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Interview mit Rainer Koppitz, Katek

»Wollen 2021 die halbe Milliarde Umsatz knacken«

Rainer Koppitz, Katek Group
Rainer Koppitz, Katek: "Im Aprilv 2020 ging das Volumen in der Folge um 25 Prozent nach unten. Wir verzeichneten aber eine sehr starke V-förmige Erholung und hatten in den Herbstmonaten September, Oktober, November die stärksten Monate überhaupt. Wir sind demnach im letzten Jahr um 59 Prozent im Umsatz gewachsen und werden bei etwas mehr als 400 Millionen Euro Umsatz liegen."
© Katek Group

Mit Zukäufen und organischem Wachstum hat Katek 2020 knapp 60 Prozent zugelegt und ist in die Riege der Top-10-EMS in Europa aufgestiegen. Geht es nach CEO Rainer Koppitz, könnte Katek weiter kräftig zulegen, wäre da nicht ein Damoklesschwert, das der ganzen Industrie Kopfzerbrechen bereitet.

Markt&Technik: Katek hat im September 2020 ein Umsatzwachstum von mehr als 40 Prozent bekannt gegeben für das bis dahin laufende Jahr. Das Wachstum wurde stark von den Zukäufen getragen. Die jüngste Übernahme der Leesys war da aber noch gar nicht berücksichtigt. Wie schaut die Bilanz fürs letzte Jahr final aus?

Rainer Koppitz: Das sieht in Summe sogar noch besser aus als im September gemeldet! Aber der Reihe nach: Wir sind ins letzte Jahr sehr gut gestartet, hatten ein sehr gutes Q1 und dann kam wie überall der Corona-Schock. Im April ging das Volumen in der Folge um 25 Prozent nach unten. Wir verzeichneten aber eine sehr starke V-förmige Erholung und hatten in den Herbstmonaten September, Oktober, November die stärksten Monate überhaupt. Wir sind demnach im letzten Jahr um 59 Prozent im Umsatz gewachsen und werden bei etwas mehr als 400 Millionen Euro Umsatz liegen. Die eine Hälfte des Wachstums war rein organisch, die andere Hälfte ist der Zugewinn aus Töchtern, die neu konsolidiert wurden.

Chapeau! Das ist äußerst beachtlich.

Wir sind sehr stolz, dass wir das geschafft haben, vor allem auf unser Team aus jetzt über 2600 Elektronik-Experten, das das alles realisiert hat unter den Bedingungen des Corona-Managements, inklusive Kurzarbeit und 60 bis 70 Prozent neuer Mitarbeiter, die für das Wachstum an einigen Standorten kurzfristig eingestellt wurden.

In dieser Bilanz ist die Leesys aber noch nicht enthalten?

Korrekt. Wir hatten ja erst einen Tag vor Weihnachten den Vertragsabschluss beim Notar. Am 1. 2. 2021 war das Closing. Die Leesys kommt also dieses Jahr in der Bilanz hinzu.

Sie wollen in die Top 10, haben Sie in unserem letzten Interview erklärt. Wo rangieren Sie nach der Leesys-Übernahme jetzt im EMS-Ranking in Europa?

In Deutschland sind wir nach unseren Zahlen die Nummer 2. Auf EU-Ebene müssten wir aktuell nach unserer Auswertung auf Platz 6 liegen, kommend von Platz 18. Zwölf Plätze in einem Jahr, das gab es in unserer eher traditionellen Industrie noch nie! Unser Ziel ist natürlich die Top 5. Aber unsere Strategie ist nicht Wachstum um jeden Preis.

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Rainer Koppitz, Katek: »Halbleiterkompetenz ist ein so wichtiges Thema für die Zukunft – und das nicht nur im Sinne von „Lösungen entwickeln“, sondern auch im Hinblick auf deren Fertigung – dass man es sich in Europa nicht leisten kann, einfach nur daneben zu stehen und zuzuschauen.«
© Katek

Wo haben Sie inzwischen den Footprint durch Übernahmen konkret erweitert?

Seit Januar 2019 haben wir sieben Akquisitionen getätigt, inklusive Leesys. Wir sind stark gewachsen durch die Elektronik-Tochter des Automobilzulieferers Huf und sind der komplette Elektronik-Lieferant für die Huf-Gruppe in Europa: Aus unserem Werk in Düsseldorf kommt die Elektronik für die Türschlosssysteme z.B. für Daimler weltweit. Eine weitere Übernahme war eine Tochter von Siemens Kaco für unseren Solarbereich. Dabei haben wir eine Wechselrichter-Generation inklusive einem sehr versierten Entwicklungsteam, SW und HW, in Konstanz dazugewinnen können. Dabei handelte es sich um einen strategischen Zukauf zur Abrundung von Kompetenzen.

Der jüngste Zugang ist, wie Sie schon angesprochen haben, die Leesys mit drei Standorten: das große Werk in Leipzig, dort werden komplette Systeme inklusive Kunststoffspritzguss hergestellt, hinzu kommen die beiden Leesys-Töchter in Litauen und deren zweite Tochter, die Telealarm in der Schweiz. Telealarm ist Marktführer in Deutschland und den Niederlanden für Notruf-Care-Systeme für Senioren zu Hause und Nurse-Call-Systeme für Krankenhäuser. Von Telealarm kommen sowohl die Software als auch die Hardware und unterstützende Cloud-Systeme zur Admin des Parks. Die Systeme werden zum Beispiel vom Roten Kreuz und Johannitern in mehreren Ländern eingesetzt. Hier wollen wir jetzt Gas geben und weitere Märkte erobern!

Leesys war im vergangenen Jahr ins Straucheln geraten. Warum war das Unternehmen für Sie dennoch so interessant, dass sie es gekauft haben?

Leesys hatte die Schwäche der Automotive-Industrie in Probleme gebracht, speziell ein Großkunde, aber der Standort ist es wirklich wert, gerettet zu werden. Wir haben Leesys nicht gekauft, um Volumen hinzuzugewinnen, sondern uns hat vor allem interessiert, dass Leesys viel Know-how und sehr spannende Kunden hat, z.B. einen der Marktführer im Bereich öffentliche Ladeinfrastruktur für Elektroautos. Mit diesen Kunden streben wir eine enge Partnerschaft an.

Übernahmen sind also Teil Ihrer Strategie?

Wir sind in Deutschland der einzige größere Elektronikdienstleister, der sich aktiv an der Konsolidierung beteiligt. In Europa insgesamt sieht es dann wieder anders aus. Die anderen starken Elektronikdienstleister in Deutschland haben das Thema anorganisches Wachstum in ihrer DNA nicht groß verankert. Das ist eigentlich schade für den Markt, denn die Kunden hätten gerne weniger Anbieter, die dafür stabiler und größer sind. Um unsere Industrie weiter zu stärken und dem gehobenen Mittelstand in Deutschland und Europa Elektronik-Partner zu bieten, die im internationalen Wettbewerb bestehen können, bräuchte es noch mehr Konsolidierung.

Wie sieht Ihr weltweiter Footprint aktuell aus?

Wir verfügen derzeit über zehn Standorte in Deutschland. Neben größeren Standorten in Memmingen, Grassau, Düsseldorf, Mauerstetten und Leipzig sind das die Prototypen-Center von beflex in Frickenhausen, München, Witten, Hamburg und demnächst auch in Leipzig auf dem Gelände der Leesys. In Osteuropa sind wir mit vier Standorten in Litauen, Tschechien, Ungarn und Bulgarien präsent. Bulgarien ist unser Leitstandort in Osteuropa.

Darüber hinaus haben wir eine Gesellschaft in Singapur gegründet. Die wird schwerpunktmäßig dafür zuständig sein, Prototyping-Aufträge in der Region zu gewinnen und den asiatischen Einkauf zu koordinieren. Zusätzlich werden wir eine kleine, aber feine Fertigung in Malaysia bauen, die hauptsächlich Kleinserien und Prototyping fertigt. Die Fertigstellung ist für den Sommer geplant.

Gibt es für Malaysia schon einen Kunden?

Ja, den gibt es. Dabei handelt es sich um ein Medizintechnik-Unternehmen. Wir werden den Standort auch speziell nach Medizintechnik-Anforderungen zertifizieren lassen.

In der Anfangsphase ging es intensiv darum, schnell an Größe zu gewinnen. Warum?

Es zieht sehr große Vorteile nach sich, wenn Sie beim Einkauf bessere Konditionen bekommen. Die großen Distributoren und Hersteller wollen inzwischen alle mit uns zusammenarbeiten. Das ist eine sehr gute Dynamik.

Und wir haben die Visibilität bei den großen und interessanten Kunden. Wenn heute ein großer und namhafter Kunde eruiert, mit wem er zum Thema Elektronik zusammenarbeiten will, kommt er an uns nicht vorbei. Wir sind immer automatisch auf der Long List. Wir sind jetzt in die Phase getreten, in der wir uns sehr selektiv um die Themenabrundung kümmern, sei es im Bereich Software-Know-how, IP oder spannende Kunden, wie etwa durch die vorher genannte Telealarm, die mit ihren Lösungen und Kunden genau in den Megatrend der Aging Society passt.

Dergleichen Beispiele gibt es noch mehr: Wir haben im Herbst 2019 die eSystems gekauft, die sehr erfolgreich ist beim Thema Charging-Technologie für die E-Mobilität. Wir liefern die Software und Hardware für die intelligenten Charger für den besten Elektrosportwagen der Welt – der übrigens aus Deutschland kommt. Die gleichen Charger kommen jetzt auch in viele weitere Modelle desselben Konzerns. eSystems ist eine unser schnellst wachsenden Töchter. Sie ist von 7 Millionen 2019 auf jetzt über 30 Millionen Euro Umsatz gewachsen und wird dieses Jahr sicher noch einmal um 50 Prozent zulegen.

Das dritte Beispiel ist der Solarbereich, den wir in Memmingen und Bulgarien abdecken. Die Leistungselektronik bei den führenden Herstellern dieser Systeme kommt komplett von uns. Software- und Hardwareentwicklung, die Fertigung, alles. Auf derartige Themen, die auf unserem breiten und tiefen Elektronik-Know-how gründen, setzen wir zunehmend. Ziel ist immer, möglichst viele Felder in der Elektronik-Wertschöpfungskette abzudecken, die von Software/Hardware-Entwicklung, Rapid Prototyping, Material Management, Elektronikfertigung, Testing, Bau von Komplettsystemen über die Logistik bis zum Aftersales-Service reicht. Je mehr Felder wir abdecken, desto besser für den Kunden, da wir die Verantwortung übernehmen und er ein „Rundum-sorglos-Paket“ bekommt.


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