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Medizintechnik und Intralogistik

»Die Pandemie gibt der Digitalisierung enormen Schub«

09. April 2020, 06:22 Uhr   |  Engelbert Hopf

»Die Pandemie gibt der Digitalisierung enormen Schub«
© Markt&Technik

Bernhard Erdl, Puls: »Vielleicht haben wir bisher in Europa an vielen Stellen die Notwendigkeit der Digitalisierung nicht gesehen. Durch die Corona-Krise erhält die Digitalisierung nun aber einen enormen Schub.«

Auch wenn es Branchen gibt, die in der aktuellen Krise einen starken Bedarf an Stromversorgungen haben, sieht Bernhard Erdl, Gründer und Geschäftsführer von Puls, eine enorme Herausforderung auf Automobilindustrie, Maschinen- und Anlagenbau zukommen.

Werden ihre Bedarfe schnell auf das Vorkrisenniveau zurückkehren?

Markt&Technik: Puls produziert sowohl in China als auch in der Tschechischen Republik. Gab es regionale Unterschiede in der Handhabung der Corona-Krise? Welche Lehren haben Sie aus den Erfahrungen in China gezogen?

Bernhard Erdl: In China wurde das generalstabsmäßig angegangen. Da wurden Taskforces gebildet, Abläufe definiert und festgelegt. Da wurden Tipps zur Organisation im Homeoffice gegeben: „Kleidet euch, als wenn ihr in die Arbeit gehen würdet, sorgt für einen regelmäßigen Tagesablauf.“ Vor diesem Hintergrund waren bei uns in China innerhalb von zwei, drei Tagen 70 Mitarbeiter im Homeoffice. Es hat mich verblüfft, wie strukturiert das in unserem chinesischen Werk ablief. In der Tschechischen Republik sind die Mitarbeiter dagegen sehr schnell zu Eigeninitiative übergegangen. So haben die Frauen zu Hause Gesichtsmasken angefertigt, es wurden selber Desinfektionsmittel gemixt. Wenn man so will, sind die Reaktionen ein Spiegelbild der jeweiligen Gesellschaftsstrukturen – dort autokratisch, in Europa individuell und demokratisch.

Wie sind Sie mit der Situation hier im Headquarter in München und am Entwicklungsstandort Wien umgegangen?

Ich habe in KW 12 die erste virtuelle Mitarbeiterversammlung meines Lebens einberufen. Wir haben als eine der ersten Maßnahmen für alle Puls-Mitarbeiter iPhones XR gekauft, um eine reibungslose Kommunikation sicherzustellen, wenn die Mitarbeiter ins Homeoffice gehen. Für diejenigen, die trotzdem noch ins Unternehmen kommen mussten, haben wir, wenn sie kein eigenes Auto besitzen, Fahrzeuge organisiert, damit sie nicht mit dem Münchner Nahverkehr unterwegs sein mussten. Unsere Hardware-Entwicklung, die ja schlecht von zu Hause aus arbeiten kann, arbeitet jetzt in Schichten. Alle haben sofort mitgezogen, alle waren darum bemüht, gemeinsam durch diese Krise zu kommen. Das lässt sich auch eindrucksvoll daran ablesen, dass jetzt eigentlich Lohn- und Gehaltsrunden angestanden hätten, die wir mit Zustimmung der Mitarbeiter nun um drei Monate verschoben haben.

Würden Sie denjenigen Recht geben, die bereits Anfang Februar davon überzeugt waren, dass China im Verlauf der Coronavirus-Pandemie mittelfristig nicht das Problem sein würde, sondern die Auswirkungen im Rest der Welt?

Ich würde das nicht auf China beschränken, ich würde das auf ganz Asien ausdehnen. Die Mehrzahl der asiatischen Staaten war und ist in ihren Maßnahmen gegen die Verbreitung des Coronavirus wesentlich härter beziehungsweise konsequenter vorgegangen als der Westen. In Deutschland dagegen musste sich zu Beginn der Bayerische Ministerpräsident Markus Söder dumm anreden lassen für die getroffenen Maßnahmen. Vor dem Hintergrund dessen, was in Asien abgelaufen ist, haben wir hier in Europa zu spät und zu langsam reagiert. Ich gehe deshalb auch davon aus, dass Asien besser durch die aktuelle Krise kommen wird. Die Bereitschaft, einfach auch mal unangenehme Dinge hinzunehmen, ist dort höher.

In Europa haben sich Italien, Spanien und die Schweiz zu Hotspots der Pandemie entwickelt. Italien hat die Produktion aller nicht lebenswichtigen Güter eingestellt. Welche Auswirkungen wird es haben, wenn auch andere wichtige Industrienationen in diesem Maße reagieren?

Wir leben in einer global vernetzten Wirtschaft. Ich mache mir darum derzeit weniger Sorgen um die Versorgungskette als vielmehr um unsere Abnehmer. Maßnahmen wie in Italien treffen die Wirtschaft härter als Probleme in der Versorgungskette. Als DIN-Schienen-Netzgeräte-Hersteller sind wir Bestandteil der Investitionsgüterindustrie. In der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2009 mussten wir einen Umsatzrückgang von 28 Prozent hinnehmen. Auch unter den positivsten Bedingungen, das wäre derzeit eine Rückkehr zur Normalität im Mai, sind die bis dahin aufgelaufenen Auswirkungen der Krise nicht mehr aufzuholen. Als absolutes Negativszenario halte ich deshalb Umsatzrückgänge von 40 Prozent für 2020 durchaus für möglich. In der Krise gilt: Cash is King! Die Unternehmen werden sich mit Investitionen so lange zurückhalten, bis sie wieder Vertrauen in die Wirtschaft haben.

Wie stellt sich aktuell die Versorgungskette dar? Hat sich der Materialfluss aus China wieder stabilisiert? Welche Konsequenzen haben die beschränkten Cargo-Kapazitäten?

Abgesehen davon, dass es ab und an etwas hakt, können wir derzeit keine Probleme in der Lieferkette feststellen. Sollten wir allerdings wegen Störungen auf Luftfracht ausweichen müssen, geht das massiv in die Kosten. Zusätzlich erhöhen sich die normalen Luftfrachtpreise noch wegen der eingestellten Passagierflüge, in denen auch Fracht transportiert wurde.

Auf welchem Produktions- und Umsatzniveau läuft Puls derzeit? Wie lange, denken Sie, können Sie diese Situation durchhalten?

Wir haben in China inzwischen wieder 85 bis 90 Prozent unserer Produktionskapazität erreicht. In Chomutov in der Tschechischen Republik müssen viele weibliche Mitarbeiter zu Hause bleiben, um die Kinder zu betreuen. Dort liegen wir derzeit von der Produktionskapazität bei 80 Prozent. Da unsere Auftragslage in den ersten Monaten des Jahres hervorragend war, haben wir diese Nachfrage in den letzten Wochen über unsere Lager bedient. Wir verfügen noch über sehr gut gefüllte Bauteil-, aber auch Stromversorgungs-Lager. Normalerweise würde unser Stromversorgungslager genügen, um den Bedarf eines Vierteljahres zu bedienen. Das hat sich inzwischen auf eine Lagerreichweite von zwei Monaten reduziert. Ich sehe kein Problem, die jetzige Situation auch über den Herbst hinaus durchzuhalten.

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