Elektroniknet Logo

Silicon Saxony zu IPCEI 2

»Enorme Chancen für europäische IC-Hersteller!«

Esser_Heinz-Martin
Heinz Martin Esser, Vorstandssprecher Silicon Saxony: »Über die vergangenen drei bis fünf Jahre konnten wir in Sachsen schon im Rahmen von IPCEI 1 riesige Dinge bewegen. Deshalb bin ich sehr zuversichtlich, dass wir jetzt mit IPCEI 2 weiter an Fahrt aufnehmen werden.«
© SiliconSaxony

Warum IPCEI 2 der europäischen Halbleiterindustrie neuen Schub geben wird und das europäische 20-Prozent-Ziel realistisch ist, erklären Heinz Martin Esser und Frank Bösenberg von Silicon Saxony im Interview mit Markt&Technik.

Markt&Technik: Die EU will im Rahmen von IPCEI 2, das Deutschland koordinieren wird, bis 2030 rund 20 Prozent der weltweit hergestellten Chips innerhalb der EU zu fertigen. Ist das aus Ihrer Sicht ein realistisches Ziel?

Heinz Martin Esser, Vorstandssprecher Silicon Saxony e.V.: Es ist wichtig, dass man sich Ziele setzt. Denn damit wird ein Rahmen geschaffen, innerhalb dessen man strukturiert und geplant vorgehen kann. Jetzt kommt es darauf an, in Deutschland IPCEI 2 möglichst schnell umzusetzen. Die Förderquoten von 20 bis 40 Prozent sind eine richtige und wichtige Rahmengröße.

Frank Bösenberg, Leiter der Geschäftsstelle Silicon Saxony: Wie kommt das Ziel von 20 Prozent zustande? Das ist eine einfache Rechnung: Inzwischen sind Chips in praktisch allen Bereichen unseres Lebens vorgedrungen. Die 20 Prozent sind in etwa eine Verdopplung des aktuellen Wertes der Produktion – und damit ein Wert, den es braucht, um auch bei globalen Betrachtungen eine nennenswerte Rolle zu spielen.

In einem Statement zum IPCEI 2 der EU hatte Silicon Saxony zwar eingeräumt, dass sich Europa über die vergangenen zehn Jahre viele ambitionierte Ziele gesetzt hatte, es mit der Umsetzung aber leider gehapert habe. Jetzt aber, so ist im Statement zu lesen, habe sich der Wind gedreht. Warum glauben Sie, dass jetzt die Vorhaben konsequenter umgesetzt werden als früher?

Esser: Weil wir schon mit dem ersten Important Project of Common European Interest sehr gute Erfahrungen gemacht haben. Vor fünf Jahren bereits hatte die EU die strategische Bedeutung der Halbleiterindustrie für Europa erkannt und wollte sie massiv unterstützen, damit sie von einem Anteil am Weltmarkt in Höhe von damals 9 Prozent in Richtung 20 Prozent wachsen kann. Damals hatte erstmals ein Wettbewerbskommissar der EU zugestimmt, dass die europäischen Länder ihre Chip-Hersteller unterstützen dürfen. Das hat den Standort Sachsen deutlich gestärkt und wir sind mittlerweile zum größten Halbleitercluster in Europa aufgestiegen. Es flossen rund 4 Mrd. Euro an Investitionen über die vergangenen vier Jahre nach Sachsen von Firmen wie Bosch, Globalfoundries, Infineon und X-Fab, um nur mal einige zu nennen.

So konnte Silicon Saxony seine Rolle als führendes High-Tech Cluster in Europa im internationalen Wettbewerb sichern. Diese Entwicklung hat außerdem wichtige Impulse für energieeffiziente Elektronik, künstliche Intelligenz sowie Quantencomputing gegeben.

Bösenberg_Fran
Frank Bösenberg, Leiter der Geschäftsstelle Silicon Saxony: »Die Halbleiterindustrie war die erste Branche, auf die das Instrument Important Project of Common European Interest angewandt wurde. Jetzt folgen weitere Branchen diesem erfolgreichen Muster wie Batterien und Wasserstoff.«
© SiliconSaxony

TSMC hat rund 17 Mrd. Dollar in den Bau ihrer neusten Fab gesteckt; dieses Jahr sollen sogar 28 Mrd. Dollar investiert werden. Die Investitionen von Intel und Samsung werden sich in ähnlichen Größenordnungen bewegen. Ist es angesichts dieser Zahlen realistisch anzunehmen, die Europäer könnten diesen Vorsprung aufholen?

Esser: TSMC hat in den letzten Jahren einige Fabs gebaut. Selbst wenn wir jetzt in Europa die von der Politik gewünschte 2-nm-Fab bauen würden, löst das noch nicht das Problem eines unzureichenden Marktumfeldes. Beispielsweise gibt es keine europäischen marktbestimmenden Smartphone- oder Computerhersteller mehr.

Es wird ja immer wieder diskutiert, nach dem Muster von Airbus ein europäisches Konsortium zu bilden, um eine solche Fab zu bauen. Wäre das wünschenswert?

Esser: Könnte und wollte man die 100 Mrd. Dollar dafür in Europa wirklich aufbringen? Aber das wäre wohl von der falschen Seite her gedacht. Denn es gibt auch kein Unternehmen in Europa, das Smartphones oder andere Geräte in hohen Stückzahlen fertigt. Warum sollte dann hier in Europa eine Produktionsstätte für die ICs dazu aufgebaut werden? Wir sollten also besser von der Kundenseite her denken. Dann sieht die Sache nämlich schon ganz anders aus. Wir haben in Europa führende Unternehmen wie Infineon, NXP und STMicroelectronics. Bosch fertigt im neuen Werk in Dresden Smart Systems und Sensorik auf 300-mm-Wafern, Infineon fertigt Leistungshalbleiter auf 300-mm-Wafern.

Dazu sind allerdings nicht die neusten Prozessknoten erforderlich. Ähnliches gilt für Globalfoundries in Dresden, die ebenfalls die Strategie verfolgt, nicht auf den allerneusten Prozessknoten, dafür aber mithilfe sehr ausgefeilter Technologien zu fertigen. Das klappt hervorragend. Die Fabs in Sachsen sind ausgebucht, die Chips kauft die ganze Welt, so wie hier teilweise die Unternehmen von Chips aus den asiatischen Giga-Fabs angewiesen sind. Europa ist in vielen Feldern der Halbeleitertechnik, insbesondere der Leistungshalbleiter und der Sensorik, absolute Weltspitze!

Bösenberg: Die Chipindustrie ist eben sehr global aufgestellt, wir sind teilweise von asiatischen Herstellern abhängig, aber teilweise sind asiatische Hersteller auch von uns abhängig.

Esser: Denken Sie nur an ASML, Trumpf und Zeiss. Das ist auch eine europäische Erfolgsstory. Die ganze Welt ist auf die EUV-Geräte von ASML für die Fertigung der neusten Chipgenerationen angewiesen. Doch zurück zu den Chipherstellern: Es sitzen eben auch sehr viele Kunden der europäischen Halbleiterhersteller in Europa, und aus diesem Grund ist es sinnvoll, hier zu fertigen. Das wird sich Bosch bei der Entscheidung für Dresden als Standort für die neue Fab auch gedacht haben: Die Kunden sind zu einem großen Teil in Europa ansässig, das Umfeld in Sachsen ist sehr gut und mit IPCEI 1 hat auch das Investitionsumfeld gestimmt. Deshalb bin ich sehr zuversichtlich, dass wir jetzt mit IPCEI 2 weiter an Fahrt aufnehmen werden.


  1. »Enorme Chancen für europäische IC-Hersteller!«
  2. Anreize für neue Fabs in Europe

Das könnte Sie auch interessieren

Verwandte Artikel

Silicon Saxony e. V.