Bildverarbeitungsbranche im Jahr 2023

»Der Auftragsrückstau könnte sich nivellieren«

19. Januar 2023, 10:23 Uhr | Andreas Knoll
Yates Chris
Dr. Chris Yates, EMVA: »Nichttraditionelle Vision-Technologien werden weiterhin an Sichtbarkeit und Akzeptanz zunehmen.«
© EMVA

Die digitale Transformation der Industrie wird die Entwicklung des Machine-Vision-Markts weiterhin beflügeln, wobei die Nutzung künstlicher Intelligenz eine große technische Dynamik entfalten wird. Ein starkes Wachstum wird die Branche 2023 aber wohl nicht erleben.

Dr. Chris Yates, President der European Machine Vision Association (EMVA), erläutert die Hintergründe.

Markt&Technik: Welche Trends sehen Sie für den Bildverarbeitungsmarkt im Jahr 2023?

Dr. Chris Yates: Mehrere Makrotrends werden den Playern auf dem Markt für industrielle Bildverarbeitung weiterhin bedeutende Chancen bieten. So prägt etwa die zunehmende Digitalisierung die Entwicklung des Vision-Tech-Markts. Die flächendeckende Digitalisierung industrieller Prozesse zur Schaffung eines einheitlichen Produktlebenszyklus von der Konstruktion über die Fertigung bis hin zur Anwendung bietet für die Bildverarbeitung viele Einsatzmöglichkeiten.

Hierzu zählen etwa die Definition von Inspektions- und Messplänen zum Zeitpunkt der Konstruktion oder die Nutzung von Bildverarbeitungstechnologie zur Analyse manueller Montagevorgänge sowie die Einführung quantitativer Techniken in diesem äußerst komplexen Anwendungsbereich. Des Weiteren schafft der zunehmende Einsatz von Bildverarbeitungssystemen auf KI-Basis ein ganzes Technologie-Ecosystem mit vielen Unternehmen, die Low-Code/No-Code-Toolchains entwickeln, um die Entwicklung und den Einsatz von KI-Modellen zu erleichtern.

Weitere Trends im Vision-Ecosystem sind in diesem Zusammenhang die Verwendung vollständig synthetischer Daten zum Trainieren von KI-Modellen sowie Tools zur Quantifizierung und Validierung der Robustheit und Sicherheit von Modellen. Viele Unternehmen erkennen auch den Wert zusätzlicher Erkenntnisse, die sich aus automatisierten Qualitätsmessungen gewinnen lassen, wie etwa die Nutzung übergeordneter Trendanalysen zur Vorhersage der Leistungsfähigkeit eines Werkstücks und zur Unterstützung von Predictive Maintenance. Zudem erwarten wir, dass nicht-traditionelle Vision-Technologien weiterhin an Sichtbarkeit und Akzeptanz zunehmen werden. Die vermehrte Anwendung von Hyperspektral-, SWIR-, UV-, 3D- und Event-based-Technologien wird das Marktvolumen für Bildverarbeitung weiter vergrößern.

Wie hat die Bildverarbeitungsbranche die Auswirkungen der Corona-Pandemie verarbeitet?

Weil die meisten westlichen Volkswirtschaften den Großteil der Beschränkungen gelockert haben und China vor Kurzem seine Null-Covid-Politik angepasst hat, ist es unwahrscheinlich, dass strenge Handels- und Reisebeschränkungen zurückkehren werden. Im Jahr 2022 haben wieder viele für die Bildverarbeitungsbranche bedeutende Messen als Präsenzveranstaltung stattgefunden, darunter die Vision in Stuttgart. Unsere Mitglieder sagen uns, dass physische Treffen nach wie vor ein sehr wichtiger Aspekt bei der Entwicklung produktiver Geschäftsbeziehungen sind. Aus diesem Grund begrüßen wir die Rückkehr von Vor-Ort-Treffen und Networking-Veranstaltungen sehr und freuen uns auf die Ausrichtung der EMVA Business Conference 2023 im zwanzigsten Jubiläumsjahr der EMVA.

Gleichzeitig sind die Auswirkungen der Pandemie auch in der Vision-Branche nicht zu übersehen. Eine der wichtigsten Folgen der Pandemie sind Lieferbeschränkungen und die Verknappung von Komponenten. Für viele Unternehmen waren das im vergangenen Jahr die kritischsten Themen. Obwohl wir Anzeichen dafür sehen, dass sich die Versorgungslage verbessert, gehen wir davon aus, dass das Thema Lieferengpässe in den kommenden zwölf Monaten noch nicht vollständig gelöst wird.

Wie wird sich der Markt für industrielle Bildverarbeitung Ihres Erachtens 2023 entwickeln?

Die wirtschaftliche Entwicklung nach der Pandemie war von einer starken Kundennachfrage geprägt, die jedoch mit der Schwierigkeit einherging, ausreichend Produkte und Lösungen zu liefern. Dies hat zu einem Anstieg des Auftragsbestands geführt. Es könnte sein, dass wir im Jahr 2023 ein neues Gleichgewicht erleben, in dem sich der Auftragsrückstau durch eine geringere neue Nachfrage vorsichtiger agierender Abnehmer mit weniger Kaufkraft nivelliert.

Die jüngsten Marktstatistiken, die von der EMVA für den europäischen und nordamerikanischen Markt erhoben wurden, deuten darauf hin, dass 2023 in der gesamten Branche kein starkes Wachstum zu erwarten ist. Viele der Befragten erwarten eine stagnierende Nachfrage. Dies steht im Gegensatz zu der starken positiven Wachstumsstimmung in der Branche noch im vierten Quartal 2021, bevor der Krieg in der Ukraine begann und die hohe Inflation einsetzte sowie in der Folge die meisten Zentralbanken ihre Geldpolitik strafften.

Weiter anhalten wird voraussichtlich auch 2023 der Trend zur Konsolidierung durch Übernahmen. Viele multinationale Unternehmen betrachten die industrielle Automatisierung weiterhin als strategisch notwendig. Das wird für Wettbewerb beim Übernahmepoker attraktiver Unternehmen im Vision-Tech-Sektor sorgen. Gerade Firmen, die interessante neue Technologien entwickeln oder sich bereits erfolgreich auf dem Markt etabliert haben, dürften sowohl für expansive Unternehmen als auch für Investoren ein Übernahmeziel sein.
 

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