Lane« eingerichtet. Die 12 Kilometer lange Fahrspur verbindet das Messegelände und die Innenstadt und ist Wasserstoff- und Elektroautos, Bussen, E-Scootern und automatisiert betriebenen Fahrzeugen vorbehalten. Klassische Verbrenner dürfen die Spur nur nutzen, wenn sie mit mehr als 3 Insassen unterwegs sind. Die Umweltspur wird wissenschaftlich begleitet und dient als offizielles Testprojekt zukünftiger Verkehrskonzepte.

Auto und Bike gleichberechtigt nebeneinander

Für Hildegard Müller steht das Auto mit 2,1 Milliarden Fahrzeugen weltweit dennoch weiterhin »im Zentrum« - und muss jetzt klimaneutral werden, Deutschland sei Vorreiter für klimafreundliche Mobilität. In ihrer Funktion als Sprecherin der deutschen Autoindustrie sieht sie die hiesigen Hersteller denn auch als Treiber dieser Entwicklung. »Wir jammern nicht, wir liefern,« so Müller und verweist darauf, dass die Hälfte aller Elektroautos auf europäischen Strasse aus Deutschland stammen.

»Die Transformation der Autoindustrie ist in vollem Gange. Es geht darum, die ambitionierten Ziele der EU umzusetzen - nicht ob, sondern wie.« Dies ist für sie auch die Basis für Arbeitsplätze, Wachstum und Wohlstand in einer der wichtigsten deutschen Industrien - die trotz anderer Mobilitätslösungen vor allem in ländlichen Gebieten immer noch die wichtigste Lösung für flexible, unabhängige und effiziente Fortbewegung ist.

»Sicherer, sauberer, digitaler« lautet eines der IAA Mobility-Mottos, die Autoindustrie will ihren Beitrag dazu leisten, setzt den schnellen Hochlauf der Mobilität bis 2030 als Priorität und will die Autofahrer an dieser Entwicklung beteiligen.

E-Design, KI, Protest und fehlende Aussteller

Doch die Pressekonferenz verschwieg die Autos nicht ganz: Hildegard Müller schwärmte von Konzeptautos und den Design-Studien der Ära Elektromobil. Neben dem Design ziehen auch die Technologiefirmen auf der Messe ein, welche z.B. KI-basierte Hochleistungsrechner für automatisiertes Fahren bereitstellen. Auch wenn kein Hersteller mehr seine gesamte Modellpalette zeigen wird; die Messe legt ihren Fokus mit über 100 Weltpremieren auf die Neuheiten und Innovationen. Besucher können 38 Modelle von 15 Marken diekt auf der Blue Lane ausfahren.

Die IAA Mobility möchte Treffpunkt für Tech-Experten, Familien und ein bunter Messe-Neustart in die Post-Corona-Zeit sein. Die Mischung aus Auto, Bike, Stadtentwicklung und alterrnativen Mobilitäskonzepten soll »Extreme zusammenbringen«, Impulse für Mega-Citys und ländliche Räume aufzeigen, kritisch-konstruktive Dialoge zu Mobilität initiieren und neue Denkansätze liefern.

Die Praxis wird ab dem 06. September zeigen, wie das Konzept aufgeht. Die ursprünglich vom Bund Naturschutz geplante Informationsverstaltung parallel zur IAA wurde nach mangelnden Genehmigungen in eine KonTraIAA umegwandelt. Die Veranstalter des in der selben Woche stattfindenden Kongresses für transformative Mobilität sehen die IAA nicht als den richtigen Ort an, um über eine wirklich klimagerechte Mobiltätswende zu sprechen.

Die IAA als jetzt größte Mobilitätsveranstaltung der Welt möchte mit dem neuen Konzept dennoch versuchen, die verschiedenen Welten zu verbinden. Laut Hildegard Müller wurde bereits eine sechsstellige Anzahl Tickets verkauft. Dennoch könnte es ein verhaltener Start werden: Trotz aller Sicherheitsvorkehrungen werden nicht alle wichtigen Automobilfirmen vor Ort sein. Ford, Waymo, Fiat-Chrysler, Peugeot und selbst Opel bleiben der Messe fern. Das liegt nur teilweise an der Pandemie, viele Firmen haben während des Lockdowns eigene Überlegungen angestellt, wie Messen und Premieren in Zukunft für sie laufen können. Opel etwa stellt den neuen Astra eine Woche vor der IAA mit einem eigenen (Online-)Event vor. Und ein paar Firmen werden das Konzept erstmal per Streaming beobachten - und schauen, wie die neue IAA sprichwörtlich auf der Strasse ankommt.

Die IAA unter der Flagge nachhaltiger Mobilität, die Transformation der Autoindustrie, das neue Messe-Konzept und eine Live-Veranstaltung unter post-pandemischen Bedingungen müssen sich beweisen - auch wenn die Allianz-Arena schon in IAA-Farben leuchtet.

  

 


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