Das neue Lieferkettengesetz

Gut gemeint – aber viel zu bürokratisch?

5. April 2022, 10:30 Uhr | Karin Zühlke

Fortsetzung des Artikels von Teil 1

»Im Rahmen der Nachhaltigkeitsinitiative berücksichtigt«

Wie reagieren Unternehmen der Elektronik-Industrie konkret auf die Anforderungen? Avnet EMEA beispielsweise ist mit seinen Speedboats als Distributor in erster Linie Inverkehrbringer von elektronischen Bauelementen bis hin zu Modulen und Subsystemen. Die Zulieferketten sind daher entsprechend komplex. Der Konzern hat demzufolge nach den Worten seines Vice President & Counsel Maik Rollwage bereits frühzeitig angefangen, sich mit dem deutschen Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz und insgesamt damit zu beschäftigen, »welche Auswirkungen es auf uns als Avnet hat und welche Punkte wir bei der Umsetzung speziell zu berücksichtigen haben; mittlerweile ist auch der erste Vorschlag der Europäischen Kommission für eine Richtlinie zu unternehmerischen Sorgfaltspflichten veröffentlicht worden, was in der Folge sicherlich ein höheres Maß an Flexibilität in Bezug auf die Umsetzung im Einzelnen erfordert, um später auch als Unternehmen hierfür gerüstet zu sein.« Als Konsequenz hat Avnet EMEA ein entsprechendes Projektteam eingesetzt. In der Zwischenzeit wurden weitere Abteilungen einbezogen, um das Projekt auf eine breitere Basis zu stellen und hierdurch eine rechtskonforme und für Avnet praktikablere Umsetzung zu erreichen. »Insofern gehen wir das Thema proaktiv an; so wurden einige unserer Hersteller auf dieses Thema angesprochen mit dem Ziel, eventuelle Gemeinsamkeiten und Standards zu entdecken und diese vielleicht weiterentwickeln zu können«, so Rollwage weiter.

Die TQ-Group beschäftigt über 1000 Mitarbeiter und ist zum einen als Elektronik-Dienstleister tätig, zum anderen selbst Hersteller, u. a. von Embedded-Modulen und Systemen sowie Motoren und Antriebssystemen. Dort hat man die Anforderungen des deutschen Lieferkettengesetzes bereits im Rahmen der Nachhaltigkeitsinitiative berücksichtigt, erklärt Geschäftsführer Rüdiger Stahl: »Ein umfangreicher Aktionsplan mit 41 Einzelmaßnahmen wurde dazu im Februar 2022 auf Geschäftsleitungsebene verabschiedet. Diese Maßnahmen reichen von einer allgemeinen Bewusstseinsschulung zur Nachhaltigkeit für unsere Mitarbeiter über die Auswahl von Bauteilen ohne SVHC-Stoffe – also besonders besorgniserregende Stoffe – bis hin zu einer konsequenten Lieferantenselbstauskunft in Bezug auf soziale, ethische und umweltbezogene Aspekte sowie der Nutzung von Rohstoffen mit reduziertem CO2-Fußabdruck.« Weitere wesentliche Aspekte, z. B. zu Ausfuhrkontrollen anhand einschlägiger Rechtsnormen, zur Einhaltung der Menschenrechte und Verbesserung des Klimaschutzes sowie zum Umgang mit Konfliktmineralien oder der Anwendung einheitlicher Standards über die gesamte Lieferkette hinweg, sind zudem im Code of Conduct von TQ verankert. »Dieser muss von jedem Lieferanten unterzeichnet werden und bildet somit die Geschäftsgrundlage zwischen der TQ und ihren Lieferanten«, fasst Stahl zusammen.

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Rüdiger Stahl, TQ-Group
© TQ-Group

Auch Firmen, die von Gesetzes wegen zumindest nach derzeitigem Stand nicht oder als Lieferant nur indirekt betroffen wären, haben das Thema auf der Agenda. Dazu beispielhaft der Online-Distributor Distrelec mit 400 Mitarbeitern: »Uns beschäftigt das Thema Nachhaltigkeit mit allen Facetten. Wir nehmen derzeit unsere Lieferkette sowohl unter Umwelt- als auch unter ethischen und sozialen Gesichtspunkten unter die Lupe. Wir sind dabei, verschiedene Audits aufzusetzen, auch für unsere Vorlieferanten. Damit wollen wir sichergehen, dass es nicht nur schöne Worte sind, die wir von unseren Lieferanten hören, sondern dass wir dies auch mit Fakten untermauern können«, erklärt CEO Holger Ruban.

»Differenzierungsmerkmal in Bezug auf Compliance«

Insgesamt besteht in der Elektronik-Branche im Großen und Ganzen ein starkes Interesse daran, dass die Lieferketten ethischen Gesichtspunkten genügen und umweltkonform sind. »Es ist wichtig, dass in diesem Bereich etwas getan wird«, meint auch Rüdiger Stahl. »Wichtig ist aber auch, dass sich der bürokratische Aufwand zur Nachverfolgung in einem machbaren Bereich bewegt.« Für Firmen wie TQ, die mit niedrigeren Stückzahlen, aber mit bis zu 200.000 verschiedenen Artikeln eine sehr hohe Materialvielfalt haben, muss der Aufwand zur Nachverfolgung realisierbar bleiben. »Wenn zum Beispiel große Konzerne wie Apple, die Consumer-Produkte mit Stückzahlen in Millionenhöhe produzieren und nur wenige verschiedene Produkte prüfen müssen, den gleichen Aufwand bei der Nachverfolgung pro Artikel haben wie wir als TQ, die einzelne Produkte auch in Stückzahlen von nur 100 pro Jahr produzieren, dann steht dies in keinem Verhältnis«, gibt Stahl zu bedenken.

Problematisch findet Stahl, worauf auch bereits von einigen Verbänden hingewiesen wurde: Und zwar dass die Anforderungen des deutschen Lieferkettengesetzes nicht 1:1 auf die sich derzeit in Finalisierung befindlichen EU-Regeln abgestimmt sind, was die praktische Umsetzung sowie Durchsetzung des Gesetzes für mittelständische Unternehmen wie TQ erschwert. Eine zusätzliche Herausforderung stellen dabei laut Stahl die zahlreichen bürokratischen Hürden, beispielsweise die Whistleblower-Richtlinie auf EU- bzw. das Hinweisgebergesetz auf deutscher Ebene, der genannten gesetzlichen Regelungen dar, die nach Ansicht von TQ kaum zu einer wirklichen Verbesserung der Nachhaltigkeit auf internationaler Ebene beitragen. »Letztere ist uns eine Herzensangelegenheit, weswegen wir versuchen, die neuen Anforderungen so umzusetzen, dass es am Ende zu einer echten Verbesserung für Mensch und Umwelt führt, ganz egal in welchen Ländern und Regionen unsere Zulieferer ihr Geschäft betreiben«, bekundet Stahl.

Einen hohen administrativen Aufwand und somit eine Herausforderung angesichts der hohen Zahl an Lieferanten sieht auch Maik Rollwage von Avnet auf das Unternehmen zukommen. »Aber bei einer engen Zusammenarbeit mit den Lieferanten sind wir überzeugt davon, dass dieses Gesetz zugunsten transparenter Lieferketten zum einen gut und wichtig für die einzelnen Mitarbeiter in der Lieferkette ist, als auch ein Differenzierungsmerkmal in Bezug auf eine gute und erfolgreiche Compliance im Wettbewerb sein wird«, fasst der Rechtsexperte von Avnet zusammen.


  1. Gut gemeint – aber viel zu bürokratisch?
  2. »Im Rahmen der Nachhaltigkeitsinitiative berücksichtigt«

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