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Interview: Datenbrillen & Mikrodisplays

Reif für Assisted Reality


Fortsetzung des Artikels von Teil 1

Anwendungsfälle für Assisted Reality

Vogel: Augmented Reality ist insgesamt ein sehr komplexer Vorgang, bei dem sich noch ein paar Hürden auftun. Eine davon ist, dem Anwender eine virtuelle Überlagerung seines Sichtfeldes zu liefern, die zwar meist nur lokale Abschnitte betrifft, aber eine große Sichtfläche abdecken muss. Der Mensch kann ein relativ weites Sichtfeld überblicken und daher stößt man schnell an Grenzen, wenn dieses Sichtfeld vollständig mit einem virtuellen Bild überlagert werden soll.

Wo ist Assisted Reality gefragt?

Vogel: Zum Beispiel in der Logistik und im Automobil­bereich. Hier unterstützen Arbeitsanweisungen oder Informationen wie Außentemperatur, Fahrgeschwindigkeit oder Navigationssymbole den Anwender auch ohne räumlich
korrekte Überlagerung. Auch in der Wartung von Windkraftanlagen ist dem Techniker geholfen, wenn er das Fachwissen aus mehreren Handbüchern in einer Datenbrille ins Feld mitnehmen kann, sie sich ins Sichtfeld einblendet und dabei die Hände frei hat.

Richter: Die Vorstellung vom Eintauchen in eine erweiterte Realität, bei der das gesamte Sichtfeld virtuell überlagert werden kann und das am besten ohne spürbares Zusatzgewicht am Kopf, wird zwar häufig gewünscht, ist aber leider noch deutlich weiter von der Umsetzung entfernt, als es manche Marketingabteilungen suggerieren. Mit Assisted Reality kommt man aber in vielen Anwendungsbereichen schon recht weit – und das entdecken nun auch mehr und mehr Anwender.

Relevante Anbieter

Technischer Reifegrad von AR und VR

Assisted-Reality-Anwendungen benötigen keine Szenenerkennung.
© Claudia Jacquemin | Fraunhofer FEP
Gartner Hype-Zyklus, bei dem zuletzt Virtual Reality auftaucht.
© Gartner
Gartner Hype-Zyklus Sommer 2018.
© Gartner

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Wie schätzen Sie die technische Reife von Datenbrillen ein – das Verschwinden aus Gartners Hype-Zyklus hatte damals ja für Diskussion in der Branche gesorgt.

Vogel: VR ist 2017 aus dem Hype-Zyklus verschwunden
und AR 2019. Die Prognose von Gartner war zum jeweils damaligen Stand, dass VR in zwei bis fünf Jahren technisch ausgereift und auf dem Markt etabliert sei. Tatsächlich gibt es heute auch einen Markt für VR, aber vor allem im Gaming in der Konsumelektronik. Im industriellen Bereich nutzt man es gerne im Design oder Training, aber die Einsatzfelder sind doch eher überschaubar. Ich denke also nicht, dass VR schon auf dem Plateau der Produktivität angekommen ist.

Bei AR sollte es laut Gartner-Prognose noch fünf bis zehn Jahre bis zum Plateau der Produktivität dauern. Das deutet schon an, dass Gartner gesehen hat, dass hier noch einiges an Arbeit zu tun ist. Ich würde sagen, dass es noch immer fünf bis zehn Jahre dauern wird – wobei die Assisted-Reality-Anwendungen deutlich weiter sind und vielleicht in zwei bis drei Jahren für einen breiteren Einsatz ausgereift genug sind. Hier gibt es bereits viele Anwendungsfälle in der Industrie, die sich mindestens im Pilotprojektstatus befinden.

Wo sehen Sie die größten Arbeitsfelder für die technische Weiterentwicklung?

Vogel: Bei der VR-Brille ist das Sichtfeld noch ein Stück wichtiger als bei AR. Das ist ein großes Arbeitsfeld. Eingesetzt werden in heutigen VR-Brillen häufig Abkömmlinge von Smartphone-Displays mit entweder einem Display für beide Augen oder mit je einem Display pro Auge. Nominell erreicht man damit hohe ppi-Werte, aber bei der wichtigeren Angabe, der Pixelanzahl pro Grad Sichtfeld, werden damit nur etwa 13 bis 15 Pixel pro Grad erreicht. Mit anwendungsspezifisch entwickelten und hochauflösenden Mikrodisplays kann man Anordnungen mit zwei Displays pro Auge entwickeln, mit denen man auf etwa 24 Pixel pro Grad kommt und einer Gesamtauflösung von 4.800 × 1.920 Pixeln. Bei so hohen Auflösungen ergeben sich auch hohe Anforderungen an die GPU für die Datenübertragung mit 120 Hz Bildfrequenz.


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  3. Mikrodisplays: hohe Reife mit Preisschild

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