Autonomes Fahren

Umsatz um jeden Preis – zu Lasten der Sicherheit?

4. Februar 2022, 9:42 Uhr | Heinz Arnold
Tesla
Über einen Over-the-Air-Software-Download will Tesla schon bald alle seine Fahrzeuge – im Bild der Innenraum eines Model 3 – für autonomes Fahren freischalten. Fahrzeugbesitzer könnten dann laut Tesla Fahrservices anbieten, die den Gast billiger kämen als subventionierte Bus-Tickets.
© Tesla

Die Hersteller autonom fahrender Autos wähnen sich schon auf der Zielgeraden: Wer wird als erste Geld mit der neue Technik verdienen? Rechtliche Regulierungen hinken hinterher.

Vor wenigen Tagen hatte Cruise bekannt gegeben, das SoftBank noch einmal 1,35 Mrd. Dollar investieren will, um Cruise zu erlauben, seine Rob-Taxi-Technik auf den Markt zu bringen, wie Reuters berichtet. Damit sich Cruise aber im Raum um San Francisco Geld für Fahrten ohne Fahrer nehmen darf, muss die Utilities Commission von Kalifornien dazu die Genehmigung erteilen. 

Cruise (General Motors), Tesla, Waymo (Alphabet) und Aurora Innovation sind nur einige aus einer Vielzahl von Unternehmen, die über die nächsten zwei bis drei Jahre voll autonom fahrende Autos ausrollen wollen – ob die Behörden bis dahin ein rechtliches Rahmenwerk dazu erstellt haben oder nicht. Denn die Unternehmen stehen unter Druck: Sie müssen endlich Umsatz generieren, nachdem über die vergangenen zehn Jahre Milliarden von Dollar in die Entwicklung der neuen Technik geflossen sind. 

In einigen Saaten dürfen Rob-Taxis fahrerlos fahren

Eigentlich sollte in den USA ein nationales Rahmengesetz verabschiedet werde, das die Regeln für das autonome Fahren festlegen sollte. Derzeit steckt es aber trotz umfangreicher Lobby-Tätigkeit der Autonomous-Vehicle-Industrie (AV) im Kongress fest. Das hat, wie Reuters berichtet, den Herstellern autonomer Autos einen Freiraum eröffnet, Robo-Taxis und selbstfahrende Lastwagen in einigen Staaten der USA wie Texas und Arizona auf die Straße zu bringen. Waymo hat in Phoenix schon tausende Fahrten ohne Fahrer durchgeführt, auch wenn der Service derzeit sehr beschränkt bleibt. 

»Für gesetzliche Leitplanken auf der Bundesebene zu sorgen, wäre sehr hilfreich«, erklärt Chris Urmson, CEO von Aurora Innovation. »Heute gibt es unterschiedliche gesetzliche Vorschriften über alle 50 Staaten.« 

Jobkiller oder Entlastung für die Lieferkette?

Aurora testet seine Lastwagen gerade Kalifornien, darf sie dort aber ohne einen menschlichen Fahrer nicht betreiben. Damit bleibt Aurora das große Marktpotenzial für fahrerlose Trucks, die Waren von Kalifornien in die Verteilzenten im Osten des Landes transportieren, vorerst verschlossen. Laut Urmson wäre es aber wegen der Knappheit an menschlichen Lastwagenfahrern dringend erforderlich, die autonomen Lastwagen auf die Straße zu bringen. 

Ariel Wolf, Lobbyist der AV-Industrie, erklärte vergangen Dienstag vor einem Ausschuss des Repräsentantenhauses, dass autonome Trucks nicht zu Massenentlassungen führend würden. Sie würden vielmehr den Fahrern erlauben, öfter die Nacht im eigenen Bett statt in den Kabinen der Trucks zu verbringen.  

Das sieht John Samuelson, Präsident der Transportarbeitergewerkschaft (Transport Workers Union) ganz anders: »Hunderttausende von Arbeitsplätzen sehen auf dem Spiel, wenn der Kongress die AV-Industrie unreguliert lässt.« Gewerkschaften und Rechtsanwälte verlangen außerdem, dass die Hersteller autonomer Fahrzeuge mehr Daten über Unfälle und ihre Systeme insgesamt herausgeben müssten. »Jeder Arbeiter hat das Recht zu wissen, dass die autonomes Fahrzeug und die Bots sicher genug sind, um mit ihnen gleichzeitig die Straßen oder die Werkshallen teilen zu können«, sagt Doug Bloch politischer Direktor von Teamsters, der amerikanischen Gewerkschaft der Transportarbeiter, der größten Einzelgewerkschaft in den USA.  

Weil es derzeit keine neuen Gesetze für autonome Fahrzeuge in den USA gibt, hat die National Highway Traffic Safety Administration (NHTSA) freiwillige Richtlinien auf den Weg gebracht. Außerdem sind die Hersteller autonomer Fahrzeuge aufgefordert, Berichte über sämtliche Unfälle zu erstellen, in denen autonome Fahrzeuge verwickelt sind. 

Standards für autonome Fahrzeuge und Trucks hat die Behörde aber bisher nicht herausgegeben. Während die Federal Aviation Administration der USA das Recht besitzt, neue Technologien prüfen zu dürfen, bevor sie in Flugzeugen zum Einsatz kommen, dürfen die Hersteller von Motorfahrzeugen neue Technologien selbst zertifizieren und für sicher erklären. Erst wenn sich neue Technologien als gefährlich herausgestellt haben, kann die NHTSA einschreiten.

Elon Musk
Elon Musk, CEO von Tesla: »Ich wäre geschockt, wenn wir nicht noch in diesem Jahr ein System für vollautonomes Fahren anbieten können, das die Autos sicherer fährt als Menschen es könnten.«  
© Patrick Pleul | dpa-Bildfunk

Die NHTSA befasst sich eingehend mit Tesla
 
Über die vergangenen Jahre hat sich die NHTSA immer eingehender mit dem autonomen System von Tesla befasst. So hat die Behörde gerade bekannt gegeben, dass Tesla ihr automatisches Fahrersystem so abändern muss, dass die Fahrzeuge nicht mit niedriger Geschwindigkeit über Stop-Schilder fahren dürfen, sondern zum Stehen kommen müssen. Die sogenannten »Rolling Stops« gelten jetzt als illegal. 

Auch dass Tesla die Möglichkeit bietet, Videos auf den Displays im Armaturenbrett anzuschauen, hält die NHTSA für bedenklich und hat im vergangenen Dezember eine nähere Untersuchung gestartet. Zudem werden die Autopilot Driver Assistance Systems in 765.000 Fahrzeugen geprüft, nachdem einige Fahrzeuge von Tesla mit Rettungsfahrzeugen zusammengestoßen sind. 

Tesla: Autonomes Fahren wird demnächst Wirklichkeit 

Dennoch erwähnte Elon Musk, CEO von Tesla, regulatorische Bedenken mit keinem Wort, als er in einem Investorengespräch am 26. Januar ankündigte, dass Tesla schon bald über einen Over-the-Air-Software-Download für autonomes Fahren freischalten würde. Diese Fahrzeuge stünden dann zur Verfügung, um fahrerlose Mitfahrservices anbieten zu können. 

»Ich wäre geschockt, wenn wir nicht noch in diesem Jahr ein System für vollautonomes Fahren anbieten können, das die Autos sicherer fährt als Menschen es könnten«, so Musk. Sobald die Downloads erfolgt seien, könnten die Fahrzeugbesitzer Fahrservices anbieten, die den Gast billiger kämen als subventionierte Bus-Tickets. 

David Harkey, President des Insurance Institute for Highway Safety (IIHS), sieht einen Ausweg darin, eine freiwillige Einigung auf Standards anzustreben, woran sich die IIHS beteiligen werde. Auf dem Gebiet des autonomen Fahrens dürfe nicht der Wilde Westen herrschen. Die IHS ist eine Forschungsorganisation für die Fahrzeugsicherheit, die von der Versicherungswirtschaft unterstützt wird. 


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