Interview Arrow Elektronics

»Patientensicherheit diktiert alle Anforderungen der Entwicklung«

20. Februar 2026, 9:38 Uhr | Ute Häußler
Murdoch Fitzgerald ist Vice President Global Engineering & Design Services bei Arrow Electronics.
© Arrow

Medizintechnik ist für den Distributor Arrow Electronics ein wichtiger Wachstumsmarkt. Murdoch Fitzgerald spricht über Embedded System Design, Regulatorik-Support und die wichtigsten Trends von Wearables bis zu KI-Integration. Dabei zentral: Rückverfolgbarkeit über die Lieferkette und Cybersecurity.

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Welche strategische Bedeutung hat der Medizintechnikmarkt für Arrow?

Murdoch Fitzgerald: Die Medizintechnik ist einer von sechs Märkten, auf die wir uns bei Arrow fokussieren und für die wir eine weltweite Go-to-Market-Strategie verfolgen. Die strategische Ausrichtung auf Medical begründet sich vor allem durch das Wachstum im Bereich Digital Health und die gesellschaftliche Relevanz: Die Auswirkungen, die die Medizintechnik auf unser Leben und die Gesundheitssysteme hat, sind stärker als in jedem anderen Bereich, in dem wir tätig sind.

Wenn man sich die Vision von Arrow anschaut »enabling technology to help improve the lives of many« – dann gibt es kein vertikales Marktsegment, das diese Vision besser verkörpert als die Medizintechnik. Unser Ziel für die kommenden fünf bis zehn Jahre ist es, den Medizintechnikmarkt zu einem noch größeren Umsatztreiber zu entwickeln.

Welche Services bietet Arrow entlang des gesamten Lebenszyklus‘ in der Medizingeräteentwicklung – von der Konzeptphase bis zur Zulassung?

Ein Schwerpunkt unserer Arbeit liegt in der Entwicklung von Embedded-Systemen. Das ist ein kritischer Bereich in der Medizingeräteentwicklung, bei dem wir die Hersteller von der Systemarchitektur bis zur Integration aller Komponenten begleiten. Ein Beispiel dafür ist unser »Medical Imaging Reference Design«, das beispielsweise für die Herzdiagnostik zum Einsatz kommen kann. Zweimal im Jahr sitzen wir außerhalb der normalen Betreuung mit allen unseren Kunden zusammen und besprechen deren aktuelle Situation. So können wir unsere Entwickler-Toolkits weiterentwickeln und noch besser auf die Bedürfnisse der Medical OEMs zuschneiden.

Für die regulatorischen Anforderungen bieten wir drei spezifische Services an. Zum einen unterstützen wir mit Qualitätssystemen, die bereits im Design Development auf FDA- sowie MDR-Anforderungen zugeschnitten sind. Dazu gehört natürlich die entsprechende Dokumentation für die Zulassungsprozesse.

Ein weiterer Punkt, der zunehmend an Bedeutung gewinnt, ist die Nachverfolgbarkeit in der Lieferkette. Das ist keine akademische Frage mehr – gerade mit den neuen Cybersecurity-Vorschriften wird das zur regulatorischen Pflicht. Ein Medical-OEM muss im Ernstfall genau wissen, welche Komponenten in einem Gerät verbaut sind. Es steht immer die Patientensicherheit im Vordergrund – die diktiert letztlich alle Anforderungen an die Entwicklung eines Medizinprodukts.

Wie unterstützt Arrow Medizintechnikhersteller konkret bei Cybersecurity-Anforderungen?

Für Cybersecurity denken wir in drei Ebenen. Die erste ist die Sicherheit auf Komponentenebene – also Security-by-Design durch die Auswahl der richtigen Bauteile. Die zweite Ebene betrifft die Kommunikation, wo entsprechende Sicherheitsmaßnahmen greifen müssen. Und dann gibt es noch die Herausforderung mit Legacy-Hardware: Viele Hersteller haben unterschiedliche Geräte-Versionen im Feld, die zum Teil auf älterer Hardware basieren. Wie hilft man dabei, sicherzustellen, dass auch diese Geräte im Betrieb geschützt bleiben? Das sind Fragen, die wir gemeinsam mit den Kunden angehen. Gerade mit der Post-Market Surveillance wird dieser Aspekt noch einmal wichtiger.
 

Haben Sie ein Beispiel, wie Arrow einen Medtech-Hersteller erfolgreich unterstützt hat?

Ein Projekt, das mir besonders in Erinnerung geblieben ist, war die Entwicklung eines Wearables zur Überwachung von Vitalparametern. Es ging um ein von der Sensorik her gedachtes Gerät, das direkt auf der Haut getragen wird und verschiedene Körperfunktionen wie Herzfrequenz, Temperatur oder Sauerstoffsättigung misst. Auch die sichere und zuverlässige Datenübertragung spielte eine wichtige Rolle.

Die Herausforderung lag weniger im grundsätzlichen Design – das hatten die Entwickler auf OEM-Seite schon ziemlich gut durchdacht. Aber bei der Komponentenauswahl und beim Schaltungsdesign kamen sie mit Fragen auf uns zu. Wir konnten anhand dieses Projektes besser nachvollziehen, worauf es Medtech-Kunden wirklich ankommt.​

Das Spannende dabei: Mit KI-Unterstützung geht es heute nicht mehr nur um Diagnostik im klassischen Sinn. In der Überwachung von Neugeborenen etwa, einem weiteren Projekt, können sie sehr gut bestimmte Muster erkennen oder prädiktive Analysen durchführen. Die Idee ist, dass Ärzte und Pflegekräfte schon Minuten oder sogar Stunden bevor Probleme bei den Babys deutlich werden, Hinweise darauf bekommen und frühzeitig eingreifen können. Das ist vergleichbar mit Predictive Maintenance in der Industrie – nur eben für die menschliche Medizin.

Welche technologischen Trends werden die Medizintechnik in den nächsten 5 bis10 Jahren prägen, und welche Komponenten sind dafür besonders relevant?

Das Patient Monitoring, klinisch wie auch remote und zu Hause, wird weiter an Bedeutung gewinnen. Es geht darum, über die kontinuierliche Messung von Parametern frühzeitig zu erkennen, wenn etwas nicht stimmt – die Prävention wird zur zentralen Anwendung. Ein großes klinisches Wachstumsfeld liegt zudem in der roboterassistierten Chirurgie. Daneben spielt 3D-Druck eine zunehmende Rolle, etwa bei der Ad-hoc-Herstellung patientenspezifischer Implantate oder Instrumente.

Was die Komponenten betrifft: Mikrocontroller werden in Zukunft noch stärker auf die spezifischen Anforderungen von Medizingeräten zugeschnitten sein – mit dedizierten Features für Sicherheit, Standardisierung und die Integration von Sensoren. Die breite Datenanalyse ist im medizinischen Segment besonders spannend. Dafür werden auch KI-Beschleuniger wichtiger, ebenso wie Wireless-Komponenten für die drahtlose Datenübertragung.

Das Arrow-Portfolio ist sehr breit aufgestellt, so dass Entwickler nach dem aktuellen Stand der Technik immer zwischen verschiedenen Bausteinen und Systemen wählen können – je nachdem, was das spezifische Medizingerät oder -system genau erfordert.

Vielen Dank für das Gespräch!

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