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Ergebnisse einer Bitkom-Studie

Trägt die Digitalisierung zum Klimaschutz bei?

24. November 2020, 11:35 Uhr   |  Tobias Schlichtmeier

Trägt die Digitalisierung zum Klimaschutz bei?
© shutterstock.com

Verfechter von digitalen Strategien führen immer wieder das Thema der Nachhaltigkeit und des Klimaschutzes an. Ob die Digitalisierung etwas zum Erreichen der Klimaziele beitragen kann, ist jedoch fraglich. Erste Antworten liefert eine Studie des Digitalverbands Bitkom.

Deutschland will und muss seine Klimaziele bis zum Jahr 2030 erfüllen – und die Digitalisierung kann dazu einen wertvollen Beitrag leisten. Das zeigt eine aktuelle Studie von Accenture im Auftrag des Digitalverbands Bitkom. Nach Angaben der Studie kann Deutschland den CO2-Ausstoß in zehn Jahren um rund 120 Mt reduzieren – mithilfe digitaler Produkte und Anwendungen. Lag der CO2-Ausstoß 2019 noch bei 805 Mt, so darf er 2030 lediglich 543 Mt betragen, im Jahr 2030 muss Deutschland also 262 Mt CO2 weniger ausstoßen.

Insgesamt untersucht die Studie sieben Anwendungsbereiche für digitale Technik, in denen CO2 einzusparen ist. Abschließend analysiert sind bereits vier Anwendungsbereiche. Hierbei handelt es sich um die Bereiche industrielle Fertigung, Mobilität, Gebäude sowie Arbeit & Business. Bis Frühjahr 2021 folgen Landwirtschaft, Energie und Gesundheit.

Erste Ergebnisse zeigen: Entscheidend wird das Tempo sein, mit der die Digitalisierung vorangeht: Bei einer moderaten Entwicklung sollen sich die Einparungen bei etwa 78 Mt bis zum Jahr 2030 einpendeln – das entspräche 30 Prozent der nötigen Einsparungen. Mit einer beschleunigten und gezielten Digitalisierung wären 120 Mt CO2 möglich – entsprechend 46 Prozent der Einsparungen.

Einsparpotenzial Digitalsierung
© Bitkom-Studie, durchgeführt von Accenture

Größtes Einsparpotenzial der Digitalsierung bietet die industrielle Fertigung.

Die vier Bereiche im Überblick

Größtes Potenzial bietet die industrielle Fertigung: Bis zu 61 Mt CO2 können hier bis 2030 eingespart werden – 35 Mt bei moderatem Digitalisierungstempo. Maßgeblich ist zum einen die Automatisierung in der Produktion. Zum anderen könnten digitale Zwillinge entscheidend zur CO2-Reduktion beitragen. Mit ihnen können Betriebe Material, Energie und Ressourcen sparen.

Bis zu 28 Mt CO2 sind es im Bereich der Mobilität bei einer beschleunigten Digitalisierung und 17 Mt CO2 bei einer moderaten Digitalisierung. Hebel sind hier zum einen intelligente Verkehrssteuerungen, bei denen Sensoren an der Straße oder GPS-Systeme in Autos Daten liefern. Mit ihnen können Ampeln geschaltet, Verkehrsströme umgeleitet oder öffentliche Transportmittel gestärkt werden. Zum anderen liegen große Potenziale in einer smarten Logistik, die Leerfahrten vermeidet und Frachtrouten optimiert.

Gebäude: Smart-Home-Systeme helfen bereits heute dabei, Energie einzusparen. Ebenso setzen Unternehmen in Büro- und Geschäftskomplexen digitale Anwendungen ein. Sie regeln Heizung, Lüftung oder Klimaanlagen je nach Wetterverhältnissen oder Anzahl der anwesenden Angestellten automatisch. Bei moderatem Einsatz der Techniken können sie helfen, bis 2030 rund 16 Mt CO2 einzusparen. Bis zu 19 Mt sind es, wenn die Verbreitung schneller geht.

Arbeit und Business: Zuhause arbeiten statt ins Büro zu pendeln – jeder Tag im Homeoffice kann einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. 2019 arbeiteten lediglich 12 Prozent der Berufstätigen in Deutschland im Schnitt zwei Tage pro Woche von zu Hause. Wird der Anteil ausgebaut und gleichzeitig der Anteil an Geschäftsreisen reduziert und mit Video- oder Telefonkonferenzen ersetzt, sind zwischen 10 und 12 Mt CO2 einzusparen.

Was benötigt die Digitalisierung selbst?

Die Studie untersucht jedoch nicht allein die Potenziale der Digitalisierung, sondern ebenso den CO2-Ausstoß, der von der Digitalisierung selbst ausgeht. So verursachen insbesondere Herstellung und Betrieb von Endgeräten wie Smartphones, Computer oder Tablets sowie der Betrieb der Netzinfrastruktur und der Rechenzentren Emissionen. Schreitet die Digitalisierung in einem moderaten Tempo fort, werden hierdurch rund 16 Mt CO2 jährlich ausgestoßen. Bei einer beschleunigten Digitalisierung sind es sogar 22 Mt. Insgesamt, so das Fazit der Studie, ist das CO2-Einsparpotenzial der betrachteten digitalen Techniken jedoch rund fünfmal höher als ihr eigener Ausstoß.

CO2-Ausstoß sinkt
© Bitkom Research 2020

Insgesamt 77 Prozent der Unternehmen in Deutschland gaben an, ihr CO2-Ausstoß sei durch Digitalisierungsmaßnahmen bereits gesunken.

Erste Ergebnisse geben Aufschluss

Die Praxis gibt der Studie recht: So sagen insgesamt 77 Prozent der Unternehmen in Deutschland, ihr CO2-Ausstoß sei durch Digitalisierungsmaßnahmen bereits gesunken. Glaubt man den Ergebnissen der Studie, haben bereits 44 Prozent der Unternehmen eine intelligente Beleuchtung im Einsatz sowie 23 Prozent eine intelligente Heizung oder Kühlung. Sieben von zehn Unternehmen haben Dienstreisen mit Web-Konferenzen ersetzt. Im Bereich der Fertigung setzt jedes vierte Unternehmen (24 Prozent) eine intelligente Steuerung von Anlagen ein. Insgesamt sieht die deutsche Wirtschaft im Einsatz digitaler Technologien großes Potenzial für den Klimaschutz: So betonen 78 Prozent der Unternehmen, die Digitalisierung sei eine Chance fürs Klima – lediglich jedes fünfte (20 Prozent) sieht in ihr ein Risiko. Von der Politik fordern die Unternehmen an erster Stelle (87 Prozent) einen schnellen Ausbau erneuerbarer Energien. Fast jedes zweite Unternehmen (46 Prozent) fordert wirtschaftliche Anreize, um in Klima- und Umweltschutz zu investieren.

Grundlage der Angaben des Bitkom ist zum einen eine Studie, die im Auftrag des Digitalverbands Bitkom von Accenture durchführt wurde und zweitens eine repräsentative Umfrage, die Bitkom Research im Auftrag des Bitkom durchgeführt hat. Hierbei wurden Geschäftsführer, Vorstandsmitglieder oder Umweltbeauftragte von 753 Unternehmen mit 20 und mehr Beschäftigten in Deutschland von Mitte September bis Ende Oktober 2020 telefonisch befragt.

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