Technische Entwicklung im Wandel

Wir werden eine Konsolidierung erleben

2. Dezember 2022, 14:00 Uhr | Von Julia Lamml
Klaus Wammes von Wammes und Partner: Technische Entwicklung im Wandel
© Wammes und Partner | WEKA FACHMEDIEN

Die Spezialisierung, die zu immer individuelleren Anwendungen und Bauteilen führt, fällt uns jetzt auf die Füße. Wir brauchen wieder mehr Generalisierung und mehr universell und besser verfügbare Komponenten, findet Klaus Wammes im Interview.

Elektronik: Inwieweit ist Elektronik entscheidend für die technische Weiterentwicklung?

Klaus Wammes: Wir kommen in der Elektronik in eine Richtung, in der sich die Weiterentwicklung immer stärker von der Materie löst. Funktionsgruppen, die relevante Funktionalitäten – zum Beispiel das erscheinende Visuelle in der Holografie – generieren, haben mit dem Stück Hardware zumindest im ersten Ansatz gar nichts mehr zu tun. Es steht die reine Funktion im Mittelpunkt, alles was sich darunter zusammenfassen lässt. Das »Hardwarelastige« hinter sich zu lassen, ist der logische nächste Schritt.

Wie lässt sich das im Zusammenhang der vergangenen 70 Jahre einordnen?

Es gibt einen Co-Jubilar, der elementar in das Thema reinpasst: das Fernsehen. Weihnachten 1952 wurde die erste große Rundfunksendung gesendet. 4000 Empfangsgeräte waren damals verkauft. Digital war zu diesem Zeitpunkt noch etwas sehr Abstraktes. Heute ist Analog der Exot. Mit dem PC hat sich dann nochmal viel verändert, durch zunehmend auf Software basierende Funktionalität.

Früher, vor 70 Jahren, lagen Grundlagen- und Anwendungsentwicklung näher beieinander als es heute der Fall ist. Ein Beispiel: Wenn man von der Fernsehröhre ausgeht, da wurden nicht lange vorher die Kathodenstrahlen entdeckt, die über Leuchtstoffe und Strahlen Informationen darstellen. Das waren also Themen, die kurz vor der Anwendungsentwicklung gerade mal in der Grundlagenentwicklung waren. Heute sind Grundlagen ganze eigene Domänen.

Welche Auswirkungen hatten diese Entwicklungen?

Die Entwicklung der Technik wurde dann nicht mehr aufgrund der reinen Technologie vorangetrieben, sondern durch das Marketing. Das war in den 80er-Jahren, da hat nicht zwangsläufig die beste Technologie am Markt gewonnen, sondern das Produkt, das am besten Marketing betrieben hat. Da wurde eine ganze neue Maschinerie aufgesetzt, die den tatsächlichen technischen Wert ein Stück weit in den Hintergrund gerückt hat.

Sehen Sie das problematisch?

Ja und nein. Marketing hat seine Berechtigung, aber immer dann, wenn etwas zu viel Gewicht bekommt, ist es nicht mehr so gut. Das ist wie mit dem Zucker im Kaffee.

Was hat sich in Bezug auf die Rohstoffe bei der Komponentenentwicklung verändert?

Zum einen hat der Markt immer wieder neue Rohstoffe und neue Komponentenarten erfordert. Aber es gab noch eine weitere Entwicklung, die uns aktuell etwas zwickt: Früher gab es nicht nur weniger Rohstoff-, sondern auch weniger Bauteilarten. Und nach einigen Jahren fand die Spezialisierung auf die Anwendung statt: Der generalistische wurde zum individualisierten Ansatz. Heute gibt es vorprogrammierte Teile, die sich nur noch für eine sehr spezifische Anwendung nutzen lassen. Das fällt uns aktuell auf die Füße. Denn individualisierte Teile, die wir gerade jetzt bräuchten, sind in Vielfalt, Qualität und Menge nicht mehr so verfügbar, wie wir es bisher gewohnt waren. Die Produktion wurde preislich optimiert, die Teile bislang »just in time« hergestellt.

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Wohin führt das?

Ich glaube, dass sich das Thema ein Stück weit harmonisieren wird. Wir werden eine Konsolidierung erleben, die dahinführt, dass Baugruppen sich wieder generalistischer nutzen lassen. Auch weil man damit systemisch gesehen sparen kann – Geld, Ressourcen und Risiko.
Das hat schon bei den Displays angefangen: Noch vor ein paar Jahren gab es viele verschiedene Hersteller und jeder hatte sein eigenes Portfolio und seine eigene Philosophie. Mittlerweile hat sich das stark reduziert: Es gibt weniger Linieneigentümer, also Eigentümer der eigentlichen Produktionslinien – das ist etwas völlig anderes als die Markennamen, unter denen die Displays verkauft werden. Noch immer gibt es viele Trends, aber ob die Unternehmen alles noch selbst herstellen, steht auf einem anderen Blatt.

Und es gibt eine weitere Strömung innerhalb der vergangenen 70 Jahre, die für die Technik und speziell für die Elektronik eine große Rolle spielt: die Entwicklung der Medizin. Gleiches gilt für alle anderen Applikationen, die die Mensch-Maschine-Schnittstelle (Human Machine Interface, HMI), in den Mittelpunkt stellen, von der Consumer-Elektronik bis zu Militäranwendungen.

Es geht auch um ethische Verantwortung.Wie wird man dieser Verantwortung aktuell gerecht?

Das ist eines der ganz großen Themen, die sich auch nicht generalisieren lassen. Die Entwicklung der Technik, der Elektronik im Speziellen, ist schon immer ambivalent. Aber zwischen den zwei Polen gibt es ganz viele Schichten. Setzt man beispielsweise neue Materialien ein, ist das wie bei neu entwickelten Medikamenten: Die wirken erstmal gut, deswegen werden sie eingesetzt. Und irgendwann findet man heraus, dass es auch Nebenwirkungen gibt.

Ein Beispiel ist die aktuelle Diskussion zum Thema Polyfluoralkylstoffe (PFAS). Laut EU-Verordnung sollen diese gebannt werden, wobei allerdings keiner so genau weiß, wie viele verschiedene Sorten es gibt, und in welchen Produkten sie enthalten sind. Das Thema nimmt aktuell massiv an Fahrt auf. Das gab es aber früher auch schon, zum Beispiel bei Selen oder Blei.

Ist es heute nicht leichter, potenzielle negative Auswirkungen schon vorher zu eruieren und Materialien auszuschließen?

Ich glaube, es ist sogar schwieriger. Früher war die Menge für die Kombinatorik kleiner. Es wird immer schwieriger, diese Dinge zu kontrollieren, weil die Möglichkeiten exponentiell wachsen. Und die Grenzen zwischen Schwarz und Weiß werden immer mehr zu Grau. Natur und Menschen sollen auf der einen Seite unbedingt geschützt werden, auf der anderen Seite braucht man aber »Enabler« – Möglichmacher und Helfer für neue Herausforderungen. Und wie schon erwähnt, die Kombinationsmöglichkeiten explodieren.

Macht Ihnen das Angst?

Angst ist das falsche Wort. Es flößt mir eher Respekt ein. Zum einen lässt sich diese Entwicklung nicht aufhalten. Sie ist Teil der Evolution. Die Frage ist aber, wie man damit umgeht. Es ist meiner Meinung nach ein Kreisprozess – einerseits macht man sich abhängig, andererseits entstehen nur so innovative Lösungen.


  1. Wir werden eine Konsolidierung erleben
  2. In den letzten 70 Jahren gab es auch einen Wandel in der Wertschöpfungskette.

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