Schwerpunkte

Sebastian Seutter, Microsoft

»Beim Industrial IoT steht am Ende immer noch der Kunde«

10. Dezember 2020, 14:00 Uhr   |  Ralf Higgelke

»Beim Industrial IoT steht am Ende immer noch der Kunde«
© Microsoft

Sebastian Seutter ist für Microsoft in Deutschland als Senior Industry Executive Manufacturing für die Geschäftsentwicklung im Bereich Industry 4.0 für die verarbeitende Industrie zuständig.

Microsoft ist schon lange im Bereich Industrial IoT unterwegs. Sebastian Seutter ist in Deutschland für die Geschäftsentwicklung im Bereich Industrie 4.0 für das verarbeitende Gewerbe zuständig, und wir sprachen mit ihm unter anderem darüber, was das IIoT vom IoT voneinander unterscheidet.

DESIGN&ELEKTRONIK: Microsoft ist uns allen aus dem Consumer-Bereich gut bekannt. Was treibt Microsoft an, sich mit dem Industrial Internet of Things zu befassen?

Sebastian Seutter: Ein wesentliches Standbein von Microsoft ist die Unternehmenssoftware. Also egal, ob Unternehmen unser Office-Paket nutzen, unsere ERP-Software Dynamics oder die Azure-Cloud – weltweit setzen kleine wie große Unternehmen auf unsere Softwareprodukte.

Mittlerweile geht das schon so weit, dass wir am Kapitalmarkt erklären müssen, wie wir Unternehmen branchen- und sogar unternehmensspezifisch nach vorn bringen können. Kein Investor lässt sich mehr damit hinterm Ofen hervorlocken, wenn Microsoft sagen würde: »Wir haben eine neue Office-Version, und die kann sowohl die Würstchenbude an der Ecke wie auch das Stahlwerk verwenden«. Es geht immer mehr darum, ganz spezifische Wertschöpfungsketten mit den Softwareprodukten abzubilden und Unternehmen in ihren Geschäftsmodellen abzuholen.

Auch wenn das Consumer-Geschäft bei uns gerade wirklich gut läuft und wir uns über die Ergebnisse bei Surface, X-Box und Co. freuen, liegt der Schwerpunkt von Microsoft weiterhin auf der Unternehmenssoftware. Und das bedingt auch, dass wir uns mit dem Industrial IoT befassen.

DESIGN&ELEKTRONIK: Aber es gibt doch schon seit vielen Jahren große Softwarepakete, beispielsweise von SAP, Oracle oder Siemens, mit denen sich ganze Fabriken steuern lassen!

Sebastian Seutter: Da haben Sie recht. Aber das sind letztlich an sich wieder »Einzellösungen«, die jetzt ganzheitlich neu gedacht werden. Ich denke, wir kommen jetzt in ein neues Zeitalter. Unternehmen sind sich darüber klar, dass sie eine mehr oder minder große Domänenexpertise oder Branchenwissen angehäuft haben. Um IIoT jedoch sinnvoll nutzen zu können, muss ein Unternehmen auch noch Software-Wissen aufbauen, um Software-Geschäft betreiben zu können. Das bedeutet also, dass sich zwei Spieler auf Augenhöhe treffen. Der eine bringt Branchenkompetenz mit und der andere die Software-Kompetenz. Wenn man das zusammenbringt, zeigt sich der Charme, der in diesen Partnerschaften liegt. In diesem Bereich spielt heute die Musik.

DESIGN&ELEKTRONIK: Im kommerziellen Bereich ist vieles eigentlich bereits vernetzt. Worin besteht aus Ihrer Sicht der Unterschied zwischen einer einfachen Vernetzung und einem Industrial IoT?

Sebastian Seutter: Ein erster Aspekt ist die Konnektivität. Unsere Kundschaft ist sehr vielfältig. Nehmen wir ein Beispiel aus dem Baugewerbe: Die Firma Bauer produziert spezielle Anker, um im Spezialtiefbau beispielsweise Spundwände zu fixieren. Jedes Mal, wenn so ein Anker gesetzt wird, verbleibt er dauerhaft hinter zwei oder drei Metern Beton. Trotzdem will man während der Nutzungsdauer wissen, ob der Anker noch in Ordnung ist und die Last tragen kann. Damit nicht beispielsweise ein Stück Verschalung aus einer U-Bahnröhre herunterfällt.

Die erste Herausforderung bei so einem Einsatzfall ist: Wie kommen wir an solche Daten heran? Wenn wir in unsere Wohnung kommen, dann verbindet sich unsere Sonos-Box automatisch mit unserem Smartphone. Wir können Netflix über unser Smartphone anschauen und so weiter. Das funktioniert so reibungslos, weil Wi-Fi in der Heimvernetzung als Standard einfach gesetzt ist. In der Industrie gibt es jedoch kaum solche Standards. Man beginnt erst, sich darauf zu einigen. Ein sehr feines Beispiel ist OPC-UA.

Ein Unternehmen muss überlegen, in welchen industriellen Anwendungsfeldern es unterwegs ist. Das kann von den Verpressankern der Firma Bauer bis zu hochmodernen Fertigungsstraßen reichen, wo alle modernen Konnektivitätsstandards vorhanden sind. Und als Nächstes sind die Lebenszyklen zu betrachten. Bei Konsumenten kommen und gehen die Standards schnell. Wer transferiert heute noch groß Daten über einen USB-Stick? Doch in der Industrie mit ihren vielen bestehenden Anwendungen zeigen mir Kunden oft stolz ihre Maschinen, die 50 Jahre alt sind und immer noch arbeiten. Das sind die Gewinnbringer in diesen Unternehmen, weil sie schon lange abgeschrieben sind.

Microsoft, Sebastian Seutter, Industrial IoT, IIoT
© Microsoft

Über das IIoT lassen sich Daten aggregieren und visualisieren.

DESIGN&ELEKTRONIK: Welches ist der zweite Unterschied zwischen einer einfachen Vernetzung und einem Industrial IoT?

Sebastian Seutter: Dabei geht es im Wesentlichen um Daten, Datenmodelle und die Sicherheit der Daten. Im Verbraucherumfeld gibt es ja relativ wenige Daten und gesetzte Datenstandards. Und das Thema Cyber-Security erledigt sich im privaten Umfeld meistens schon damit, dass man seinen Router schützt und sich sagt, man sei ja klein genug, da gibt es nichts wirklich Wertvolles zu hacken.

In der Industrie ist das natürlich fundamental anders. Wenn dort Daten gestohlen werden, kann der Schaden immens sein. Und jeder kleine Sensor, der vernetzt ist, kann als Angriffspunkt aus dem Internet dienen. Ist nur ein einziger Sensor falsch konfiguriert, kann jeder in die Fabrik reinspazieren.

Noch perfider wird das Ganze, wenn künstliche Intelligenz in die Fabriken einzieht. Angenommen, ein neuronales Netz wird darauf programmiert, den Auslastungsgrad einer bestimmten Maschine auf 88 Prozent zu bringen. Ein Szenario könnte nun so aussehen, dass ein Hacker ein Software-Modell in dieses neuronale Netz einschleust, das den Auslastungsgrad sukzessive auf 60 Prozent herunterfährt. Das bekommen Sie als Unternehmen anfangs gar nicht mit. Sie beobachten, dass sich die Maschine über ihren Algorithmus ständig optimiert – aber es geht immer weiter nach unten statt nach oben.

Im Consumer-Umfeld passiert da im Grunde relativ wenig. Sie ärgern sich vielleicht, wenn der Film beim Streaming etwas ruckelt, weil die Wi-Fi-Bandbreite sinkt. Aber im industriellen Umfeld sind die Geschäfts- und Betriebsmodelle komplex und es gibt große Ökosysteme mit Partner und Zulieferern. Das ist die große Herausforderung für uns als IIoT-Anbieter: in diesem Umfeld sicher zu agieren.

Seite 1 von 4

1. »Beim Industrial IoT steht am Ende immer noch der Kunde«
2. Unterschied zwischen Connected Home und IIoT
3. Anforderungen an eine IIoT-Plattform
4. Datenhoheit und Hausaufgaben für IIoT-Interessenten

Auf Facebook teilen Auf Twitter teilen Auf Linkedin teilen Via Mail teilen

Das könnte Sie auch interessieren

Verwandte Artikel

Microsoft, Microsoft Deutschland GmbH