30 Jahre Embedded-Branche

»Die Einführung von Arm-CPUs war bahnbrechend«

28. Oktober 2022, 11:00 Uhr | Tobias Schlichtmeier
30 Jahre Embedded Branche: Die Einführung von Arm-CPUs war bahnbrechend
© tostphoto/stock.adobe.com

70 Jahre Elektronik, 30 Jahre Keith & Koep. Eine tolle Chance, den Gründer Volker Keith nach seinen Highlights in der Embedded-Branche zu befragen. Wie er die Zeit als Unternehmensgründer und zudem Wegbereiter der Arm-Technologie erlebt hat, schildert er im Interview mit Elektronik.

Elektronik: Herr Keith, 70 Jahre gibt es nun die Zeitschrift Elektronik. Was kommt Ihnen dazu in den Sinn?

Volker Keith: Die Elektronik war eine der ersten Zeitschriften, die wir abonniert hatten, ich denke, das war im Jahr 1985. Ich kenne die Elektronik, seit ich mich selbstständig gemacht habe. Zu der Zeit lag der Schwerpunkt der Firma noch nicht auf konventioneller Rechnertechnik, sondern auf dem Entwickeln von Schaltnetzteilen. Aus dem Grund haben wir uns sehr stark für Leistungselektronik interessiert.

Anbieter zum Thema

zu Matchmaker+
Volker Keith von Keith & Koep
Volker Keith ist EVP Innovation bei Seco Northern Europe.
© Keith & Koep

Die Themen rund um Embedded Computing, auf die wir uns inzwischen konzentrieren, nehmen heute einen viel größeren Platz in den Publikationen ein als damals. Hier hat sich einiges verändert, auch was Umfang und Erscheinungsintervalle betrifft. Ein großes Lob, dass es die Elektronik noch gibt – bitte weitere 70 Jahre.

Nach so vielen Jahren bietet sich ein Vergleich an: Wie hat sich über die letzten Jahrzehnte die Elektronikbranche verändert?

Insgesamt betrachtet wurde die Elektronikbranche rechnerorientierter, mit einem immer größeren Augenmerk auf Embedded Computing und Prozessortechnik. Klassische Elektronikthemen, zum Beispiel Instrumentenverstärker, Signal-Rauschen von Schaltkreisen oder sonstige Schaltungstechnik nehmen weniger Raum ein. Zudem ändert sich das Bild des klassischen Elektroingenieurs – sie müssen heute vielfältigere Aufgaben wahrnehmen. Hiermit ändern sich auch die zu bearbeitenden Themengebiete.

Welche neuen Themengebiete sind das in Ihren Augen?

Viele Kunden und Ingenieure kommen auf uns zu, um CPU-Module zu bestellen, die in vielen verschiedenen Branchen und Bereichen zum Einsatz kommen. Angefangen bei Audioschaltkreisen, als Beispiel eine »Alexa« oder ähnliches zur Spracherkennung. Ingenieure müssen sich damit befassen, wie sie Sprache bestmöglich wiedergeben können, mit gleichzeitig hochwertiger Sprachaufnahme. Sie müssen zum Beispiel wissen, wie sie die besten Filter dafür entwickeln. Der Fokus eines Ingenieurs ist heute sehr produktorientiert.

Nun sind Sie mehr als 35 Jahre in der Branche aktiv. Gibt es einen Technologiesprung, den Sie für den Wichtigsten halten?

Für Keith & Koep war das ganz klar die Einführung der Arm-Technologie. Bevor das damalige Unternehmen Digital mit StrongArm auf den Markt kam, gab es außerdem bereits die RISC-Technologie, mit der wir erste Erfolge feierten. Wir nutzten RISC, um sehr erfolgreich Laser-Raster-Controller zu entwickeln. Jedoch wurde die RISC-Technik Ende der 1990er-Jahre zunächst abgeschrieben und der Trend ging hin zu x86-Prozessoren.

Das »Trizeps« System-on-Module ist eine der erfolgreichsten Erfindungen von Keith & Koep
Das »Trizeps« System-on-Module ist eine der erfolgreichsten Erfindungen von Keith & Koep.
© Seco Northern Europe

Wir setzten jedoch weiter auf Arm – mit einer Mischung aus Alpha Technologie und einem veränderten »Arm 7« hatte Digital eine CPU entwickelt, die sehr schnell und trotzdem stromsparend war und somit nicht aktiv gekühlt werden musste. Wir erkannten schnell, dass sich dieser Chip vor allem im Embedded-Umfeld durchsetzen wird. Allerdings war die Firma Digital zu der Zeit finanziell in Bedrängnis und hat die Technologie an Intel verkauft. Unser erstes Eval-Board auf Basis des Chips war sehr kompakt. Wir schickten Intel ein Bild von unserem Modul mit einem 5-DM-Stück als Größenvergleich. Das kam bei Intel sehr gut an und wir durften auf dieser Basis Konsumgeräte entwickeln. Zum Beispiel das weltweit erste Web-Pad, ein Smartphone sowie Navigationsgeräte. Zusammenfassend war die Einführung der Arm-Technologie entscheidend für den Erfolg der vergangenen 30 Jahre.

Gab es Projekte, die Ihnen besonders am Herzen lagen oder in besonderer Erinnerung geblieben sind?

Einerseits das Projekt des »SIMpad« mit Siemens – zu der Zeit weltweit das erste Web-Tablet auf dem Markt. Unsere Technik wurde sogar lizenziert und an viele namhafte Industrieunternehmen verkauft. Außerdem war das SIMpad in den Telekom- und Swisscom-Läden erhältlich.

Mit dem »SBCSOM« ist Keith & Koep in der jüngsten Vergangenheit ein absolutes Top-Produkt gelungen. Es »verheiratet« SBC und SOM
Mit dem »SBCSOM« ist Keith & Koep in der jüngsten Vergangenheit ein absolutes Top-Produkt gelungen. Es »verheiratet« SBC und SOM.
© Seco Northern Europe

Relativ zeitgleich – Ende der 90er Jahre – entwickelten wir in einem weiteren Projekt das erste Linux-Smartphone für die Firma Ericsson. Es lief bereits mit einer Java-Anwendungssoftware, man kann sagen, das war der Vorläufer des iPhones und wurde in einer Kleinserie von 100 Stück produziert. Es sollte die Entwickler beim namhaften Telekommunikationsunternehmen motivieren, in Zukunft solche Geräte auf den Markt zu bringen.

Die Technologie verändert sich rasant – künstliche Intelligenz und Connectivity als Beispiel. Gleichzeitig wird viel über Nachhaltigkeit diskutiert. Was bedeutet das für die Elektronikbranche – wie muss sie sich in den nächsten Jahrzehnten verändern, um weiter erfolgreich zu sein?

Im Augenblick stehen wir vor einem großen Wendepunkt in der Branche: Bisher haben Unternehmen viel Hardware verkauft, inklusive Betriebssystem und einer Applikation. Ab sofort reicht das jedoch nicht mehr aus, Unternehmen können nicht mehr allein Embedded-Geräte verkaufen, sondern müssen Komplettlösungen anbieten. Diese beinhalten Cloud-Services oder die direkte Anbindung an leistungsfähige Systeme, die im Background arbeiten. Ich denke, spätestens in zehn Jahren ist ein System nichts mehr wert, wenn es nicht Verbindungen zu anderen Geräten oder einer Cloud bietet. Mit Hardware allein kann man in Zukunft keine Gewinne mehr generieren, es findet sich immer ein Konkurrenzunternehmen, das vergleichbare Hardware zu einem besseren Preis bietet.

KI ist auf jeden Fall ein sehr großes Thema. Wobei sich erst einmal zeigen muss, welche Applikationen am meisten Mehrwert für die Nutzer haben. Im Moment beschäftigen sich sehr viele Entwickler mit KI, jedoch sind die Projekte insgesamt wohl immer noch in den Kinderschuhen. Es gilt, weiterhin Barrieren zu überwinden und Geräte und Produkte zu entwickeln, die sinnvoll sind und die am Markt gefragt sind. Sehr interessant sind die hervorragenden Mustererkennungsmöglichkeiten wie Sprach- und Bilderkennung. Hier gibt es vielzählige Möglichkeiten. Seco investiert verstärkt in dieses Feld und beschäftigt mittlerweile 150 Entwickler zum Thema KI.

Das »SIMpad« war das weltweit erste industrielle Web-Tablet. Es wurde von Keith & Koep zusammen mit Siemens entwickelt
Das »SIMpad« war das weltweit erste industrielle Web-Tablet. Es wurde von Keith & Koep zusammen mit Siemens entwickelt.
© Seco Northern Europe

Seit Anfang 2022 ist Keith & Koep im Seco-Konzern integriert. Wie schätzen Sie die Zukunftschancen der neuen Seco-Gruppe ein?

Der Zusammenschluss mit Seco ist sehr positiv für uns – denn ich denke, das Unternehmen ist hervorragend aufgestellt. Wir bieten auf der einen Seite modulare Systeme an, mit denen jeder Kunde seine Applikation entwickeln kann. Genauso bietet Seco komplett fertige HMIs an und liefert mit der Business Unit »Seco Mind« Services, die Hardwarekomponenten mit KI, Software und Services verbinden. So können wir direkt umfangreiche Kundenapplikationen unterstützen. Wir decken zudem den kompletten Hardwarebereich von COM-HPC über COM-Express bis hin zu Arm-basierten proprietären Modulen ab, außerdem alle wichtigen Betriebssysteme. Natürlich bleiben die bekannten Module der ehemaligen Keith & Koep weiterhin verfügbar, werden wie gewohnt in Wuppertal produziert und weiterentwickelt. Unser Entwicklungsteam ist weiterhin hier am Standort für unsere Kunden ansprechbar.

Gehen wir etwa 30 Jahre zurück. Würden Sie wieder ein Unternehmen gründen?

Ja, auf jeden Fall. Betrachtet man die heutige Elektroniklandschaft und die Komplexität, die heute vorherrscht, die Barrieren, die Anforderungen, die zu erfüllen sind, ist es für Gründer heute viel schwerer, alle Anforderungen zu erfüllen. Angefangen bei ISO-Normen bis hin zu staatlichen Auflagen. Wir haben damals einfach mit einer Hands-on-Mentalität begonnen und ganz einfach Hardware entwickelt und gefertigt.

Ohne Standards ist es heute nicht möglich, potente Kunden zu gewinnen. Somit ist es viel schwerer geworden, ein Unternehmen weiterzuentwickeln. Auf der anderen Seite gibt es heute jedoch andere Möglichkeiten der Vernetzung sowie auf technischer Ebene. Ich möchte die Startvoraussetzungen von damals und heute nicht vergleichen, ich würde aber auf jeden Fall wieder gründen.
 
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Keith.

Volker Keith war lange Jahre Geschäftsführer der Keith & Koep GmbH, die seit Anfang des Jahres unter Seco Northern Europe firmiert. Während des Studiums der Elektrotechnik gründete er zunächst die Keith & Kipp GbR, später Keith & Koep GmbH. Anfangs beschäftigte er sich mit der RISC-Technik, danach entwickelte er die ersten WebPads und Smartphones mit und ist der Erfinder des weltweit ersten Arm-SoMs. Derzeit ist Keith EVP Innovation bei Seco Northern Europe.


Das könnte Sie auch interessieren

Verwandte Artikel

Keith & Koep GmbH, SECO S.p.A.