Interview mit Wammes & Partner

»Just in case« statt »Just in time«

25. April 2022, 4:11 Uhr | Nicole Wörner
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Klaus Wammes: »Wenn die Strategie heißt »wird schon gut gehen« und »billig ist noch zu teuer«, dann hat man nicht nur potenziell eine möglichst kostengünstige »Just in time«-Strategie, sondern auch ein »Just in time«-Problem – Management ohne Vorlauf und doppelten Boden.«
© Wammes&Partner

Materialknappheit und Lieferengpässe belasten die gesamte Wirtschaft. Klaus Wammes, Geschäftsführer von Wammes & Partner, ist überzeugt, dass vielen Unternehmen nur ein fundamentaler Strategiewechsel helfen kann, lieferfähig zu bleiben. Sein Unternehmen macht es vor.

Markt&Technik: Herr Wammes, inwieweit sind Sie von den Material- und Lieferengpässen im Halbleiterbereich betroffen? Wie stellt sich die Situation für Sie aktuell dar?

Klaus Wammes: Wir sind ein wissenschaftlich-technischer Dienstleister mit dem historischen Hintergrund der Sonderdisplay-Serienproduktion – etwas, was sich zurzeit in Deutschland nicht rechnet. Aber aktuell stehen ja viele Änderungen an – mal sehen, ob das so bleibt. Wir wissen also, wie essenziell es im Projektgeschäft ist, auf alle benötigten Komponenten genau dann zugreifen zu können, wenn sie benötigt werden. Aus diesem Grund haben wir – auch schon historisch – immer ein gut gefülltes Lager von Rohmaterialien, Halbzeugen und »Exoten«. Immer nach dem Motto »Just in case« statt »Just in time«. Aktuell sind wir daher nicht betroffen, sondern versorgen eher noch unsere Kunden aus unseren Beständen.

Wo hakt es bei den Kunden besonders?

Ganz besonders schwierig ist der Aspekt der Bewertbarkeit, und zwar in jeder Hinsicht: Wie verlässlich sind genannte Termin- oder Preiszusagen – auch für Transporte? Bei gelieferten Komponenten hakt es oft an der zugesagten Qualität, denn wenn etwas »short« ist, wird anscheinend nicht mehr groß sortiert, sondern einfach alles versandt.

War diese Situation Ihrer Meinung nach vorhersehbar? Hätte man sich darauf vorbereiten können – oder gar müssen?

Nun, das ist eine philosophische Frage. Denn: Wenn ich Risiken eingehe – also Bereiche oder Themen fest einplane, die ich letzten Endes nicht selbst beeinflussen kann –, dann muss ich dafür eine für mich sinnvolle Strategie auswählen, um mit allen Unwägbarkeiten zu Rande zu kommen. Und wenn die Strategie heißt »wird schon gut gehen« und »billig ist noch zu teuer«, dann hat man nicht nur potenziell eine möglichst kostengünstige »Just in time«-Strategie, sondern auch ein »Just in time«-Problem – Management ohne Vorlauf und doppelten Boden. Und ja, aus meiner Sicht hat jeder – gleich ob Privat- oder Geschäftsmann – die Verpflichtung zur Vorsorge, und das heißt gemäß altem Sprichwort: »Kümmere dich zur Zeit, dann hast du in der Not.«

Nun haben Sie angesichts der angespannten Situation eine Art Ausweg für Ihre Kunden erarbeitet. Wie sieht dieser konkret aus?

Es wäre schön, wenn mit einem Ausweg die so angespannte Situationen zu meistern wäre. Aber ja, wir versuchen mit unseren Möglichkeiten, Sicherheitsbestände an kritischen Bauteilen verfügbar zu machen, die Obsoleszenz-Versorgung eigentlich nicht (mehr) verfügbarer Komponenten rund um Display-Systeme zu gewährleisten oder technische Analysen bzw. Troubleshooting bis zur Nachfertigung oder auch Beschaffung über eigene etablierte Netzwerke zu ermöglichen. Auch technische Hilfestellung zur Bewertung von Materialien und Halbzeugen aus unklaren oder unbekannten Quellen und auch Refurbishment bis zum Recycling – und natürlich auch Hilfe zur Selbsthilfe mittels Coaching, Training & Consulting – geschätzte Möglichkeiten, basierend auf mehr als 30 Jahren Aktivitäten in diesem Metier.

Was bedeutet das konkret für Ihre Kunden? Mit welchen Lieferzeiten müssen sie rechnen?

Ebenfalls ein Standardthema, denn wenn es brennt, brennt es jetzt. Das heißt, wir haben uns darauf eingerichtet, unseren Kunden auch möglichst jetzt weiterhelfen zu können, indem wir technisch und organisatorisch priorisieren und unsere Kunden quasi live in unsere Aktivitäten für sie einbinden. Daher gibt es neue Erkenntnisse auch immer direkt brühwarm, und die »schöne Form« und organisatorisch notwendige Dokumentation läuft dazu begleitend – aber in dieser Priorität. Damit gelingt es uns in den allermeisten Fällen, Hilfestellung in Stunden oder Tagen zu realisieren. Kunden schätzen es, wenn ihnen in schwierigen Zeiten unbürokratisch geholfen wird.

Welche Auswirkungen könnte dies auf Ihr zukünftiges Geschäft nehmen?

Unbürokratisch ist wirklich eines der Zauberwörter – das hat allerdings auch so seine Tücken. Die Abwicklung, Dokumentation und natürlich auch die Abrechnung müssen trotz allem sinnvoll und vollständig funktionieren, denn die offiziellen Spielregeln bleiben ja dennoch für alle Beteiligte gültig.

Materialverknappung bringt oft auch Preissteigerungen mit sich – in der Beschaffung sowie in den Verkäufen. Inwieweit betrifft das Ihr Geschäft und wie gehen Sie mit der Situation um?

Wir sind von solchen Entwicklungen auch nicht abgekoppelt, aber um es ganz nüchtern zu sagen: Preissteigerungen sind das eine, Verfügbarkeit bzw. Nichtverfügbarkeit das andere. Hier wird künftig die Entscheidung häufiger in Richtung mehr lokales Know-how fallen. Dadurch kann man mit weniger veredelten und damit weniger individualisierten Materialien und Halbzeugen früher selbst in der Wertschöpfungskette aktiv werden. Oder aber auch Entscheidungen treffen, was wirklich gebraucht wird oder eben auch nicht. Wir sehen uns dafür gut aufgestellt, weil dies ja bereits seit vielen Jahren bei uns geübte Praxis ist.

Für wann erwarten Sie eine Entspannung des Marktes? Oder wird sich die Situation womöglich weiter zuspitzen? Und welchen Weg aus dem Engpass können Sie sich vorstellen?

Entspannung ist aktuell wohl ein frommer Wunsch, denn mit der laufenden politischen Entwicklung wird sich das auf absehbare Zeit leider in die entgegengesetzte Richtung ausweiten. Damit ist es aus unserer Sicht jetzt zwingend nötig, großflächig von »Just in time« auf »Just in case« umzustellen und lokale und regionale Selbsthilfe-Netzwerke zu etablieren – deswegen sind wir auch auf diesem Pfad unterwegs und versuchen, möglichst viele Mitstreiter zu interessieren.

Abschließend: Was würden Sie Kunden aktuell empfehlen?

Mit Empfehlungen ist das immer so eine Sache … Aber einen Rat geben wir unseren Kunden in jedem Projekt, in das wir involviert sind: Schaut nach und seid sicher, dass ihr genau wisst, was ihr anbietet und verkauft – und dass ihr im Falle eines Falles wisst, wie aufkommende Probleme zu beheben sind, ganz gleich ob mit eigenen Möglichkeiten oder sicher erreichbaren zugekauften Möglichkeiten. Denn: Der Preis kann und wird beim Lösen solcher Probleme sicher nicht an Prio eins stehen.

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