Die Gehaltsformel der Elektronik

»Tarif schlägt alles!«

23. November 2022, 14:19 Uhr | Corinne Schindlbeck
Gehaltsformel
Die nächste Auswertung "Gehaltsformel der Elektronik" planen wir zur embedded world 2023. Machen Sie mit: www.mut-job.de/gehaltscheck!
© Markt&Technik/Schuh-Eder Consulting/Adobe Stock

Was verdienen Elektroingenieure und was beeinflusst ihr Gehalt? Erste Ergebnisse der »Gehaltsformel der Elektronik« von Schuh-Eder Consulting und Markt&Technik zeigen: Die Spannbreite ist groß, mit Tarif verdient man in der Regel am besten, Homeoffice ist Entwicklern nicht ganz so wichtig.  

Die Gehaltsformel der Elektronik - Gehälter Entwicklung

Gehaltsformel
© Schuh-Eder Consulting
Gehaltsformel
© Schuh-Eder Consulting
Gehaltsformel
© Schuh-Eder Consulting

Alle Bilder anzeigen (6)

Markt&Technik: Frau Schuh-Eder, was zeigen die ersten Ergebnisse der »Gehaltsformel der Elektronik«? 
Renate Schuh-Eder: Zum einen bestätigt sie unsere Annahme, dass die Gehaltsbandbreiten sehr groß sind. Ein Durchschnittswert, ausgespuckt aus einem der gängigen Online Tools, macht wirklich wenig Sinn. Die Spannbreiten sind für gleiche Berufsbilder einfach zu groß und beeinflusst unter anderem durch Firmengröße und Region. Die Antwort liegt viel mehr in einem Entscheidungsmosaik aus individuell wichtigen Faktoren.  

Die erste Auswertung umfasst den Bereich Entwicklung. Warum? 
Weil sich bis zu unserer Auswertung kurz vor der electronica überdurchschnittlich viele Entwickler beteiligt haben, über 200. In der Mehrheit sind es Master- oder Diplomingenieure. Daher haben wir uns entschlossen, die Entwicklung als erstes auszuwerten. Unsere Daten wurden von Gradar, Spezialist für Stellenbewertung und Vergütungsstudien, validiert. Das Ergebnis aus den Daten von über 200 Entwicklern: Die Range geht von 39.600 bis 250.000 Euro Jahresgehalt. Hier einen Mittelwert abzuleiten, hieße Äpfel mit Birnen vergleichen. 

Was zeigen die Daten? 
Philipp Schuch von Gradar hat es so zusammengefasst: Der Tarif ist DER Benchmark für den Bereich Entwicklung, er schlägt alles! Aus diesem Grund führt die Automobilindustrie unsere erste Auswertung an, denn hier sind die meisten Unternehmen tarifgebunden. Aber: bei Tarif ist in der Regel der Arbeitgeber ein Konzern – und nicht jeder möchte im Konzern arbeiten. Denn das heißt zwar »gut verdienen«, aber eben auch mit eingeschränktem Handlungsspielraum und weniger Verantwortung sowie einem nicht ganz so breiten Aufgabenportfolio. Wem das Gehalt sehr wichtig ist, der sollte zumindest zu Beginn seiner Karriere Konzerne in Betracht ziehen; hier kann man als Entwickler am besten verdienen. Aber Vorsicht: Nach rund zehn Jahren oder gar mehr ist ein Wechsel in den Mittelstand nur sehr schwer möglich. Man ist sozusagen geprägt, ein »gebranntes Kind«. Das hören wir oft von unseren Kunden. 

Das bedeutet: In Unternehmen mit Tarifverträgen verdient man am meisten?
Ab grob 3500 Mitarbeitern wird oft nach Tarif gezahlt. Aber jedes andere Unternehmen versucht auch, den Tarif zu berücksichtigen. Darunter und außerhalb von ERA ist die Spannbreite groß und varriert je nach Region, Unternehmensgröße und Berufserfahrung sowie Personalverantwortung. Einen etwaigen Gender Pay Gap konnten wir übrigens nicht auswerten – es haben sich fast ausschließlich Männer an unserer Gehaltsformel beteiligt. 

Gibt es Gehaltsunterschiede zwischen den Branchen? 
Die Automobilindustrie liegt an der Spitze, weil hier Tarifgehälter dominieren. Der Tarif liegt über den Zahlen, die wir bis heute erhoben haben. Das bedeutet, dass sich viele beteiligt haben, die nicht nach Tarif bezahlt werden. 

Manche bevorzugen die Arbeit in kleineren Unternehmen, weil sie vielseitiger ist? 
Mittelständische Unternehmen haben den Vorteil, etwas individueller auf jeden Einzelnen und seine Wünsche eingehen zu können. Geld ist ein wichtiger Hygienefaktor, aber rundum zufrieden machen weitere Faktoren. Interessant: Homeoffice ist zwar gerade in aller Munde, doch ausgerechnet dieser Faktor wurde von Entwicklern am niedrigsten gewertet, wie unsere Spinnennetz-Grafik zeigt. 

Sondern?
Ganz weit vorne die Möglichkeit, an Innovationen zu arbeiten, vorne mit dabei zu sein. Die Liebe zum Produkt, das Tüfteln. 

Was muss man tun, um 250.000 Jahresgehalt zu bekommen? 
250.000 Euro sind definitiv in keinem Tarif mehr zu finden. Solche Gehälter hängen immer an einer individuellen Funktion mit entsprechender Personalverantwortung etwa als Hauptabteilungsleiter, Director R&D oder Vice President. Wir hatten kürzlich aber auch einen »Principal Designer« mit 180.000 Euro im Gespräch, was ein guter Beweis dafür ist, dass man auch als Experte erfolgreich Karrieren machen kann. Es gibt auch im Mittelstand fabelhafte Gehälter. 

Was sind die wichtigsten Punkte, die ein höheres Gehalt bestimmen? 
Zusammen mit Gradar haben wir folgende Punkte herausgearbeitet. Zum einen ist das die Unternehmensgröße: Je größer, umso häufiger wird nach Tarif gezahlt. Dann die Region: Hier haben wir ein Süd-Nord-Gefälle, d.h. im Süden wird für die gleiche Funktion mehr gezahlt als etwa im Nordosten. Das gilt nicht für Konzernniederlassungen, ein Konzern zahlt überall die gleichen Gehälter. Wenn wir aber von einem kleinen Entwicklerbüro sprechen, dann zahlt so eines in Stuttgart mehr als in Mecklenburg-Vorpommern oder Hannover. 

Was zählt die Ausbildung? 
Die Entwickler in unserer Auswertung haben in der Mehrzahl den Master oder Diplom. Aber die Karrierestufe spielt eine Rolle sowie die Berufserfahrung. Dabei wird häufig die Fachlaufbahn als Alternative zur Führungskarriere geboten, wenngleich noch nicht überall. Ein Principal Engineer in der Entwicklung mit nachweisbarer Berufserfahrung kann mit den Kollegen mit Personalverantwortung oft mithalten. 

Haben Ingenieure im Gehaltsgespräch aktuell gute Karten? 
Die Gehälter sind aktuell schon weit oben. Wer für Geld kommt, geht auch wieder für Geld – dieser Satz hat seine Berechtigung! Dennoch: Wer mit valider Ausbildung 36.000 Euro verdient, ist auf jeden Fall unterbezahlt – so viel softe Benefits kann das Unternehmen ihm oder ihr gar nicht bieten. Er oder sie sollte sich nach einem anderen Job umsehen. Von der Uni frisch als Master fängt heute unter 50.000 Euro niemand mehr an – auch das ist ein Erfahrungswert. Wer mit Berufserfahrung noch unter 50.000 liegt, ist ebenfalls unterbezahlt. 

Die ersten zehn Jahre scheinen in Sachen Gehalt die wichtigsten zu sein, zeigt die Auswertung. Warum ist das so?
Ja, die ersten 10 bis 13 Jahre steigt ein Gehalt am stärksten. Ab 100.000 Euro dann wird die Luft schon deutlich dünner, die Ansprüche der Unternehmen steigen, die Bereitschaft zu Kompromissen sinkt, unabhängig von der Position. 

Letzte Frage: Schaffen wir zur embedded world die nächste Auswertung? 
Ja, auf jeden Fall. Wir freuen uns, dass die »Gehaltsformel der Elektronik« so gut angenommen wird. 

(Fragen: Corinne Schindlbeck)

Je mehr Daten, umso aussagekräftiger wird die »Gehaltsformel der Elektronik«. Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme: www.mut-job.de/gehaltscheck


 


Das könnte Sie auch interessieren

Verwandte Artikel

Schuh-Eder Consulting

MuT-Job