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Mehr als nur ein Epidemie-Ausbruch

12. März 2020, 10:36 Uhr   |  Engelbert Hopf

Mehr als nur ein Epidemie-Ausbruch
© Markt&Technik

Engelbert Hopf, Chefreporter, EHopf@markt-technikl.de

Coronavirus verändert die Debatte um die Globalisierung

Die Pleite der Lehman Brothers, die Dreifachkatastrophe von Fukushima, Vulkanausbrüche und Überschwemmungen – allein in den letzten zwölf Jahren wurde die Elektronikbranche mit einer Reihe von Herausforderungen konfrontiert, die unvorhersehbar waren. Letztlich ging sie aus all diesen Herausforderungen gestärkt hervor. Seit Januar lautet die Herausforderung nun Covid-19.

Im Gefolge des Lehman-Kollapses haben viele Unternehmen ihre bis dahin hohe Abhängigkeit von Bankkrediten deutlich reduziert. Niedrige Zinsen und Änderungen der Unternehmensbesteuerung, etwa in den USA, taten ein Übriges dazu, dass viele Unternehmen heute finanziell stabiler dastehen als 2008/09. Fukushima führte dazu, dass sich nicht nur Systementwickler und OEMs ihre Lieferketten deutlich genauer angesehen haben. Wer danach immer noch auf Single Sourcing setzte, der legte zumindest Wert auf eine zweite Fertigungsstätte des Lieferanten seines Vertrauens.

Der Unterschied zum Thema Coronavirus besteht in der allumfassenden, globalen Auswirkung. Covid-19 belastet nicht nur temporär die Lieferkette, mit Covid-19 steht offenbar auf einmal die Möglichkeit im Raum, das große Ganze zu verändern. Harold James, Wirtschaftshistoriker an der Universität Princeton, hält es durchaus für möglich, »dass Covid-19 das Schwinden der Globalisierung auslöst«. Benjamin Shobert, Gesundheitsstratege bei Microsoft, sagte kürzlich vor einem Kongressausschuss zum US-chinesischen Verhältnis: »Vieles, was die moderne Ära der Globalisierung getragen hat, ist nicht länger gültig.« Sein Fazit: Gegenseitige Abhängigkeit funktioniere nicht, wenn Angst und Misstrauen wachsen.

»Die Globalisierung in der Form, alles dorthin zu bringen, wo die Produktion am effizientesten ist, das ist vorbei«, legt sich auch Jörg Wuttke, Präsident der Europäischen Handelskammer in China, fest. »Wir müssen schauen, dass wir nicht von einer Region in dieser Welt abhängig sind«, fordert Ralph Brinkhaus, CDU/CSU-Chef im Bundestag. Mit Frankreichs Finanzminister Bruno Le Maire formulierte es ein europäischer Spitzenpolitiker einer großen Wirtschaftsnation vor Kurzem so: »Wir werden alle unsere industriellen Lieferketten überprüfen, um Geschäfte in den strategisch wichtigsten Bereichen wieder zu lokalisieren, souverän und unabhängig zu werden.«

Sollten Statements wie dieses nicht nur Lippenbekenntnisse bleiben, dürften sie das verstärken, was inzwischen „Globalisierung der Patrioten“ genannt wird. Welthandel ja, aber zu meinen Konditionen. Ob sich damit mittel- und langfristig das Wohlstandsniveau in den westlichen Industrienationen halten lässt, wird spannend. Welche Konsequenzen eine Umsetzung dieser Überlegungen für China und die dortige Staatsführung hätte, lässt sich aus heutiger Sicht wohl überhaupt noch nicht abschätzen. Sicher scheint bislang nur eines: Die 120 bis 160 nm großen Viruspartikel entwickeln weltweit ungeahnte Effekte weit jenseits des klassischen Gesundheitswesens.

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