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Deutsche Elektronik-Mittelstand

Produktion mit Sicherheitsabstand

02. April 2020, 09:09 Uhr   |  Engelbert Hopf

Produktion mit Sicherheitsabstand
© Ridvan / peterschreiber.media.

Sie bilden auch in der aktuellen Corona-Krise das Rückgrat der deutschen Wirtschaft: mittelständische Unternehmen. Eine aktuelle Umfrage dieser Zeitung zeigt, dass in fast allen befragten Unternehmen der deutschen Elektronikbranche bis Ende März die Produktion auf dem Niveau der Vorkrisenzeit lief.

Es gibt sogar einzelne Bereiche, wie die Medizintechnik, die aktuell deutlich höheren Bedarf haben, wie etwa Michael Brinkmeier, Head of Marketing bei Friwo, bestätigt. »Unsere Produktion läuft auf Hochtouren«, versichert auch Thilo Hack, Director Industrial Solutions bei Ansmann, »aber auch andere Bereiche wie Sicherheit und Gebäudetechnik rufen aktuell höhere Mengen ab«.

Was für die Komponenten- und Subsystemlieferanten gilt, bestätigt auch Dr. Christian Klimmer, einer der Geschäftsführer der GS Elektromedinzinische Geräte. Das Unternehmen zählt mit der Marke Corpuls zu den Weltmarktführern für medizinische Geräte im Bereich der präklinischen und klinischen Kardiotherapie. »Wir fertigen derzeit in einer Sechstagewoche«, so Dr. Klimmer. »Unser Unternehmen ist als systemrelevant einzustufen.« Die größte Gefahr sieht er aktuell neben einer Unterbrechung der Lieferkette darin, dass es innerhalb der Produktionsteams zu einem oder mehreren Corona-Fällen kommt.

Corpuls GS
© Corpuls GS

Dr. Christian Klimmer, GS Elektromedizinische Geräte: »Wir lassen aktuell in unserer Produktion Überstunden explizit zu und fertigen mit erhöhter Kapazität an sechs Tagen die Woche.«

Aus diesem Grund wird in Kaufering wie in vielen anderen Unternehmen der deutschen Elektronikbranche inzwischen auf einen erhöhten Sicherheitsabstand zwischen den einzelnen Mitarbeitern in der Fertigung geachtet. Teilweise wird dabei nicht nur mit zwei, sondern mit vier Metern Abstand gearbeitet. Dass sich angesichts nicht mehr optimaler Arbeitsflüsse dabei die Produktionszeiten verlängern, wird in Kauf genommen, wie auch Joachim Klingler, Vertriebsleiter bei Frizlen, bestätigt.

Dort, wo das offenbar nicht möglich ist, haben Unternehmen bereits die Produktion eingestellt. Dass dies, wie Josef Pfeil, Vertriebsleiter bei Dynamis Batterien, und Bernhard Erdl, Gründer und Geschäftsführer der Puls, vermeldeten, zuletzt häufiger bei Unternehmen in Österreich und der Schweiz zu beobachten war, mag Zufall sein. Doch Klingler bestätigt, dass auch große Kunden den Betrieb bereits geschlossen haben oder die Produktionsunterbrechung für Ende März angekündigt haben.

Für die befragten mittelständischen Unternehmen ist das derzeit offenbar noch keine unmittelbar bevorstehende Option. Vielmehr versuchen sich die Unternehmen für weitere mögliche Verschärfungen des Lockdowns oder ein Abreißen der Lieferkette zu wappnen. So wurde bei Fortec Elektronik, wie Jörg Traum, Geschäftsführer der Emtron, bestätigt, für einen Teil der deutschen Standorte bereits Kurzarbeit angezeigt, um im Bedarfsfall dann schnell in die Kurzarbeit wechseln zu können.

Ähnlich die Situation bei EEPD. Dort hat man sich darauf vorbereitet, frühestens zum 1. April in Kurzarbeit zu gehen. Unabhängig von einer solchen Maßnahme versichert Christian Blersch, Geschäftsführer der EEPD, »dass wir den aktuellen Krisenmodus mit etwa 80 Prozent der Kapazität und allen damit verbundenen Maßnahmen bis Ende September aufrecht erhalten können«. Spätestens ab Oktober 2020 rechnet er dann wieder mit einer langsamen Normalisierung der Lage. Eine Einschätzung, die auf den Planungen seiner Kunden basiert.

Christian Blersch, E.E.P.D.: »Den Kunden reicht ein BSP nicht, sie wollen ein fertig konfiguriertes System mit Patches.«
© WEKA Fachmedien

Christian Blersch, EEPD: »Vonseiten unserer Kunden registrieren wir noch keine Nachfrageeinbrüche, und auch unsere Kunden halten ihre Produktionen derzeit weiter aufrecht.«

Mit dem Thema Kurzarbeit haben die meisten der mittelständischen deutschen Elektronikunternehmen schon im Jahr 2009 anlässlich der Auswirkungen der damaligen Finanz- und Wirtschaftskrise Erfahrungen gesammelt. Einer der Vorreiter in diesem Jahr ist ebm-papst in St. Georgen; das Unternehmen hat zumindest an einem Standort für seine Mitarbeiter der indirekten Bereiche bereits am 23. März für vier Wochen Kurzarbeit beantragt. Neben dem Ziel, die möglichen Ansteckungsketten zu unterbrechen, dient diese Maßnahme, wie das Unternehmen in einer Mitteilung klar kommuniziert, der Sicherung der Arbeitsplätze und der Liquidität des Unternehmens. Aktuell prüft das Unternehmen, ob diese Maßnahme auch an den Standorten Mulfingen und Landshut eingesetzt werden soll.

Eine ganz andere Vorgehensweise hat der Widerstandsspezialist SRT Resistor Technology im mittelfränkischen Cadolzburg gewählt, wie Geschäftsführer Dr. Lutz Baumann erläutert: »Kurzarbeit ist bei uns kein Thema, wir arbeiten unter Volllast. Die Auftragslage entspricht dem vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Wir haben uns deshalb dazu entschlossen, eventuelle freie Produktionskapazitäten dazu zu nutzen, um Aufträge vorzuziehen. Auf diese Weise wollen wir möglichen, krankheitsbedingten Ausfällen in der Produktion vorbeugen.«

Fast durchweg positiv bewerteten die befragten Unternehmen die Anstrengungen der Bundesregierung, durch Hilfsprogramme die aktuellen Auswirkungen der Pandemie und des eingeleiteten Shutdowns abzumildern. Gleichzeitig sprechen sich die Firmen aber auch dafür aus, keine staatliche Unterstützung für Firmen zu gewähren, deren Probleme auf ihr Business-Konzept und nicht auf die Auswirkungen der aktuellen Pandemie zurückzuführen sind. Blersch führt in diesem Zusammenhang sehr genau aus, wie die staatliche Unterstützung am besten bei den Unternehmen ankommen könnte.

Lesen Sie seine Ausführungen und die Antworten aller an der Umfrage beteiligten Unternehmen auf markt-technik.de unter „So reagiert der deutsche mittelstand auf die Corona-Krise“.

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