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Betroffen sind immer mehr Materialien

Kunststoffe so knapp wie ICs

11. Mai 2021, 08:10 Uhr   |  Corinna Puhlmann-Hespen, Karin Zühlke

Kunststoffe so knapp wie ICs
© Phoenix Contact

Markus Brentano, Vice President Purchase von Phoenix Contact, sieht beim Versorgungsengpass mit technischen Kunststoffen viele Parallelen zur Chip-Knappheit.

Das zweite Quartal hat es in sich! »Für die Industrie geht es nicht mehr darum, Lagerbestand zu füllen, sondern überhaupt lieferfähig zu bleiben«, betont Markus Brentano, Vice President Corporate Purchase von Phoenix Contact.

Nicht nur der Chip-Mangel trifft die Elektronikindustrie hart, sondern in zunehmendem Maße der Engpass bei den technischen Kunststoffen. Als Vice President Corporate Purchase verantwortet Markus Brentano den Einkauf von Phoenix Contact. »Eine Knappheit wie derzeit habe ich in dieser Ausprägung noch nicht erlebt«, berichtet er.  Die Lager sind leer und betroffen sind immer mehr Vormaterialien. Das ist auch der große Unterschied zum letzten Engpass in der Kunststoffversorgung 2018/2019.

Zu spüren bekommen den "Flaschenhals Kunststoff" zum Beispiel die Hersteller von Steckverbindern, Gehäusen, Kabeln und Relais. Aber auch andere Bauelemente sind betroffen, etwa Quarze und Oszillatoren. Christian Dunger, Vorstandsvorsitzender der WDI AG, beschreibt die Situation am Markt für Quarze und Oszillatoren wie folgt: »Die Kunststoffgehäuse sind knapp, weil die Hersteller von Corona-Tests große Mengen an Kunststoff-Pellets einkaufen, die dann woanders fehlen. Alle arbeiten am Rande des Wahnsinns.«

Knappheit bei den Rohstoffe hat die Elektronikindustrie mehrfach erlebt – und dennoch ist die Situation neu. Einen Vergleich zu 2009 wollen einige Experten erst gar nicht ziehen, weil das Ausmaß ein völlig anderes sei.

»Beim Engpass der technischen Kunststoffe gibt es Parallelen zur Chip-Knappheit«, erklärt Markus Brentano. Obendrauf kommen neben Corona-bedingten Ursachen und der Blockade im Suezkanal noch eine Verkettung weiterer ungünstiger Umstände. Bis heute wirkt sich zum Beispiel der extreme Frost im Februar in Texas auf die Lieferkette aus. Aufgrund des Unwetters konnte das dort ansässige Produktionscluster für chemische Inhaltsstoffe für Kunststoffe nur eingeschränkt oder gar nicht produzieren.

Mit einer deutlichen Entspannung der Situation rechnet Brentano erst ab 2022. Die Hoffnung besteht vorerst darin, dass die Industrie im dritten Quartal 2021 damit beginnen kann, wieder einen Sicherheitslagerbestand aufzubauen. Davor gilt es, die Situation in enger Absprache mit Lieferanten, der eigenen Value Chain und den Kunden bestmöglich zu überbrücken.

Und vor dieser Aufgabe steht die gesamte Elektronikindustrie, von den Bauelemente-Herstellern bis hin zu den Elektronik-Dienstleistern, bei denen das Thema ebenfalls akutell wird.

Katek, eines der großen EMS-Unternehmen in Europa, fertigt für seine Kunden komplette Endgeräte (Box-Build) inklusive Kunststoffgehäuse. Derzeit sind die Lieferketten bei Katek von »einer Knappheit noch nicht akut betroffen aufgrund langfristiger Absicherungen bei den Rohmaterialien«, berichtet Rainer Koppitz, CEO der Katek Group, auf Nachfrage von Markt&Technik. »Vereinzelt gibt es aber Lieferengpässe und angespannte Lagen, bei welchen wir nicht die vollen bestellten Mengen erhalten. Aber das ist alles noch im Rahmen und ohne Produktionsstopp oder wirtschaftliche Nachteile«, erklärt er. Wichtig: »Zu jedem einzelnen Case gibt es ein enges Monitoring«, damit das Unternehmen Lösungen mit seinen Lieferanten und Kunden erarbeiten kann, um Kundenbedürfnisse zu erfüllen.

Bei Zollner Elektronik sieht die Situation wie folgt aus: »Wir merken, dass die Marktsituation immer angespannter wird«, beschreibt ein Sprecher des Unternehmens. Zollner kauft Kunststoffteile zu. Daher ist man im Unternehmen damit konfrontiert, dass »Lieferanten zunehmend Lieferschwierigkeiten haben und es zu Verzögerungen kommt«. Bislang sei es Zollner aber gelungen, aufgrund des breiten Lieferanten-Netzwerks Lösungen zu finden, wodurch sich die Auswirkungen bislang in Grenzen halten. Die weitere Entwicklung abzuschätzen, sei schwierig.

Auch Susanne Gujber, Leitung Einkauf bei BMK, bestätigt: »Wir spüren die allgemeine Rohstoffknappheit.« Diese führt Gujber auch auf den hohen Bedarf an Kunststoffen bei Covid-Schnelltests und Spritzen für die Impfungen zurück. Konkret beobachtet sie: »Aktuell kommen die Allokationsmeldungen vor allem von den Herstellern von Steckverbindern und Relais, die zumindest für bestimmte Kunststoffgranulate keinen Nachschub mehr bekommen und damit bereits bestätigte Lieferungen gefährdet sehen.« 

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