Rahman Jamal im Interview

»Es liegt an uns, Print neu zu erfinden«

18. Oktober 2022, 8:30 Uhr | Tobias Schlichtmeier
Rahman Jamal
© Rahman Jamal | Weka Fachmedien

Rahman Jamal war mehr als 30 Jahre bei National Instruments tätig. Heute widmet er sich als Buchautor und Speaker technisch-gesellschaftlichen Zukunftsthemen. Welche Erfahrungen er in den 30 Jahren mit Elektronik und der Elektronik gemacht hat, schildert Jamal im Interview.

Elektronik: Herr Jamal, Sie waren mehr als 30 Jahre bei National Instruments in Führungspositionen tätig. In Ihrer Funktion als Technology Fellow und Marketing-Chef der Regionen Europa, Asien und Amerika haben Sie die Elektronik viele Jahre begleitet und die Publikationsstrategie für das Unternehmen verantwortet. Können Sie sich noch an Ihren ersten Artikel für die Elektronik erinnern?

Rahman Jamal: Ja, sogar sehr lebhaft. Es war mein erster Frontcover-Artikel, und zwar im Jahr 1993. Das Titelbild entwarf ich skizzenhaft zusammen mit dem damaligen Elektronik-Redakteur Wolfgang Hascher während eines Messegesprächs. In nur wenigen Tagen setzte die Grafikabteilung unsere Idee grandios um. Bei dem dazugehörigen Beitrag ging es um das Realisieren von virtuellen Instrumenten mit messgeräteähnlichen Graphical User Interfaces (GUIs) und das dahinterliegende Steuerprogramm in der Programmiersprache C. Besonders stolz war ich auf den Artikel, weil die Redaktion sich allein aufgrund des wegweisenden Inhalts dafür entschied und nicht etwa, weil das dazugehörige Titelbild gekauft war. Im Gegenteil: Es war nicht einmal ein bezahltes Frontcover. »Earned Media« würde man heute dazu sagen.

Wie hat sich das Magazin in den vergangenen 30 Jahren verändert?

Ich habe die Elektronik zum ersten Mal in der Unibibliothek entdeckt. Sie war die einzige fachspezifische Zeitschrift, die ich von meinem Studium der Elektrotechnik her kannte und für mich ein Synonym für die neutrale Berichterstattung über alles rund um die Elektronikbranche: meinungsstarke Editorials, gut recherchierte, hochwertige redaktionelle Fachbeiträge gespickt mit Grundlagenwissen sowie pointiert zusammengefassten Podiumsdiskussionen. Zwar hat sich die Optik, Haptik und Ästhetik der Druckversion heute deutlich verändert, jedoch ist ihr damaliges Image in meinem Kopf haften geblieben.

Gibt es eine Publikation, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist und auf die Sie besonders stolz sind?

Wie bereits erwähnt, sah ich immer einen hohen Mehrwert für den Leser – unter anderem in den redaktionellen Beiträgen wie Editorials, in denen beispielsweise über wegweisende Technologie- und Markttrends berichtet wurde. Was mir besonders in Erinnerung geblieben ist, sind die von Wolfgang Hascher verfassten Berichte über den jährlichen Technologie- und Anwenderkongress »Virtuelle Instrumente in der Praxis« (VIP).

Anbieter zum Thema

zu Matchmaker+
Rahman Jamal
Rahman Jamal zeigt stolz die Ausgabe der Elektronik aus dem Jahr 1993, bei der er zum ersten Mal federführend beteiligt war.
© Rahman Jamal

Diesen habe ich im Jahr 1996 in Deutschland (als erstem Land weltweit) eingeführt – er lief immer sehr erfolgreich. Herrn Haschers Blickwinkel und seine werthaltige Nachbesprechung des Kongresses waren mir immer ein Wegweiser. Auch machte es mich stolz, Jahr für Jahr die Ausgabe mit seiner spannend geschriebenen neutralen Bewertung in den Händen zu halten.

Das heißt, Fachmagazine spielten bzw. spielen für Unternehmen eine wichtige Rolle; hat sich diese Rolle im Laufe der Jahre geändert?

»Nichts ist so beständig wie der Wandel« – sicherlich dachte der griechische Philosoph Heraklit bei dieser zeitlosen Erkenntnis nicht an die heutige Medienlandschaft, und doch trifft sie auch hierauf uneingeschränkt zu. Wir alle kennen die »Printmedien sind tot«-Schlagzeilen, seitdem es das Internet gibt. Doch ein Vierteljahrhundert nach den ersten Online-Ausgaben von populären Zeitungen hat sich die uns vertraute Weisheit »kein Medium ersetzt ein anderes hundertprozentig« wieder einmal bewahrheitet. Für mich sind auch heute im Jahre 2022 fundierte Beiträge, das Erkennen größerer Zusammenhänge und das Vertiefen eines Themas noch klare Domänen des Mediums Print. Aufgrund des Termindrucks, dem Online-Redaktionen permanent ausgesetzt sind, bleibt ihnen wenig Zeit, um ganzheitliche Zusammenhänge hintergründig zu recherchieren. Fehler und eine abfallende Qualität sind meiner Erfahrung nach oft die Folgen.

Ausgaben der Elektronik
Alle Ausgaben der Elektronik, bei denen Rahman Jamal aus Autor/Co-Autor mitgewirkt hat.
© Rahman Jamal

Auf der anderen Seite wissen wir alle, dass durch das Internet der zeitliche Abstand zwischen einem Ereignis und der Veröffentlichung immer mehr schrumpft. Diese offensichtliche Schwäche war den Printmedien seit jeher bewusst. Online-Redaktionen dagegen kennen keinen Redaktionsschluss, und so sind die hohe Aktualität, die Unmittelbarkeit und die permanente Verfügbarkeit aktueller Inhalte immer gegeben. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass die Printmedien dank des Phänomens »Online« die echte Chance haben, ihre eigentlichen Stärken weiter auszubauen. Es ist ein bedauerlicher Irrglaube, dass das gedruckte Wort im Sterbebett liegt. Es verändert sich – gar keine Frage. Jedoch liegt es an uns, Print neu zu erfinden.

Als Redakteur ist es nicht immer einfach, an die »heißen« Informationen zu kommen. Oft muss man PR-Verantwortlichen regelrecht »auf die Nerven gehen«. Gibt es Situationen in der Zusammenarbeit mit der Elektronik-Redaktion, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben sind?

Ja, sogar einige. Aber vorweg: Ich bin Ingenieur und die Leser der Elektronik sind in erster Linie technikaffine Menschen. So war ich frei nach Ludwig Wittgenstein immer der Ansicht, »Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen«. Mit der Strategie bin ich mit Redakteuren immer gut gefahren. In unserem technischen Umfeld halte ich persönlich von oberflächlich aufgebauschten »Storys« recht wenig. Gleichzeitig ist mir klar, dass trockene Inhalte allein kaum jemanden berühren oder gar bewegen. Geschichten dagegen schon. Um hier eine konkrete Situation in der Zusammenarbeit mit der Elektronik-Redaktion zu nennen: Als ich 2008 der Elektronik-Redaktion gegenüber erstmalig über Green Engineering sprach, kam ich mir vor wie in einem Gerichtssaal. Jedoch gelang es mir nach einem regelrechten Kreuzverhör doch noch, das Schlagwort »Green« – das Unternehmen oft für Marketingzwecke überstrapazieren und mit dem sie sich gerne dekorieren – mit echten Fakten zu untermauern. Das Duellieren mit der Redaktion war spannend und half mir sogar, meine »Botschaft« weiter zu verfeinern.

Technologie entwickelt sich weiter, Technologiezyklen werden immer kürzer, unsere Gesellschaft im Allgemeinen ist immer schnelllebiger. Was begeistert Sie so an Technologie, an Elektronik im Speziellen?

In unserer zunehmend komplexen Welt und bei dem ständigen Overflow an technischen Informationen ist mir Folgendes sehr wichtig: Relevante Inhalte sollten verständlich sein und die verständlichen Inhalte relevant. Auch wenn das offensichtlich scheint – gelebt wird es meines Erachtens kaum. Meine Begeisterung für Technologie kommt tatsächlich aus dieser Haltung heraus. Noch größer ist sie, wenn wir gewährleisten, dass wir neue Technologien nicht nur aktiv entwickeln, sondern ihnen vor allem auch eine Richtung geben, die Nachhaltigkeitsziele unterstützt. Hier kann die »Elektronik« als Vermittlungsmedium viel dazu beitragen. Herzlichen Glückwunsch zum Siebzigsten!

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Jamal.

 

Rahman Jamal war 30 Jahre in verschiedenen Führungspositionen bei National Instruments tätig. Während seiner Zeit beim globalen Technologieunternehmen lag ihm neben seinem Tagesgeschäft die vorurteilsfreie interdisziplinäre Öffnung der Ingenieure sehr am Herzen. In seinem ersten nicht-technischen Werk »Der Mann ohne Muttersprache« beschreibt er als Migrant die Stationen seines Lebens mit einem Augenmerk auf die Verantwortung des Menschen und des Menschseins. Heute ist er Speaker, Coach, Boardmember und Gastprofessor mit dem Fokus auf technisch disruptive Themen mit gesellschaftlicher Relevanz wie Industrie 4.0/IIoT, KI oder die Verantwortung des Ingenieurs.


Das könnte Sie auch interessieren

Verwandte Artikel

National Instruments Germany GmbH